Marcel Proust

Mit den lebenden Autoren hatte Schlöndorff mehr Glück als mit den toten: So ist es kein Wunder, dass die Verfilmung eines Teils von Prousts Hauptwerk AUF DER SUCHE NACH DER VERLORENEN ZEIT – der Spielfilm EINE LIEBE VON SWANN mit Jeremy Irons in der Hauptrolle – in Frankreich alles andere als gut aufgenommen wurde. Doch den Film nicht zu machen, wäre nicht in Frage gekommen: Schon in jungen Jahren hatte Schlöndorff seine Liebe zu Proust entdeckt.

Bei einem Abendessen mit den beiden hörte ich, dass Peter Brook verhindert sei, die geplante LIEBE VON SWANN zu drehen – eine Katastrophe für die Produzentin… „denn nächstes Jahr wird Proust siebzig Jahre tot sein, die Autorenrechte sind dann nicht mehr geschützt. Jeder kann dann Proust verfilmen, und Nicole Stéphane ist ruiniert. Nur wenn sie dieses Jahr noch…“

Nicole Stéphane, die Produzentin, war eine geborene Rothschild, als Schauspielerin war sie in Melvilles frühen Filmen DAS SCHWEIGEN DES MEERES und LES ENFANTS TERRIBLES zu sehen. Seit Anfang der sechziger Jahre hatte sie ihr ganzes Erbe in Proust investiert. Zuerst sollte Lucchino Visconti den Film inszenieren, nach einem sehr ausufernden Drehbuch von Suso Cecchi d’Amico, dann Joseph Losey nach einer extrem verdichteten Fassung von Harold Pinter. Beide Projekte versuchten – auf sehr unterschiedliche Weise – den ganzen Proust, das heißt die ganze Zeitspanne und alle wichtigen Personen der SUCHE NACH DER VERLORENEN ZEIT, zu erzählen. Beide waren an den Kosten gescheitert.

Peter Brook hatte einen minimalistischen Weg gewählt. Ein einziger Tag aus dem Leben Swanns, das war seine radikale Lösung.
– So wie in einem Tropfen Wasser der ganze Ozean enthalten ist, wird der ganze Proust…, erklärte Jean-Claude.
Eine gewaltige Aufregung ergriff mich, als ich erfuhr, dass sie einen Regisseur suchten.
– Ich bin bereit, sagte ich halb scherzhaft, jedenfalls ohne zu überlegen.
– Bist du des Wahnsinns!, meinten in den nächsten Tagen so verschiedene Leute wie Bertrand Tavernier und Louis Malle, die beide, obwohl geeigneter als ich, niemals einen Proust anfassen würden. Es sei die heilige Kuh des französischen Adels und eines gewissen Bürgertums, die ihn aber völlig falsch verstünden. Er gelte ihnen als der Meister des Eleganten, des Subtilen, der délicatesse du coeur, des Empfindsamen, der feinen Gefühle und vornehmer Konversation im Halbdunkel antik eingerichteter Salons. Ich war also gewarnt …

Ich muss sechzehn oder siebzehn gewesen sein, als ich UN AMOUR DE SWANN an einem Wochenende, unter Apfelbäumen im Park des Jesuiteninternats, gelesen hatte. Damals hatte ich wie Charles Swann nur einen Wunsch: mich in Frankreich zu assimilieren. Drei Welten erschloss mir diese Lektüre Prousts: die französische Sprache, die dazugehörige Gesellschaft und das unbekannte Terrain der Liebe und der Eifersucht. Später, als Student in Paris, hatte ich mir die komplette Ausgabe der SUCHE gekauft und Seite für Seite aufgeschnitten, wie das bei französischen Büchern nötig war, und ebenso viele Monate und Jahre mit Proust verbracht wie später mit Musil.

Ohne das Buch noch einmal zu lesen, hatte ich sofort Bilder vor Augen: Ein Mann irrt nachts über die Boulevards, von einem Etablissement zum nächsten, im fieberhaften Wahn des Eifersüchtigen, auf der Suche nach einer Frau, die sich ihm immer wieder entzieht. Er klopft spät in der Nacht an ein Fenster, das nicht ihres ist. Er stellt sie eines Nachmittags zu einem langen Verhör, er quält sie mit seiner Liebe und genießt sein Leiden. Odette und Paris: eine Frau, überlebensgroß, und eine Stadt, Inbegriff aller Städte; der Mann, der beide zu besitzen sucht. Das war für mich EINE LIEBE VON SWANN.

