Deutschland im Herbst : Pressestimmen

Länge: 123 Min. Format: 35mm Farbe und s/w

Uraufführung (DE): 03.03.1978, Berlin, IFF (FBW "besonders wertvoll"); TV-Erstausstrahlung (DE): 16.09.1995

Preise:
Deutscher Filmpreis 1978 (Filmband in Gold, An das Team für die Konzeption)


Die Zeit 22.03.1978

Von Hans C. Blumenberg

"Das größte Kompliment, das man dem Film "Deutschland im Herbst" machen kann, heißt: Dieser Film hätte von keiner deutschen Fernsehanstalt produziert werden können, und kein Sender würde ihn in dieser Form ausstrahlen. Er ist entschieden unausgewogen (wenn auch nicht parteilich), er ist fragmentarisch und kommt zu keinen nützlichen Erkenntnissen, er ist die Arbeit von unabhängigen Filmemachern.

... geeignet als Modell für eine Film-Arbeit der Zukunft: gerade in den ausführlichen dokumentarischen Sequenzen, die zeigen (beim Staatsakt für Schleyer ebenso wie beim makabren Begräbnis der Terroristen auf dem Dornhalten-Friedhof), was das Fernsehen zu zeigen nicht die Geduld und den Mut hatte.

... Von Angst handelt Rainer Werner Fassbinder in seinem Beitrag, der sehr schnell und spontan entstand. Fünf Tage lang drehte Fassbinder mit nur vier Mitarbeitern in seiner Münchner Wohnung, noch deutlich gezeichnet von der Erschöpfung und zeitweiligen Panik, die die Ereignisse im September und Oktober bei ihm ausgelöst hatten. Eine Seite aus seinem Tagebuch, so uneitel und radikal von sich selber sprechend wie vorher nur in "Satansbraten", physisch und psychisch nackt vor der Kamera von Michael Balllaus, kotzend und heulend, feige und gewalttätig. ... Dazwischen ein langes Gespräch mit seiner Mutter, über die Ruhe im Lande, über Demokratie, wie sie ist, und wie sie sein könnte."

Der Spiegel

Von Wolfgang Limmer

Bilder aus der Wirklichkeit

"... Kraut und Rüben, ein zerfetztes, ratloses und wütendes Panorama von Furcht und Elend der Bundesrepublik. Zwei extreme Bilder ein und desselben Rituals klammern den Film ein: Auffahrt des Mercedes-Konvois bei der Beerdigung Hanns Martin Schleyers. Hinter der Trauergemeinde am Grab weht ein Wald von Esso-Flaggen. Vermummte Gesichter, erhobene Fäuste, rote Fahnen am Grab von Baader, Ensslin, Raspe. Im Hintergrund eine Formation berittener Polizei. Die Wirklichkeit erfindet ihre aufdringlichsten Symbole selbst.

... Mit beißender Ironie schildert er (Schlöndorff) nach einem Drehbuch von Heinrich Böll die Sitzung einer Fernsehkommission, die eine Inszenierung von Sophokles' Antigone abzunehmen hat. ...

In Alexander Kluges Beitrag versucht eine Geschichtslehrerin die historischen Wurzeln der Aktualität auszugraben. Kluge selbst hilft nach, sprengt den Episodenrahmen und stellt mit Archivmaterial vom Begräbnis Rommels und Bildern aus dem Dritten Reich Geschichtsbezüge her, die der Haltung des Schreckens, aus der dieser Film entstanden ist, eine Phänomenologie staatlicher Gewalt und Ritualinszenierung zuliefert.

Eben diese aktuellen Rituale, Staatsbegräbnis und Schindacker-Atmosphäre, Pomp und Polizei machen, ohne dass es eines Kommentars bedürfte, sinnlich klar, wie zerrissen dieses Land ist. So zerrissen wie dieser Film, der keine bequemen Antworten gibt, sondern mit unbequemen Bildern unseren Zustand abtastet."