Gudrun Ensslin

Es war unter anderem auch ihr Tod, der den Ausschlag für den teils dokumentarischen, teils fiktiven Kollektivfilm DEUTSCHLAND IM HERBST gab: Die 1940 geborene Gudrun Ensslin war Mitbegründerin und eines der führenden Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF). Nach einem langjährigen Prozess wurde sie im Hochsicherheitstrakt der JVA Stuttgart inhaftiert, 1977 beging sie dort – ebenso wie die RAF-Terroristen Andreas Baader und Jan-Carl Raspe – Selbstmord. Als Gudrun Ensslin zusammen mit den beiden anderen Toten von Stammheim beerdigt wurde, war Volker Schlöndorff da – um zusammen mit Alexander Kluge die Ereignisse für den DEUTSCHLAND IM HERBST festzuhalten. 

Die Nachrichten von der Entführung der Lufthansa-Maschine in Mogadischu, vom Tod der Häftlinge Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe und von der Erschießung des entführten Arbeitgeberpräsidenten Schleyer erschütterten uns alle. Uns empörte aber auch die sehr einseitige Berichterstattung in den Medien. Der Einfluss der Parteien, Kirchen und Gewerkschaften, dieser unseligen Dreifaltigkeit, die schon das Klima in den Adenauerjahren so lähmend gemacht hatte, war so groß, dass keine Redaktion mehr kritisch zu berichten wagte, ohne zuvor Ausgewogenheit zu beschwören und sich ausführlich von Gewalt zu distanzieren. Es ging so weit, dass derselbe WDR, der KATHARINA BLUM mitproduziert hatte, plötzlich kalte Füße bekam bei unserem Projekt MESSER IM KOPF – ohne dass irgendein Zusammenhang erkennbar gewesen wäre. Es ging in dem Drehbuch von Peter Schneider, inspiriert von den Schüssen auf Rudi Dutschke, nur darum, wie ein Hirnverletzter Sprache Wort für Wort wieder erlernt und dabei entdeckt, wie viel Ideologie mit ihr transportiert wird. Regie sollte Reinhard Hauff führen, Bruno Ganz und Angela Winkler die Hauptrollen spielen. Am Tag nach der Ermordung von Schleyer belehrte uns ein Telex-Lochstreifen aus der Kölner Redaktion, dass ein solcher Stoff jetzt nicht mehr zumutbar sei. Theo Hinz, der mit dem Verlag der Autoren an dem Projekt beteiligt war, rief am 19. Oktober 1977 die Münchner Regisseure in seinem Büro zusammen. Es kamen Alf Brustellin, Alexander Kluge, Rainer Werner Fassbinder, Bernd Sinkel, Edgar Reitz, Katja Rupé und Hans-Peter Cloos vom Ensemble „Rote Rübe“, Margarethe und ich. Andere waren beim Drehen oder glaubten nicht an politische Aktionen, wie Werner Herzog. Alexander Kluge erklärte, wir müssten Gegenöffentlichkeit herstellen, dürften das Monopol der Geschichtsschreibung nicht den öffentlich-rechtlichen Sendern überlassen. Es wurde beschlossen, auf der Stelle einen Kollektivfilm über die Schleyer-Entführung, über die Toten in Stammheim, über das Klima im Land zu beginnen.

In Stuttgart wurde heftig diskutiert, ob die Toten aus Stammheim überhaupt auf einem städtischen Friedhof beigesetzt werden sollten, ob es zumutbar sei, dass Angehörige neben den Gräbern ihrer Verwandten nun die sterblichen Überreste dieser RAF dulden müssten. Oberbürgermeister Rommel entschied im Alleingang zugunsten der Toten, indem er ihre Beisetzung auf dem Friedhof Dornhalden genehmigte.

Für den Tag zuvor wurde das Staatsbegräbnis von Hanns Martin Schleyer in der gleichen Stadt vorbereitet. Alexander Kluge und ich würden die verschiedenen Bestattungen dokumentieren, während andere fiktive Beiträge vorbereiten sollten. Als Arbeitstitel schlug ich EIN DEUTSCHER HERBST vor, was keine Begeisterung auslöste. Wir einigten uns als Provisorium erst einmal auf das etwas pathetische DEUTSCHLAND IM HERBST, weil es Alexander Kluge wichtig war, die patriotische Note nicht den ›anderen‹ zu überlassen.