Ich richtete mich in meiner Pariser Wohnung ein und machte mich meinerseits auf die Suche nach der verlorenen Zeit. Ich besuchte einige Überlebende wie Prousts Haushälterin Céleste Albaret, vermied den Kontakt mit den unzähligen Fachleuten, folgte dem Kunsthistoriker Hervé Grandsart in die Palais des Faubourg St. Germain, in die Absteigen und verruchten Gassen, die der Baron de Charlus frequentierte, in die Salons und die Schlösser der Guermantes beziehungsweise ihrer Vorbilder. Paris ist ja von keinem Krieg zerstört worden, und auch siebzig Jahre nach Proust überlebte hinter verschlossenen Türen und Toren noch viel von seiner Welt.

Viele Vorbilder für die Damen der Gesellschaft, die Ärzte und Künstler, die Neureichen und die Lakaien, hatte ich bei meinen ehemaligen Klassenkameraden von Henri IV und den Jesuiten kennen gelernt. Roland de Chaudenay, genannt der Fakir, der verrückteste und sympathischste aus unserer Theatergruppe bei ›Picasso‹, führte mich nun bei Adel und Hochadel ein. Er hatte im Internat zu denen gehört, die man aus disziplinarischen Gründen bis ans Ende der Welt, in die Bretagne versetzte. Später hatte er dies und das studiert und gearbeitet, vier äußerst erfolgreiche Kinder in die Welt gesetzt und sich im Übrigen auf das Sammeln alter Bücher spezialisiert, Inkunablen und bibliophile Ausgaben, die er so geschickt auswählte und so sachkundig kommentierte, dass er davon leben konnte. Es gab den Jockey-Club noch mit seinen strengen Einlassregeln, den schwarzen und den weißen Kugeln, von denen Proust spricht, es gab noch förmliche Empfänge in diesen Kreisen, auf denen eine Sprache mit wunderbar altmodischen Redewendungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert gepflegt wurde.

Die Französische Revolution war nach immerhin zwei Jahrhunderten noch nicht in diesem Milieu angekommen. Sie galt ihnen als eine durch nichts zu rechtfertigende Barbarei, ein Blutbad an Unschuldigen, schlimmer als alles, was es seitdem gegeben hat, Anfang vom Ausverkauf aller Werte des Abendlandes, dessen trauriges Ergebnis heute in der Welt des Konsums, der Gleichmacherei und der Medien zu besichtigen sei. Obwohl ich so ziemlich keine ihrer Ansichten teilte, gefielen mir diese anachronistischen Leute. Einige Mitglieder der besten Familien beteiligten sich als Komparsen, aus Liebe zu Proust, nicht wegen der Gage. Viele waren allerdings verarmt, denn das Land, von dem sie wie jeder Adel lebten, warf nach der industriellen Revolution und zwei Weltkriegen nicht mehr viel ab. Schlösser und Stadtpalais zu unterhalten war so ruinös, dass sie sich seit langem davon getrennt hatten. Sie lebten in engen Mietwohnungen mit alten Familienstücken unter peinlichster Wahrung der Etikette.

Ich war der naiven Überzeugung, Frankreich würde den Film als einen von vielen möglichen Versuchen, sich Proust zu nähern, würdigen. Aus ersten Vorführungen ließen sich, wie meist, keine eindeutigen Schlüsse ziehen. Mich alarmierte nur, dass einige meiner besten Freunde – wie Jenny, Judy, Antoine, Bertrand und natürlich Anatole Dauman – mir fast mitleidsvoll auf die Schulter klopften.
– Nein, mon petit Volk, verlorene Liebesmüh. Proust ist und bleibt unverfilmbar, versuchte Louis Malle mich zu trösten.

Nicole Stéphane glaubte unbeirrt an ihren Proust-Film und lud uns, Jeremy und seine Frau, Sven Nykvist und mich – nicht aber Alain Delon – zu ihrem Cousin Eric de Rothschild nach Château Laffitte ein. Ein Sommerwochenende unter Zedern, Weine unserer Geburtsjahrgänge, Kellereibesichtigungen und eine Galerie wahrhaft Proustscher Charaktere, wie das Paar Baron Philippe und Philippine de Rothschild, waren wohl der schönste Lohn, den man sich für eine solche Arbeit wünschen konnte. Sollte Frankreich den Film doch noch entdecken? Leider nein. Gnadenlos war die Kritik, mäßig der Besuch, am schlimmsten der Trost der Freunde, die es besser gewusst hatten. Nicole Stéphane, unsere Produzentin, war völlig verstört. Ihre Freundin Susan Sontag fand Worte des Lobes, wie überhaupt der Film später in Amerika und in Deutschland wohlwollend, zum Teil gut aufgenommen wurde.