Jeremy Irons

Der britische Schauspieler Jeremy Irons verkörperte die Hauptrolle des Swann in Schlöndorffs Proust-Verfilmung EINE LIEBE VON SWANN. Irons‘ Französisch war so gut, dass er den Proust-Text im Original sprechen konnte. Weniger Glück hatte Schlöndorff mit Co-Darsteller Alain Delon. Das Verhältnis von Delon und Irons war so gespannt, dass es den ein oder anderen Wutausbruch am Set gab...

SWANN gilt zwar als der eleganteste und kunstsinnigste Mann in seinen Kreisen, als Jude bleibt er dennoch immer Außenseiter einer Gesellschaft, in der seit der Dreyfus-Affäre ein mehr oder weniger versteckter Antisemitismus zum guten Ton gehörte. Mein Vorschlag, die Rolle mit Jeremy Irons, einem Ausländer, zu besetzen, wurde akzeptiert, zumal sein Französisch so gut war, dass er die Proust-Texte im Original sprechen konnte. Umstritten und eigentlich von vornherein abgelehnt war Ornella Muti als Odette. In dieser Rolle einer Kurtisane, die zur großen Dame aufsteigt, wollte man eine Cathérine Deneuve. Zu der Zeit, als sie mit Polanski EKEL drehte, hätte sie gepasst. Inzwischen stilisierte sie sich aber so zur grande dame des französischen Films, dass sie für die jugendliche Kurtisane, der der gesellschaftliche Aufstieg noch bevorstand, nicht mehr passte. Ornella war so sehr aus einer anderen Welt als Swann, dass sie sich anfangs nicht ganz traute, in einer so vornehmen Gesellschaft aufzutreten, noch dazu in einem, wie sie fand, künstlerischen Film jenseits ihrer Reichweite. Gerade deshalb gefiel sie mir. Odette ist ein Mädchen, das mit bescheidener Zurückhaltung von ihren Reizen lebt. Nur Swann sieht in ihr einen Engel wie von Botticelli, unterstellt ihr Gefühlsregungen und Perversionen, die nur in seiner Phantasie existieren. Gerade in diesen Szenen waren Ornella und Jeremy, nach sehr intensiven Proben, ganz großartig. Nachdem Swann durch alle Höllen der Eifersucht gegangen ist, empfindet er plötzlich nichts mehr für Odette und erkennt, „dass er Jahre seines Lebens und einen guten Teil seines Vermögens an eine Frau verschwendet hat, die gar nicht sein Typ ist“.

An dem Drehtag, als Jeremy bei der Morgentoilette seinem Kammerdiener diese Erkenntnis mitteilt, begrüßte ich ihn mit der blöden Bemerkung:
– Du weißt, heute ist dein berühmtester Satz dran. Der Satz, der in keiner Proust-Anthologie fehlt.
– Nein, nein! Musstest du mich daran erinnern? Wie soll ich ihn denn jetzt noch sagen?
Bergmans eingedenk hätte ich besser belanglos mit ihm geplaudert! Ich hatte allerdings wenige Fragen an ihn, denn über sein Pariser Leben wusste ich so ziemlich alles. Wir teilten uns mit Kameramann Sven Nykvist ein kleines Haus in dem gerade wiederentdeckten Stadtteil Marais, in der Nähe der Place des Vosges. Den beiden, die fremder in der Stadt waren als ich, Gesellschaft zu leisten war mir wichtiger, als mein eigens Refugium am Montmartre zu bewohnen. So kochten wir drei Junggesellen uns abends Pasta, bevor jeder sich in sein Zimmer zurückzog – bis Jeremy eines Abends eine große, in ein Cape gehüllte rothaarige Schönheit an der Pforte unseres Innenhofes erblickte. Zu seinem Bedauern galt der Besuch nicht ihm, sondern mir. Es war Judy Delcarril, das Chanel-Model, dem ich als Student vergeblich den Hof gemacht hatte, meine Rommé-Partnerin, die, inzwischen geschieden, mit ihren zwei großen Söhnen zusammenlebte und womöglich noch schöner war als in ihrer Jugend. Überwältigt, wie ich war, bot ich wenig Widerstand, verlorene Lebenszeit nachzuholen. Wir verstanden uns prächtig, lachten viel und vermieden ernsthaftere Pläne … Erst als das Jahr in Paris zu Ende ging, am Tag der Premiere des Films, kam es zu einer riesigen Szene, in deren Verlauf sie das Telefon, das ununterbrochen klingelte, aus dem Fenster warf. Es landete fünf Stockwerke tiefer im Vorgarten eines alten Notars, bei dem ich mich umständlich entschuldigen musste. Die Telefonschnur war gerissen und musste schnellstens repariert werden, damit ich mit meinen Interviews fortfahren konnte.

