Hanna Schygulla

„Niemand kann bezweifeln, dass sie ein Herz hat, das liebt“, sagt Volker Schlöndorff über Hanna Schygulla. Die 1943 geborene Schauspielerin spielte in mehreren Filmen von Werner Maria Fassbinder, darunter LIEBE IST KÄLTER ALS DER TOD, FONTANE EFFI BRIEST und DIE EHE DER MARIA BRAUN. Mit Volker Schlöndorff arbeitete sie in BAAL – ebenfalls an der Seite von Fassbinder – und DIE FÄLSCHUNG zusammen.

Hanna war seit zwei Wochen „abgedreht“ und wir alle glaubten, sie sei inzwischen wohlbehalten aus dem libanesischen Bürgerkrieg nach München zurückgekehrt, als sie eines Abends an der Bar unseres Hotels auftauchte. Mit ihrem unnachahmlichen Lachen. Das war im März 1981 in Beirut.

„Warum wirst du nicht einfach Araber, so wie ich?“ hatte sie ein paar Wochen vorher noch in ihrer Filmrolle den deutschen STERN-Journalisten Laschen/Bruno Ganz gefragt und sich dabei wohlig in der Sonne geräkelt, ohne die Schießerei im Hintergrund zu beachten. Diese Rolle einer deutschen Frau, wie man sie oft irgendwo am Ende der Welt antrifft, einer Frau, die sich völlig von ihrem Land gelöst hat und eingetaucht ist in eine andere Kultur, lag Hanna, der Bodenständigen, fern und doch so nah wegen ihrer Toleranz und Offenheit. Im Film versuchte sie ein Kind zu adoptieren. Nach sieben Jahren Bürgerkrieg mangelte es ja nicht an Waisen, aber weder bei den Maroniten, noch den Drusen, noch den Palästinensern und bei keiner politischen Faktion wurde ein Kind zur Adoption freigegeben. Alle sahen in ihren Waisen zukünftige Kämpfer.

Das konnte Hanna einfach nicht glauben. Inzwischen wollte sie nämlich selbst ein Kind adoptieren und deshalb war sie immer noch im Libanon. Mit Aicha, ihrer schiitischen Vertrauten im Film, war sie auf eigene Faust losgezogen, ein Kind zu suchen. Sie waren in den Bergen um Beit Eddine gewesen, in der Hochebene von Baalbeck, in den Lagern und ausgebombten Häusern der Stadt. Gewohnt hatte sie bei ihrer Aicha, einer fülligen Libanesin, und deren kleinbürgerlichen Familie. Zur Verständigung reichte ein wenig Französisch, das sie inzwischen fließend spricht, und ein paar Brocken arabisch: achleen, kifak kisarta? Mekthoub...

Billy Wilder erzählte immer, wie Marlene Dietrich zwischen ihrem Leinwandbild, dem stilisierten Vamp mit Boa, und ihrer eigenen Persona, die auf Knien den Fussboden schrubbte oder Spiegeleier und Bratkartoffeln zubereitete, wenn sie nicht gerade in voller Vamp-Montur einen Bühnenarbeiter verarztete, unterschied. Die im Ausland oft beschworene Ähnlichkeit der beiden Diven kann ich nur in dieser zupackenden Art und in diesem Abstand zu ihrem Glamour erkennen. Trat Hanna Schygulla bei Fassbinder auf oder auch in der kleinen Rolle als Kellnerin im BAAL oder noch früher in JAGDSZENEN IN NIEDERBAYERN war gerade das frappierend: wie sie mehrere Maß Bier vor sich herschleppen konnte, nicht (??) ohne gleichzeitig wie ein Engel zu wirken, der überirdisch über dem Fußboden schwebt. Dieses Abgehobene ist sicher auch das Geheimnis ihrer starken emotionalen Wirkung auf den Zuschauer. Gerade weil sie sich nie anbiedert, nie „so spielt, dass man es richtig mitempfinden kann“ berührt sie uns. Ihre Liebe scheint „kälter als der Tod“ – aber niemand kann bezweifeln, dass sie ein Herz hat, das liebt.