Ulrich Matthes

Ulrich Matthes ist ein deutscher Theater- und Filmschauspieler. Am Theater spielte er unter anderen in WER HAT ANGST VOR VIRGINIA WOOLF? und MINNA VON BARNHELM. Besonders bekannt ist seine Darstellung des Goebbels in dem Film DER UNTERGANG. Mit Schlöndorff arbeitete Ulrich Matthes bei den Filmen DER NEUNTE TAG und DAS MEER AM MORGEN zusammen. 

Während ich dies schreibe, sitzt Uli Matthes im Zug nach Köln, auf dem Weg zu einer Matinee-Lesung aus Michael Kehlmanns neuem Roman, gestern Abend war ONKEL WANJA, heute Abend rechtzeitig zurück wird er WER HAT ANGST VOR VIRGINIA WOoLF spielen. Warum arbeitet er so viel? Ist er ein Streber? Nein. Hat er Liebeskummer? Kann sein. Ich glaube aber; er ist eher aus dem sittlichen Gefühl, soviel wie möglich aus seiner Begabung machen zu müssen, so fleißig. Plus est en toi. Es steckt mehr in dir. Und es macht Spaß es herauszuholen.

Ein Buch über ihn ist ein Muss, und zwar ein Textbuch, kein Bildband. Denn bevor er Freund und Schauspieler ist, ist er Leser. Neugierig will er wissen, außerdem muss man einfach wissen, darf nicht ignorieren. Das ist seine Ethik, die er aus keiner Religion, aus keiner Ideologie und erst Recht aus keiner konservativen Wertepolitik bezieht. Diese Ethik ist seine Natur. Er fordert was, von sich und den anderen, den Zuschauern und den Freunden. Das traut er sich einfach: zu fordern. Aus einem Selbstvertrauen heraus, einer inneren Sicherheit, die er sich vielleicht erworben hat, die ihm vielleicht angeboren ist, die auf jeden Fall auf ein gutes Elternhaus verweist.

Das schließt nicht aus, dass er vielleicht mal Fehler macht, nicht bei der Interpretation der Rollen, eher bei der Wahl, aber nur weil er sich eben traut, auch mal was auszuprobieren. Stimmt die Rolle, kenne ich keinen falschen Ton, meist ist er ernsthaft, kann aber auch sehr komisch sein, rührend und hilflos, nie sentimental, streng, aber nie verbohrt, fanatisch, seelenlos. Was er als Leser im Leben beginnt, setzt er auf der Bühne fort: gedankliche Auseinandersetzung mit unserer Geschichte meist, unserer menschlichen Natur, das heißt unserem Umgang miteinander. Seine Stimme zeichnet mit vollem Timbre nach, was sich durch sein Hirn windet und was sein Herz bis zum Zerreißen wendet. Er berührt uns unmittelbar, erleuchtet uns, indem er uns das Gefühl gibt, so klug zu sein wie er. Als er den Goebbels im UNTERGANG gab und gleich danach den Priester im NEUNTEN TAG; er also Täter und Opfer fast gleichzeitig darstellen musste, half ihm sicher der Eine den Anderen auszutreiben. Als Darsteller musste er auf zwei völlig verschiedene Disziplinen zurückgreifen: als Goebbels durfte und musste er sich aller virtuosen Tricks bedienen, die ein Schauspieler sich nur professionell erarbeiten kann, von der Dialektfärbung bis zur Körpersprache eines Behinderten, von der Schärfe des Ausdrucks bis zur Dummheit und Verständnislosigkeit eines windigen Geistes; in der Rolle des Priesters, der im KZ leidet, durfte er nicht eines dieser Mittel anwenden, auf Nichts von dem zurückgreifen, was er „drauf hat“, durfte nur einfach da sein und die Situation auf sich wirken lassen. Nur das Hungern konnte er sich mit Disziplin abverlangen, ansonsten musste er nur zulassen, ohne es zu kontrollieren, was seine Persona mit ihm machte. Weder er, noch ich, konnten wissen, was das und ob das etwas sei; beide mussten wir darauf vertrauen, dass die Kamera es aufzeichnen würde. Es war etwas, und sie hat es aufgezeichnet.

Als ich meine Lebensbeichte ein erstes Mal einfach nur runtergeschrieben hatte, brauchte ich eine Meinung, die mir nicht schmeicheln würde, aber auch die eines Freundes, der mich vor mir selbst schützen und von dem ich geliebt werden möchte. Es war selbstverständlich Ulrich Matthes. Nun bin ich gespannt auf das Buch über ihn, noch gespannter, eines Tages sein Buch über sich zu lesen.