Marguerite Yourcenar

Der Roman LE COUP DE GRACE von Marguerite Yourcenar war Grundlage für den Schlöndorff-Film DER FANGSCHUSS. Die 1903 in Brüssel geborene Schriftstellerin schrieb den Roman, als sie sich in die Amerikanerin Grace verliebte, mit der sie bis zu deren Tod zusammen lebte. Von dem Film DER FANGSCHUSS war Marguerite Yourcenar zunächst begeistert, doch die Begeisterung löste sich schnell in Luft auf. Volker Schlöndorff hat den Stimmungsumschwung nie richtig verstanden, allerdings könnten die verschiedenen Entstehungszeiten – der Roman 1938, der Film 1976 – Aufschluss darüber geben…

Während meiner Lehrzeit in Paris hatte ich mich, ohne es zu bemerken, in die Frau meines besten Freundes verliebt. Antoine Roblot, der mich nach dem ersten Tag von ZAZIE nach Hause gefahren hatte, seine Frau Jenny und ich teilten uns später eine Wohnung, redeten nächtelang über Film, sezierten unsere Gefühle, verwandelten eine großbürgerliche Wohnung in eine offene Höhle, in der wir uns verschanzten wie Cocteaus „enfants terribles“. Wir bauten alle Türen aus, rückten Bett und Möbel in die Mitte des Zimmers, behängten die Wände mit indischen Schals, legten riesige Kissen aus und luden allabendlich Freunde ein. Wir redeten und redeten, wie in französischen Filmen, und ich wunderte mich, wieso uns nie die Themen ausgingen, vor allem der leidenschaftlichen Jenny nicht. Sie bezauberte Antoine und mich so wie Jeanne Moreau ihre JULES UND JIM in dem Film aus dem gleichen Jahr, 1963. Jenny hatte mich eingeladen, mit ihr im gleichen Bett zu schlafen, wenn Antoine nicht da war. Das mache ihr nichts aus, sie sei es gewohnt, neben einem Mann zu schlafen, ohne etwas mit ihm zu haben. Subtile Folter, der ich mich, unter Einhaltung der Spielregeln, zähneknirschend auch dann noch unterwarf, als sie mich zum Drehen des JUNGEN TÖRLESS ins Burgenland begleitete – der Zögling sieht sie einmal nachts an einem Fenster, eine Loreley, die ihr wallendes Haar kämmt –, und wieder Jahre später bei einer ersten Motivreise für MICHAEL KOHLHAAS nach Prag. Dort landeten wir nach der wilden Silvesternacht 1968, die den Prager Frühling einläutete, in einem Studentenheim. Ziemlich betrunken und erhitzt von der durchtanzten Nacht, wurde, nach sieben Jahren strenger Keuschheit, die Spielregel außer Kraft gesetzt. Entsetzt stellte Jenny fest, dass ich „keine Ahnung hatte, wie eine Frau angefasst werden will“. Ich machte alles falsch. Anlass zu neuen, wortreichen Debatten, die mich an die ,nächtlichen Duelle‘ auf den Seiten von Marguerite Yourcenars Roman LE COUP DE GRACE erinnerten, den Jenny und ich uns immer wieder vorgelesen hatten.

Der preußische Offizier Eric von Lhomond ist fasziniert von der Lebhaftigkeit der jungen Gräfin Sophie von Reval, bei der er, in einem kleinen Schloss zwischen den Fronten, einquartiert ist. Nachts, wenn er Wache hat, kommt sie zu ihm. Sie ist leidenschaftlich verliebt in ihn, will ihre Gefühle aber nicht preisgeben, denn sie findet, dass er auf der falschen Seite kämpft. Ihre Sympathie gilt der jungen russischen Revolution. Sie verweigert sich ihm – nicht ahnend, dass er in Wahrheit ihren Bruder liebt –, und auch ich hätte mich fragen können, ob ich nicht eigentlich Jennys Freund Antoine liebte…

Marguerite Yourcenar hatte den Roman im Jahre 1937 geschrieben, als sie sich in eine junge Amerikanerin namens Grace verliebte – daher auch der Titel, der im Französischen wie im Englischen LE COUP DE GRACE lautet. Die Geschichte endet mit einem wirklichen FANGSCHUSS: Als Sophie von Reval entdeckt, dass der Mann, dem sie sich hinzugeben bereit war, ihren Bruder liebt, wechselt sie die Fronten, schließt sich den Roten an und bekämpft nun, mit der Waffe in der Hand, den Mann, den sie eigentlich liebte. Bald gerät sie jedoch in seine Gefangenschaft, das heißt, Gefangene werden in diesem Krieg gegen die Bolschewiken nicht gemacht. Die Aufständischen werden an einem Bahndamm durch Genickschuss hingerichtet. Als die Reihe an Sophie kommt, verlangt sie von Eric, die Exekution selbst auszuführen. Eric zieht seine Pistole und setzt sie Sophie an die Schläfe. Er erschießt sie sozusagen von Angesicht zu Angesicht, obwohl sie ihn keines Blickes würdigt. Es ist der Augenblick ihres Triumphes über ihn, heißt es im Text, denn sie weiß, über diese Tat wird er nie hinwegkommen.