Am Montag früh, als wir mit einem VW-Bus und meinem alten Mercedes nach Stuttgart aufbrachen, erreichte uns ein Anruf: Fassbinder hatte übers Wochenende seinen Beitrag bereits abgedreht, eine Szene in seiner Wohnung und eine andere in der Küche seiner Mutter. In drei Tagen sei auch der Schnitt fertig. Beneidenswert, dachte ich, als wir uns vor dem Friedhof aufbauten. Es gibt nichts Langweiligeres als Begräbnisse, wenn man sie filmen muss: Limousinen vor grüner Wiese, die Gruppe der Trauernden unter Bäumen, Großaufnahmen der Hinterbliebenen, die Augen der Damen hinter Schleiern, ein Schuss aus dem Grab, die schwarzen Silhouetten aus Untersicht vor möglichst bewölktem Himmel, das Schäufelchen mit der Erde. Wir kennen diese Bilder zur Genüge. Deshalb beschlossen wir, diesen Teil zu überspringen.

Alexander Kluge nahm sich während des Staatsakts die Küche, die Köche und die Kellner vor und befragte sie über die besonderen Anforderungen gastronomischer und zeremonieller Art eines solchen Anlasses. Ich ging ins nahe gelegene Daimler-Museum – mehr aus Langeweile denn aus Absicht – und sah dort eine schwarze Limousine stehen, eine Karosse, auf Hochglanz poliert, den berühmten Mercedes 600, den Adenauer und Papst Pius VII. so liebten. Dieses Auto war das Erstrebenswerteste aller Fahrzeuge, das Sinnbild deutscher Wertarbeit, das Gediegene schlechthin, das Seriöse, das Symbol des Erfolges, der Macht und aller in den 50er Jahren viel beschworenen Werte des Abendlandes, die nichts als materiell waren. Ich organisierte eine Karre der Putztruppe, und Kameramann Jörg Schmidt-Reitwein installierte darauf eine Kamera, die in einer feierlichen 360°-Rundfahrt das Auto umkreiste. Schnittmaterial. Etwas billig, dachte ich, zu agitatorisch; da es aber ein starkes Bild war, setzte es sich im Schneideraum durch.

Um der Ausgewogenheit Tribut zu zollen, filmten wir auch alle Würdenträger, Politiker und natürlich die Familien, die auf dem Friedhof eintrafen. Ebenso das gewaltige Polizeiaufgebot, das nur dekorative Funktion hatte, denn wer hätte hier demonstrieren sollen? Es war eine durch und durch schweigsame, wie gelähmte Trauergemeinde.

Zum ersten Mal hatte es mit dem Präsidenten des Verbands der Deutschen Industrie, eines mächtigen Mannes bei Mercedes Benz, einen Kopf der Republik getroffen. Alle fühlten sich zu Recht oder Unrecht in Gefahr. Die Einigkeit der Demokraten wurde beschworen. Es war mehr Trotz und Trutz als Trauer, was hier aufkam. Auch unsere Gefühle hielten sich in einem eigenartigen Schwebezustand. Ein erschossener Unternehmer, im Kofferraum eines Autos entsorgt – das waren Bilder wie aus einem Mafia-Film. Aber auch die gegen sie selbst gerichtete Gewalt der Selbstmorde wirkte selbstgefällig und theatralisch. Was hatte das noch zu tun mit dem Unrecht auf der Welt, das es in der Tat gab?

Am Dienstag fuhren wir zum Friedhof Dornhalden, wo am nächsten Tag die Beerdigung der Toten von Stammheim stattfinden sollte. Es waren ja eigentlich vier, allein Irmgard Möller überlebte die Stiche in die Brust, die sie sich mit einem stumpfen Knastmesser zugefügt hatte. Sie bestritt, als sie wieder zu sich kam, jede Selbstbeteiligung, jede Erinnerung an die Nacht. Es könne nur ein Mordanschlag der Geheimdienste gewesen sein. Auch in den Folgejahren blieb sie bei dieser Version. Sie saß noch mindestens zwanzig weitere Jahre ein und beteiligte sich an zahlreichen Hungerstreiks. Mehrfach brachte sie sich dabei in Lebensgefahr und war so isoliert, dass ihre Anwälte mich eines Tages baten, sie aufzusuchen. Ich verbrachte ein Wochenende auf der Bahn zwischen München und Lübeck, wo sie einsaß, präsentierte meine Besuchserlaubnis bei der JVA – aber sie wollte niemanden sehen. Warum verweigerte sie ein Gespräch? Aus Erschöpfung? Aus Furcht, über diese Nacht in Stammheim zu sprechen? Auf der Rückfahrt hatte ich genügend Zeit, mir diese Fragen zu stellen.

