Homo Faber : Pressestimmen

Länge: 117 Min. Format: 35mm Farbe

Kinostart (DE): 21.03.1991 (FBW "besonders wertvoll"); TV-Erstausstrahlung (DE): 24.07.1994

Preise:
Bayerischer Filmpreis 1992 (Bester Film)
Deutscher Filmpreis 1991 (Filmband in Silber, Produktion)
Gilde deutscher Filmkunsttheater 1991 (Gilde-Filmpreis in Silber)


AZ-feuilleton 20.03.1991

Von Angie Dullinqer

"Mögen alle Besserwisser recht behalten mit all den fundierten Zweifeln an der Möglichkeit, Literatur in das Augen-Sinnen-Medium Film zu übersetzen - Volker Schlöndorff darf sich über (Selbst)Zweifel erhaben fühlen mit dieser skrupulösen Adaption des existenzialistisch klassischen Romans "Homo Faber" von Max Frisch. ...

Glaubwürdig auch der amerikanische Autor Sam Shepard als Faber, der als Amerikaner auf Europareise {bei Frisch ist Faber ein Schweizer) das Schicksal erfüllt, dem er entfliehen wollte. Seine große Liebe (Barbara Sukowa: Vulkan-Temperament hinter steinerner Fassade) hat Faber der Karriere geopfert, in der gemeinsamen Tochter Sabeth (Julie Delpy: tragischer Botticelli-Engel) findet der unwissend-ahnungslose Faber diese Liebe wieder, die vom Tod Sabeths beendigt wird. Das Drama kennt keine Versöhnlichkeit: Shepard steigert verhalten-präsent die Stationen der Lebenslüge bis ins ewige Bereuen. Ein Film, zum Weinen schön (Arri, Fantasia, im Maxim in englischer OF)."

Süddeutsche Zeitung 20.03.1991

Von Peter Buchka

"... Der schlimmstmögliche Ausgang war Volker Schlöndorff schon immer recht. Der verlogenen Konvention des Happy-Ends hat er sich noch nie gebeugt. ...

Ein erstes Loch in die Hochglanzoberfläche der puren Buch-illustration schlägt der Hauptdarsteller. Sam Shepard, selber ein Dichter von Rang, ist eine eigenartige Mischung von Profi-Schauspieler und Laiendarsteller. In erster Linie ist er ein Typ, der die Aura des letzten aller 'lonesome cowboys' stets mit sich schleppt. In zweiter Linie ist er natürlich Intellektueller, der sorgfältig nachgedacht hat. ... Entscheidend dabei ist das Gefühl, das er verbreitet: die Stimmung einer abgrundtiefen, existentiellen Einsamkeit, die um so unausweichlicher erscheint, je turbulenter das Geschehen sich entwickelt. In diesen Riss der Oberfläche träufelt Schlöndorff das Gift seiner ureigenen Autorenschaft, die sich wie immer nur in der Kontinuität eines Gesamtwerks beweisen kann. Auf einmal ist dieser Faber in seiner Einsamkeit nicht mehr allein. Als ob ein Vorhang weggezogen würde, erscheinen hinter oder besser in Faber all die anderen Schlöndorff-Figuren: der Zögling Törless, Katharina Blum, der Blechtrommler Oskar, der Reporter Laschen und der unglückliche Liebhaber Swann.

Damit ist das Eis gebrochen: Unter der Frisch-Verfilmung kommt immer eindeutiger der Schlöndorff-Film zum Vorschein. Die Einsamkeit gibt ihre Ursache preis: das unselige Verhältnis von Mann und Frau, die sich beide nach Liebe verzehren und denen doch allemal die Erfüllung versagt bleibt. Und wieder tauchen Vorbilder aus früheren Filmen auf: aus 'Strohfeuer' und 'Fangschuss' , aus 'Fälschung' und 'Eine Liebe von Swann'. ...

Keine Frage, dass 'Homo Faber' für Schlöndorff eine Summe ist, mit der er die Bilanz einer 25jährigen Filmarbeit und eines doppelt so langen Lebens zieht. ...

Frisch hat aus der Unausweichlichkeit eines verkümmernden Schicksals die Konsequenz gezogen, die Biographie eines Menschen nurmehr als Spiel der Möglichkeiten zu begreifen. Schlöndorff deutet durch das Musenkind Sabeth immerhin an, dass aus der Berechenbarkeit des Unglücks etwas herausführen könnte, was Faber am meisten verabscheut: Magie, Metaphysik, Kunst."