Keith Richards

Als der 1943 geborene Gitarrist der Rolling Stones Anita Pallenberg seinem Band-Kollegen Brian Jones ausspannte, konnte Volker Schlöndorff nur hilflos zusehen. Bei seinem Film MORD UND TODSCHLAG spielte Pallenberg die Hauptrolle, Jones sollte die Musik dazu machen, was aber nur mit Hilfe von Richards gelang. Bei den Filmfestspielen in Cannes sorgte das Dreiecksverhältnis für Aufregung. Zwei Jahre später hatte Keith Richards – an der Seite von Anita Pallenberg – einen Gastauftritt in Schlöndorffs MICHAEL KOHLHAAS.

Überhaupt war Cannes damals undurchschaubar und widersprüchlich. Hier zeigten die begabtesten Leute aus aller Welt ihre Filme einem Publikum, das hauptsächlich aus mit Diamanten behängten Witwen, alternden Playboys, Hotelangestellten und deutschen Kinobetreibern, die mit ihren Gattinnen steuerlich absetzbaren Urlaub machten, bestand. Kein Wunder, dass Antonionis L’AVVENTURA von diesem Publikum ausgepfiffen wurde.

Kein Wunder auch, dass ich 1967 mit meinem zweiten Film, MORD UND TOTSCHLAG, wieder Aufsehen erregte – wenn auch hauptsächlich wegen Anita Pallenbergs Miniröcken und den beiden Rolling Stones, die sie begleiteten. Brian Jones hatte die Filmmusik komponiert, Keith Richards verdrängte ihn gerade von Anitas Seite. Im provençalischen Bistro La Mère Besson fanden die Hahnenkämpfe statt. Es wurde viel und vieles geraucht, auch getrunken, wenig gegessen. Nach und nach fielen alle unter die Tische, spielten dort wie die Kinder weiter, und unser Presseattaché Bertrand Tavernier hatte alle Mühe, die Reporter vor der Tür zu halten.

Anita und ihre Stones landeten am nächsten Morgen wegen schlechten Benehmens vor der Tür des Hotels Majestic. Sie flohen nach Marrakesch, wo Keith dann wiederum Brian vor die Tür von Anitas Zimmer setzte. Der sensibelste, vielleicht begabteste und sicher narzisstischste der Stones sollte sich nie ganz erholen von dieser Rivalität, deren ohnmächtiger Zuschauer ich war.

Aus Eitelkeit oder wirklichem Interesse hatte Brian Jones mich eines Tages gefragt, ob er die Musik zu dem Film machen dürfe. „Und zwar allein, nicht mit den anderen Stones!“ Ein Traumvorschlag – aber es war nicht leicht, die Zustimmung des allmächtigen Agenten der Rolling Stones zu erhalten. Mister Allen Klein war Amerikaner und hatte gerade das Management der Band übernommen. Er residierte im Hilton Hotel in London, wo er gleich zwei Etagen für seinen Stab angemietet hatte. Während die Anwälte der Plattenkonzerne sich die Klinke in die Hand gaben und Mr. Klein die Zahlen in immer astronomischere Höhen trieb, versuchte ich ihm zu erklären, was ich da für einen Film mache, low budget, in deutscher Sprache… Als Brian Jones dazukam, erkannte er schnell, dass es wohl mehr um eine Liebhaberei als um Geschäft ging, und unterschrieb eine Aktennotiz. Produzent Rob Houwer, dem ich das Stück Papier nach München brachte, fragt sich heute noch, ob es einen vertraglichen Wert hat. Sogar eine Gage war für den Komponisten ausgemacht, lächerliche tausend Mark, die Brian als ›selbstverdientes Geld‹ höher schätzte als die Millionen seiner Einnahmen als Rolling Stone.

Zwei Monate später, bei den Musikaufnahmen im Olympic Studio, war er leider nur schlecht vorbereitet. Trotz langer Gespräche am Schneidetisch hatte er kaum etwas komponiert und verließ sich aufs Improvisieren mit begabten Musikern wie dem Pianisten Niki Hopkins, dem Drummer Kenney Jones von Small Faces und Gitarrist Jimmy Page. Schließlich erbarmte Keith Richards sich seiner und sprang ein: In einer Nacht nahm er alle fehlenden Stücke auf, und ich kam mit einem Koffer voll Tonbändern zurück in den Schneideraum bei ARRI.

Es war eine sehr schöne, leise, fast poetische Musik, insofern ganz von Brian Jones. Andererseits nicht wirklich auf der Höhe von einem, der den Ehrgeiz hatte, sich selbständig zu machen. Wie sehr er sich innerhalb der Stones isolierte, wie nachsichtig diese seine Launen tolerierten, hatte ich bei den Sessions in London erlebt. Bald nachdem Anita sich – in Cannes und in Marrakesch – von ihm getrennt hatte, verließ Brian die Rolling Stones. Er zog sich zurück in sein Landhaus, wo er im Sommer 1969, unter ungeklärten Umständen, durch einen Stromschlag in seinem Swimmingpool umkam. Ich flog nach London zu dem Abschiedskonzert, das die Stones ihm im Hyde-Park gaben. Mick Jagger las ein Gedicht von Shelley für Brian, was gut zu dessen Wahlverwandtschaft mit den englischen Romantikern passte. Mit Anita und Marianne Faithful saß ich in einem Gerüst unter dem Podium. Wir konnten die Zehntausende Schmetterlinge sehen, die in den Himmel flatterten, aber die Musiker sahen wir nicht. Anita hatte das feste Gefühl, Brian sei da, auf der Plattform über ihr, und spiele die Sitar. Sie hörte deutlich seine Griffe, sie sah ihn seine blonden Haare kokett zurückwerfen, aber sie wusste ja, sagte sie, dass er nicht da sein konnte.

Am Abend, in einem mit blauen Seidenschals verhängten Zimmer, die Luft rauchgeschwängert, spielte Keith Gitarre, und alle sangen mit, so fröhlich, als sei es befreiend, dass Brian tot war. Es klingt grausam, aber so war die Stimmung im Raum, alle spürten es, und einer sprach es aus: Brians Dasein außerhalb der Gruppe war für alle zu einer Belastung geworden. Irgendwie war und blieb er einer der Ihren. Was hätte aus ihm werden sollen? Wie hätte er altern sollen? Sein Tod unter so rätselhaften Umständen passte, als habe er ihn inszeniert.