Ornella Muti

Die italienische Schauspielerin Ornella Muti spielte in dem Schlöndorff-Film EINE LIEBE VON SWANN die Odette. Zunächst traute sie sich die Rolle nicht zu, spielte dann aber doch die Kurtisane, die Swann in rasende Eifersucht treibt. Schlöndorff war von der 1955 geborenen Muti überzeugt: Auch als Fotos von ihr und Alain Delon – wenngleich ohne ihr Zutun – zu einem mittleren Skandal führten... 

Swann gilt zwar als der eleganteste und kunstsinnigste Mann in seinen Kreisen, als Jude bleibt er dennoch immer Außenseiter einer Gesellschaft, in der seit der Dreyfus-Affäre ein mehr oder weniger versteckter Antisemitismus zum guten Ton gehörte. Mein Vorschlag, die Rolle mit Jeremy Irons, einem Ausländer, zu besetzen, wurde akzeptiert, zumal sein Französisch so gut war, dass er die Proust-Texte im Original sprechen konnte. Umstritten und eigentlich von vornherein abgelehnt war Ornella Muti als Odette. In dieser Rolle einer Kurtisane, die zur großen Dame aufsteigt, wollte man eine Cathérine Deneuve. Zu der Zeit, als sie mit Polanski EKEL drehte, hätte sie gepasst. Inzwischen stilisierte sie sich aber so zur grande dame des französischen Films, dass sie für die jugendliche Kurtisane, der der gesellschaftliche Aufstieg noch bevorstand, nicht mehr passte. Ornella war so sehr aus einer anderen Welt als Swann, dass sie sich anfangs nicht ganz traute, in einer so vornehmen Gesellschaft aufzutreten, noch dazu in einem, wie sie fand, künstlerischen Film jenseits ihrer Reichweite. Gerade deshalb gefiel sie mir. Odette ist ein Mädchen, das mit bescheidener Zurückhaltung von ihren Reizen lebt. Nur Swann sieht in ihr einen Engel wie von Botticelli, unterstellt ihr Gefühlsregungen und Perversionen, die nur in seiner Phantasie existieren. Gerade in diesen Szenen waren Ornella und Jeremy, nach sehr intensiven Proben, ganz großartig. Nachdem Swann durch alle Höllen der Eifersucht gegangen ist, empfindet er plötzlich nichts mehr für Odette und erkennt, „dass er Jahre seines Lebens und einen guten Teil seines Vermögens an eine Frau verschwendet hat, die gar nicht sein Typ ist“.

Als wir in dem Rosengarten von Bagatelle im Bois de Boulogne drehten, überraschte ich Alain Delon nach Arbeitsschluss, wie er eng umschlungen mit der Hauptdarstellerin Ornella Muti in einer Kutsche saß. Sie posierten für einen Fotografen. Ich war entsetzt und stellte ihn zur Rede. Ein solches Foto würde einen ganz falschen Eindruck von seiner Rolle, dem homosexuellen Baron, und damit auch von unserer Interpretation Prousts geben.
– Nur für das Familienalbum!, beruhigte mich Delon.
Ich glaubte ihm kein Wort, auch nicht, als er bekräftigte: Die Bilder werden nicht veröffentlicht.

Eine Woche später prangte das Foto in Farbe und Hochglanz auf der Titelseite des größten Wochenmagazins. Delon hatte es nicht verwinden können, eine Nebenrolle, noch dazu eine nicht sehr vorteilhafte, zu spielen. Zumindest in den Medien wollte er der Star sein. Gutmütig wie ein Schaf hatte Ornella mitgespielt. Jeremy Irons war stocksauer. Er raste, ohne jedes britische Phlegma, gegen diese welsche Perfidie. Ich fühlte mich und unser ganzes Unternehmen lächerlich gemacht. In Windeseile verbreiteten sich weitere Fotos in der französischen Presse. Mal als Sensation, mal als Witz wurde berichtet, dass Baron de Charlus sich in unserer Version Prousts zum anderen Geschlecht bekehrt habe. Delon hatte sein Ziel erreicht. Er dominierte alle Schlagzeilen. Jeremy wurde, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt. Ich verlangte eine Richtigstellung durch die Produktion, aber niemand wollte sich mit Delon anlegen. Von mir auf sein Ehrenwort angesprochen, lachte er nur. Ich wollte nicht mehr weiterdrehen, aber man verwies mich auf meinen Vertrag. Ich solle mich wie ein Profi verhalten. Das tat ich auch, wollte aber nicht mehr mit Delon reden.

So musste der arme Regieassistent in der verbleibenden Drehzeit Zettel mit Regieanweisungen, Fragen und Antworten die paar Meter zwischen dem Darsteller vor und dem Regisseur hinter der Kamera pendeln lassen.

Eine Erinnerung an diese trotz allem sehr schöne Drehzeit ist ein Tag im Garten der Tuilerien, der Epilog des Films. Damen mit Sonnenschirmen, spielende Kinder, die ersten Automobile zwischen den Kaleschen und der achtundachtzigjährige Fotograf Jacques Henri Lartigue, der die Szene wie ein Bild aus seiner Kindheit aufnimmt.

Vor der Kamera promenierte Madame Swann unter dem kleinen Triumphbogen. Ornella genoss wie die wahre Madame Swann – in diesen Szenen – die gesellschaftliche Anerkennung, die ihren Mann allerdings die Einladungen bei seinen Adelsfreunden gekostet hat. Swann hat Odette, die Frau, die nicht sein Typ war, geheiratet. Nur Baron Charlus, ein Ausgestoßener wie er, unterhält sich noch mit ihm. Die beiden alten Herren sitzen beieinander, spüren das Nahen des Todes und sinnieren wehmütig über den Lauf der Zeit.