Schon bei der Beerdigung hatte ich keinen Zweifel daran, dass die Gefangenen sich selbst umgebracht hatten. Ein Anschlag irgendwelcher Geheimdienste war völlig unwahrscheinlich. Wäre er je publik geworden, wäre ein politischer Schaden sondergleichen entstanden. Was hätte man erreicht? Aus lästigen Häftlingen Märtyrer gemacht zu haben? Dagegen machte die Inszenierung eines Selbstmords als Hinrichtung Sinn. Aus der Empörung über die stillschweigende Komplizenschaft der BRD mit dem Vietnamkrieg und ganz allgemein über die Gleichgültigkeit gegenüber dem Elend in der Dritten Welt hatten die Terroristen sich in eine paranoide Ideologie gesteigert, deren Kernstück im Grunde nur mehr das ohnmächtige Einschlagen auf das Feindbild ›verbrecherisches System‹ war. Ich fand ihren Selbstmord deshalb so tragisch, weil sie mit so viel idealistischem Elan aufgebrochen waren. Immer wieder musste ich an ein Foto aus der Anfangszeit denken: Gudrun Ensslin mit einem Kinderwagen auf einer Anti-Vietnam-Demo; diese protestantische Geste gegen das Böse und gegen eine Gewalt, die sie bald selbst ausüben und schließlich gegen sich selbst richten würde. Tragischer kann Idealismus nicht enden. Das war die Trauer, die wir empfanden.

Gescheitert war nur der von der RAF proklamierte bewaffnete Kampf. Derjenige für eine gerechtere Welt kann niemals aufhören. So verstand ich das berühmte „Der Kampf geht weiter“, das Rudi Dutschke am Grab von Holger Meins mit geballter Faust ausgerufen hatte. So habe ich auch die Stimmung auf dem Friedhof Dornhalden empfunden. Ein paar Tausend waren gekommen, eigentlich ein armes Häuflein versprengter Außenseiter, Leute, die sich der Marktgesellschaft verweigert hatten, sympathische Aussteiger und Nichtangepasste, mehr von Schwäche als von Stärke geprägte Gestalten.

Die ehemaligen Köpfe der APO hielten sich auf Distanz, aus Berührungsangst oder aus ideologischer Ablehnung dieser Gewalttäter. Insofern verhielten sie sich ähnlich dem bürgerlichen Lager – vielleicht schon mit Blick auf zukünftige Regierungsverantwortung, zu der sie sich ja mit dem Marsch durch die Institutionen aufgemacht hatten. Dumpf, taub, hoffnungslos wirkte die Trauergemeinde. Es wurden keine Lieder gesungen, keine Worte gefunden bei diesem Trauermarsch durch den nebligen Herbstwald, auch nicht am Grab. Die Menge überflutete den Friedhof einfach, zunächst noch verteilt auf dem Geviert der Wege, dann über die Gräber und Blumenrabatten steigend, die Sargträger fast überrollend. Mit Mühe und Not konnten die Särge in die ausgehobenen Gruben gelassen werden, ohne dass festzustellen war, wer in welchem Sarg lag. Das Gedränge war so groß, dass momentweise Panik aufkam. Unsere schwere 35mm-Kamera wurde in diesem Strom ebenso erfasst wie ich selbst mit einer kleinen Handkamera, die, am ausgestreckten Arm gehalten, ein paar sehr verwackelte Bilder aufzeichnete.

Dann ging es dem Ausgang zu. Das paramilitärische Aufgebot der Polizei, die, uniformiert und zu Pferd, von strategisch erhöhten, für ihre Videokameras günstigen Positionen die Vermummten filmten, gab deren Verbitterung einen fast willkommenen Anlass, sich doch noch auszudrücken. „Mörder! Mörder!“ skandierten einige und begannen die Polizisten anzugreifen, die wie Wegelagerer am Waldrand auf sie warteten. Auch davon schossen wir ein paar Bilder, den Umständen entsprechend wahllos: Leute, die in Gräben stürzten, sich an den Nagelbändern verletzten, die wohl gegen eventuelle Fluchtautos quer über die Straße ausgerollt waren.

Schließlich beruhigte sich alles wieder. Immer noch ohne Lieder und ohne Parolen zogen die Letzten stumm von dannen, unter ihnen die Familienmitglieder, die hier immerhin eine Tochter, eine Schwester, Söhne, Brüder beerdigt hatten.