Kurz vor Drehbeginn, als alle Rollen besetzt waren und die Proben begonnen hatten, ließ Toscan du Plantier mich in den Firmensitz der Gaumont bestellen und eröffnete mir, dass Alain Delon gerne mitmachen würde.
– Aber in welcher Rolle denn? Er passt doch nirgends.
– Er wird den Baron de Charlus spielen.
Diese Rolle des beleibten, bösartigen und perversen Barons aus einer der ältesten Familien Frankreichs war zu Recht an den großartigen Schauspieler Michael Lonsdale vergeben. Der Mann sei bereits ausbezahlt. Mein Protest nützte nichts. Dem Verleih war plötzlich klar geworden, dass er wenigstens einen französischen Star auf dem Plakat brauchte. Delon kannte ich durch Melville. Ich hatte einmal beim SAMURAI beobachtet, wie die beiden stundenlang vor einem Spiegel den richtigen Sitz eines Hutes probierten. Ich hatte ihn auch mit Romy Schneider in Viscontis SCHADE, DASS SIE EINE HURE IST auf der Bühne gesehen. Es war zu der Zeit, als Visconti selbst an DER SUCHE arbeitete und Delon die Hauptrolle, den Erzähler Proust, spielen sollte. Ich wusste, dass er enorme Präsenz vor der Kamera hatte. Er beherrschte eine gewisse Art von Schauspielerei, die Selbstdarstellung nämlich, aber einen Aristokraten würde man ihm nicht abnehmen. Sein Auftreten am Set, immer begleitet von einem scharfen Schäferhund und zwei Bodyguards, glich eher dem eines Mafiapaten. Auch sonst war er alles andere als nobel. Als wir in dem Rosengarten von Bagatelle im Bois de Boulogne drehten, überraschte ich ihn nach Arbeitsschluss, wie er eng umschlungen mit Ornella Muti in einer Kutsche saß. Sie posierten für einen Fotografen. Ich war entsetzt und stellte ihn zur Rede. Ein solches Foto würde einen ganz falschen Eindruck von seiner Rolle, dem homosexuellen Baron, und damit auch von unserer Interpretation Prousts geben.
– Nur für das Familienalbum!, beruhigte mich Delon.
Ich glaubte ihm kein Wort, auch nicht, als er bekräftigte: Die Bilder werden nicht veröffentlicht.

Eine Woche später prangte das Foto in Farbe und Hochglanz auf der Titelseite des größten Wochenmagazins. Delon hatte es nicht verwinden können, eine Nebenrolle, noch dazu eine nicht sehr vorteilhafte, zu spielen. Zumindest in den Medien wollte er der Star sein. Gutmütig wie ein Schaf hatte Ornella mitgespielt. Jeremy Irons war stocksauer. Er raste, ohne jedes britische Phlegma, gegen diese welsche Perfidie. Ich fühlte mich und unser ganzes Unternehmen lächerlich gemacht. In Windeseile verbreiteten sich weitere Fotos in der französischen Presse. Mal als Sensation, mal als Witz wurde berichtet, dass Baron de Charlus sich in unserer Version Prousts zum anderen Geschlecht bekehrt habe. Delon hatte sein Ziel erreicht. Er dominierte alle Schlagzeilen. Jeremy wurde, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt. Ich verlangte eine Richtigstellung durch die Produktion, aber niemand wollte sich mit Delon anlegen.