Sam Shepard

Der US-amerikanische Schauspieler und Dramatiker spielte in Schlöndorffs Max-Frisch-Verfilmung HOMO FABER die Hauptrolle. Frisch war begeistert von Shepard, bescheinigte ihm ein besonderes Gefühl für Sprache – „bei Amerikanern selten“. 1979 hatte Shepard den Pulitzer-Preis für sein Stück VERGRABENES KIND erhalten. Bei den Dreharbeiten war Shepard allerdings unberechenbar. Ein weiteres Hindernis stellte seine Weigerung zu fliegen dar…

Ich zeigte Max Frisch Fotos von Sam Shepard, Probeaufnahmen von Julie Delpy auf Video, schlug Barbara Sukowa als Hanna vor. Er nahm zur Kenntnis, wollte sich nicht einmischen. Er bedauerte nur, dass er, wenn wir auf Englisch drehen, nicht an den Dialogen mitarbeiten könnte. Aber er wollte mitkommen zum Drehen, auf jeden Fall nach Mexiko.
– Das wird dann meine dritte Mexiko-Reise!

Natürlich wollte er auch auf dem Schiff dabei sein, wenn Faber dem rotblonden Pferdeschwanz begegnet. Bei dieser Gelegenheit fragte ich ihn, wieso Faber ihr eigentlich vom Deck aus nachwinkt, als er sie einfach in der Menge unten verschwinden sieht? Sie müssten doch beide in Le Havre aussteigen. Wieso bleibt er an Deck?
– Ja, das ist so ein Bild. Vielleicht ist da im Leben mal eine in Southampton ausgestiegen, der ich nachgeschaut habe. Ein Buch ist ja aus vielem zusammengesetzt, das man erlebt hat. Auch jede einzelne Figur ist aus verschiedenen Menschen, die ich gekannt habe, entstanden. Es gibt nie nur ein Vorbild.

Ein paar Tage später sagte er mir am Telefon, er habe sich die Stücke von Sam Shepard besorgt. Karin Pilliod und er hätten sich daraus vorgelesen. Es gefiel ihm, wie Shepard schreibt, aufgrund seines Stils konnte er ihn sich jetzt als Faber vorstellen.
– Er hat ein Gefühl für Sprache, was bei Amerikanern selten ist.

Das Problem mit Sam Shepard war, dass er sich weigerte zu fliegen. Wo immer er hinmusste von seiner Pferderanch in Virginia, er nahm das Auto. Für die Strecke nach Veracruz, Mexiko, hatten wir ihm eine stretch limo besorgt, mit zwei sich ablösenden Fahrern, damit er schlafen konnte, während sie ihn quer durch Arizona und Neumexiko nach Veracruz chauffieren sollten. An der Grenze nach Mexiko erweckte das Gefährt allerdings Verdacht. Mafia? Drogenboss? Unglaublich: Wie die meisten Amerikaner hatte Sam Shepard keinen Pass. Drei Tage waren verloren, bis wir ihn ausgelöst hatten.

Gott sei Dank war der mexikanische Konsul ein Filmfan und erkannte schließlich Sam Shepard als den Ehemann von Jessica Lange und als den Chuck Jagger aus THE RIGHT STUFF, den Piloten, der als Erster die Schallmauer durchbrochen hatte. Warum er dann nicht per Flugzeug reiste, blieb auch dem Konsul unverständlich.

Eberhard Junkersdorf hatte inzwischen alle Schiffspassagen von New York nach Europa analysiert. Passagierverkehr gab es nicht mehr auf dieser Strecke. (Die entsprechenden Szenen mit Sabeth, dem ›Fräulein Wirrkopf‹, mussten wir auf einem Kreuzschiff im Mittelmeer drehen.) Für Sams Überfahrt jedenfalls kam nur ein Kargofrachter in Frage, der aber acht Tage bis Lissabon brauchte. So lange konnten wir die Produktion nicht unterbrechen, erklärte ich Sam. Die Löhne des Teams würden ja weiterlaufen.
– Und was ist mit der Concorde?, fragte er.
– Du hast Angst vorm Fliegen, würdest aber mit der Concorde?!
– Ach was, ich habe keine Angst, ich habe Klaustrophobie, ich halte es nicht aus, so lange eingesperrt zu sein. Wie viel Stunden braucht also die Concorde?
– Dreieinhalb Stunden, glaube ich.
– Gut, dann fliegen wir Concorde, aber du musst mich begleiten.

Trotz des easy going seines Auftretens blieb er beim Drehen unvorhersehbar, ein gebranntes Kind, burnt child, wie sein erstes Stück hieß. Einerseits bearbeitete er die Dialoge, bis sie wunderbar lakonisch waren, verteilte die Sätze an seine Partner so, dass er selbst, ganz im Sinne Fabers, fast nichts mehr sagen musste. Emotional aber war er sehr unstabil, was der Alkohol oft noch verstärkte, denn auf völlige Enthaltsamkeit folgten tagelange Abstürze.

Plötzlich erschien er nicht mehr am Set:
– Ich bin kein Schauspieler, ich kann diesen Job nicht mehr weitermachen, erklärte er.
– Du verdienst einen Haufen Geld damit, 600 000 Dollar genau, da verlangt es der Anstand, dass du uns jetzt nicht hängenlässt.

Andere Male war er wie Robert Duvall völlig in Trance, lebte seine Rolle wie sein eigenes Leben. In Paris, als Faber sich von Sabeth in einem Bistro verabschiedet, endgültig, wie wir annehmen müssen, nickt er ihr ein letztes Mal zu, tippt mit zwei Fingern – der berühmten Geste Gary Coopers – an den Hut und entfernt sich.
Cut!, rief ich nach dem bewegenden Take, doch Sam kam nicht wieder.
Ich lief ihm nach und fand ihn draußen an eine Hauswand gelehnt, völlig erschüttert.
– Ist was Sam? Bist du o.k.?
Er schaute mich an und nickte:
I just realized that I could not tolerate another loss in my life. Mir ist gerade klar geworden, dass ich in meinem Leben keinen Verlust mehr ertragen könnte.

Er freute sich darauf, Max Frisch selbst kennen zu lernen, denn auch er hatte nun seine Bücher gelesen. Die Schiffskabine für Frisch hatten wir schon gebucht, auch die Reise nach Mexiko – doch dann kam es anders.

Zuerst fühlte Frisch sich zu schwach für den Flug nach Mexiko. Wir drehten ohne ihn. Dann lag bei einer Etappe in München ein Eilbrief aus Bad Ragaz vor: Er müsse auch die Schiffsreise absagen. Krebs. Nach einer Untersuchung, Routine, habe er operiert werden müssen, fühle sich schon wieder besser.