Jahrelang hatte ich dieses Projekt mit mir herumgetragen, erst ein Wiedersehen mit Anatole Dauman, dem Produzenten von MARIENBAD, machte eine Realisierung möglich. Er verhandelte sofort mit dem Verlag Gallimard wegen der Rechte, und ich schrieb an die als schwierig geltende Autorin nach Amerika, wo sie seit Jahrzehnten zurückgezogen im Staate Maine lebte. Sie kannte den TÖRLESS, dessen Schwarz-Weiß-Fotografie ihr gefallen hatte. Auch den FANGSCHUSS, schrieb ich, wollte ich in Schwarz-Weiß drehen. Sie stimmte der Verfilmung zu, allerdings unter der Bedingung eines befriedigenden Drehbuches. Im Übrigen verwies sie auf ihr Vorwort, in dem ihre Absichten und alles, was sonst zu beachten wäre, deutlich dargestellt seien…

So kam es, dass dieser Film, der so gar nicht in die damalige Zeit zu passen scheint, unmittelbar vor dem deutschen Herbst und nach KATHARINA BLUM gedreht wurde. Margarethe von Trottas Porträt einer Adligen, die zum Flintenweib wird, schuldet diesen Jahren viel. Die Rolle war ihr auch sonst auf den Leib geschrieben. Es gab viele Parallelen zu der baltischen Geschichte ihrer Familie, die seit Jahrhunderten zwischen Riga, Reval, Petersburg und Moskau ansässig war, mal um das Land zu kolonisieren, mal um als Karikaturen der Deutschen durch die Romane von Tolstoj und Dostojewskij zu geistern. Margarethes Mutter und deren Schwester hatten in ihrer Jugend in Moskau die Revolution erlebt, die in ihren Erzählungen fortlebte. Eine handelte von Tausenden ,klainer Hämmerchen‘, die nach dem Sturm auf eine Klavierfabrik auf der Straße lagen… Vieles davon findet sich in dem Film wieder, der ansonsten ein Porträt Margarethes ist, und das, obwohl ich mich ja schon in die Heldin des Romans verliebt hatte, bevor ich Margarethe kannte oder sie vielleicht in ihr wiedererkannte. Beide waren von einer leidenschaftlichen Unbedingtheit, die sich manchmal bis zur Selbstzerstörung steigerte, aus Trotz und Ohnmacht eher nach einem Fangschuss verlangend, als ihren Stolz aufzugeben.

Anders als im Roman wird die Geschichte im Film aus der Warte der Frau erzählt. Wir schickten das Drehbuch an Marguerite Yourcenar, die es mit kleinen Ergänzungen akzeptierte – ohne wohl den Wechsel der Erzählperspektive zu bemerken. Margarethe, die für den Start von KATHARINA BLUM in New York war, wollte die Autorin besuchen, doch diese verschob den Termin immer wieder. Später erfuhren wir, dass in diesen Tagen ihre Lebensgefährtin seit dreißig Jahren, ebenjene Grace, die im Titel des Buches weiterlebt, gestorben war.

Von dem fertigen Film war Marguerite Yourcenar zunächst sehr angetan, in einem kurzen Brief beschrieb sie, wie sie sich den Film in einem kleinen Kino in Providence, Maine, an einem Sonntagvormittag hatte vorführen lassen. Sie schwärmte von der Schwärze der Stimmung, von dem Schnauben der Pferde und den Eiszapfen über der Haustür und von Margarethes strahlender Präsenz. Ein paar Monate später kam ein zweiter Brief, diesmal viele Seiten lang, in dem sie wie eine Lehrerin alle Fehler, die wir in ihren Augen gemacht hatten, aufzählte. Was diesen Meinungsumschwung verursacht hatte, habe ich nie ganz verstanden. Sie war inzwischen nach Paris gekommen, wo der Film ein Erfolg war und von Simone Weill bis hin zu Linksintellektuellen sehr gelobt wurde. Als Yourcenar erfuhr, dass wir angeblich zur extrême gauche allemande gehörten, Margarethe noch dazu Feministin sei, fühlte sie, die ihr Leben lang sehr konservativ war, sich düpiert. Richtig ist, dass sie das Buch 1938 geschrieben hatte, zu einer Zeit, als noch nicht abzusehen war, welcher Missbrauch bald mit Disziplin und Gehorsam, ritterlichen Idealen und Beherrschung der Gefühle betrieben würde. Aber wie sollte unsere Lektüre nach dem Zweiten Weltkrieg und den Gräueln, an denen deutsche Offiziere, auch der Wehrmacht, und das ganze von ihr gepriesene Preußentum beteiligt waren, nicht eine andere sein?