John Malkovich

John Malkovich war für Volker Schlöndorff der Kammerton A des ersten Geigers, so richtig und intensiv spielte er in TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN. Knapp zehn Jahre später kam es zu einer weiteren Zusammenarbeit: In DER UNHOLD sprang Malkovich für den vorgesehenen Gérard Depardieu ein und spielte die Rolle des Unholds Abel Tiffauges.     

Im Januar 1985 begannen wir in den Astoria-Studios in Queens für TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN zu proben, wobei ich nie weiter als einen Meter von den Schauspielern entfernt war. Seit den letzten Theateraufführungen waren ein paar Monate vergangen. So lange mussten wir warten, weil Malkovich in Kambodscha war, um den Fotografen in KILLING FIELDS zu spielen. Umso besser, so wurde die Broadway-Routine vergessen. Allmählich fanden wir einen Ton, intim genug für die Kamera, jedoch nicht naturalistisch, sondern eindeutig Kunstsprache. Die neuen Darsteller, wie Charles Durning, kamen ohnehin nicht vom Theater. Malkovich spielte auch auf der Bühne nicht anders als vor der Kamera. Nur Dustin Hoffman suchte immer mal wieder Zuflucht bei virtuosen ›Nummern‹. Wenn er dagegen neben der Kamera stand, um aus dem Off seinen Kollegen das Stichwort zu geben, war sein Tonfall einfach und schnörkellos. Ich spielte ihm diese Aufnahmen vor, er verstand sofort, und wir wiederholten seine Takes.

Wunderbar war John Malkovich. Er kam aus Chicago, wo er mit Gary Sinise ein unabhängiges Theater gegründet hatte, die Steppenwolf Company. Bei den Proben achtete ich darauf, möglichst mit seinen Szenen zu beginnen, denn er wirkte nie angestrengt, erzwang nichts, war aber immer so ›richtig‹ und intensiv, dass sein Ton für mich wie der Kammerton A des ersten Geigers war, auf den das ganze Orchester sich einstimmt. Wir arbeiteten oft vierzehn bis sechzehn Stunden, aber ohne jeden Stress.

Mehr als zehn Jahre später – die Regie für GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mit John Malkovich hatte ich für HOMO FABER abgelehnt – arbeiteten wir wieder zusammen. Als die Vorbereitungen für DER UNHOLD nämlich so gut wie abgeschlossen waren, geriet Hauptdarsteller Gérard Depardieu plötzlich in eine Krise, sagte alle Projekte ab und verschwand in Amerika. Für uns war es zu spät, das Unternehmen anzuhalten. Das Team und die anderen Schauspieler waren engagiert, die Marienburg in der Nähe von Danzig filmgerecht umgebaut. John Malkovich war bereit einzuspringen. Seine letzte Rolle als der Einfältige in OF MICE AND MEN, nach John Steinbecks Roman, qualifizierte ihn für den Unhold Abel Tiffauges. Sein Name war zwar für die Finanzierung so gut wie der Depardieus, aber er war kein Franzose. Wie schon bei HOMO FABER musste nun auf Englisch gedreht werden. Dadurch ging das deutsch-französische Sprachgemisch verloren, Sieger und Gefangene sprachen mehr oder weniger akzentfreies Englisch, alles Authentische fehlte, nichts erdete mehr die ohnehin ziemlich ausgedachte Fabel. Wir wussten es, wie seinerzeit beim MICHAEL KOHLHAAS, aber Augen zu und durch! Man macht immer wieder dieselben Fehler. Wie oft, wenn das Große und Ganze nicht stimmt, arbeiteten wir mit umso größerer Sorgfalt an allen Einzelheiten. Jugendgruppen aus Brandenburg und Polen trainierten in gemeinsamen Sommerlagern Sportarten aus einer anderen Zeit: Seilklettern und Pyramidenbauen, Wagenrennen, Überschläge am Reck, Sprünge aufs Pferd – sowie die Handhabung der Panzerfaust und des berühmten Flakgeschützes 88 von Krupp. Ein wahrhaft absurdes Unternehmen, das Leni Riefenstahl besser angestanden hätte. Der fertige Film – gespickt mit Bravourleistungen der Schauspielerei (Volker Spenglers Göring), einer mörderischen Treibjagd in Masuren (zwölf Hirsche, dreißig Stück Damwild, ein Dutzend Wildschweine, Hasen und Fasane nicht mitgezählt), mit klangvollem Bläserorchester (Michael Nyman) und was es sonst an guten Zutaten gab – war ein unverdaulicher Aufguss, der mit Kopfschütteln aufgenommen wurde.

Das Festival in Cannes lehnte den Film ab, das sei nicht „der Schlöndorff, den wir lieben“. Was immer sich hinter dieser diplomatischen Floskel verbarg, in meinem Privatarchiv ist es ›einer der Filme, die ich liebe …‹, ein zwar missgestaltetes, aber erstaunliches Unikum.