Ernest J. Gaines

Der 1933 geborene Ernest J. Gaines ist Autor des Romans EIN AUFSTAND ALTER MÄNNER, den Volker Schlöndorff 1987 verfilmte. Gaines ist selbst auf einer Plantage aufgewachsen, seine Großeltern waren Sklaven. 1964 veröffentlichte er sein erstes Buch CATHERINE CARMIER, heute gehört Gaines zu den erfolgreichen Vertretern der schwarzen amerikanischen Literatur. Schlöndorff wollte ihn unbedingt kennen lernen.

A GATHERING OF OLD MEN (EIN AUFSTAND ALTER MÄNNER) spielt auf einer Zuckerrohrplantage in Louisiana. Ein typisches Südstaatendrama: Ein Weißer liegt erschossen vor der Hütte eines Schwarzen. Als Täter kommt eigentlich nur der rebellische Alte in Frage, der in dieser Hütte wohnt. Alle erwarten, dass bald ein Lynchkommando eintrifft. Um Mathu, so heißt der Alte, zu schützen, trommelt die junge Candy, Tochter des Plantagenbesitzers, ein Dutzend andere Arbeiter zusammen. Jeder soll ein Gewehr und eine leergeschossene Patrone mitbringen. Als der Sheriff am Tatort eintrifft, erwarten ihn achtzehn schwarze Männer, die alle behaupten, der Mörder zu sein, und jeder hat ein Motiv, das weit in die Vergangenheit zurückreicht, jeder erzählt seine Geschichte.

Ernest J. Gaines, der Autor, war selbst auf einer Plantage aufgewachsen. Seine Großeltern waren noch Sklaven. Die Lust am Fabulieren entdeckte er, als er für die des Schreibens unkundigen Nachbarn Briefe verfasste. Inzwischen gehörte Gaines zu den erfolgreichen Vertretern der schwarzen amerikanischen Literatur. Ich wollte ihn unbedingt kennen lernen. Das ließ sich gut mit einer ersten Motivsuche vor Ort vereinbaren, denn er wohnte nach wie vor dort. Jedenfalls wäre es spannend, nach dem puritanischen Utah die Südstaaten zu entdecken. Im Mississippidelta, nahe der kleinen Stadt Napoleonville, trafen wir Ernest Gaines. Er trug eine Baskenmütze, wie Heinrich Böll, und hatte auch sonst etwas von dessen beruhigender Art. Er zeigte uns die schnurgerade aufgereihten Zedernholzhütten, die ehemaligen Quartiere der schwarzen Arbeiter, die hier auch ein Jahrhundert nach Abschaffung der Sklaverei noch standen, aber nicht bewohnt wurden, denn sie galten als Symbol der früheren Schande.

Es gibt nichts Traurigeres als die Südstaaten. Zuckerrohrfelder und Sümpfe bedecken das Land. An den erhöhten, meist nicht einmal asphaltierten Straßen lebt die schwarze Bevölkerung in sogenannten mobile homes, die alles andere als mobil sind. Die Räder sind tief und für immer in den Boden eingesunken. Tagelang fuhren wir auf staubigen Feldwegen herum, zwischen den Zuckerrohrpflanzungen starrten uns Kinder an. Alte Cadillacs, Modelle aus den fünfziger und sechziger Jahren, rosteten neben den Hütten vor sich hin und wurden allmählich vom Unkraut überwuchert. Gegen Abend, im staubigen Licht der flachen Sonne, fuhren wir in eine weitere Abzweigung und waren auf einmal dort, wo der Film dann gedreht wurde.

Es ist eigenartig, wie ein Ort plötzlich für sich entscheidet, ohne langes Nachdenken, so wie ein Gesicht uns für eine Rolle einnimmt. Hier standen nur noch die gemauerten Schornsteine zwischen eingestürzten Balken. Hier verloren sich die Zuckerrohrfelder bis an den Horizont. Hier gab es noch die eine oder andere intakte Hütte, auf deren Balkon eine Frau im rosa Unterrock auf einem schiefen Sofa saß und uns träge anschaute. Riesige Mückenschwärme machten sich über uns her, sobald wir nur die Fenster zum Fotografieren herunterkurbelten. Wie man hier drehen sollte, noch dazu nachts, darüber dachte ich nicht nach – der Ort, wie gesagt, stimmte. Hier konnte man sich vorstellen, wie sich ein paar alte Männer noch einmal aufraffen, um ihre Ehre – noch eine verlorene – zu verteidigen. Vielleicht wäre es ja im Winter nicht mehr so heiß, gäbe es nicht mehr so viele Insekten, beruhigte ich mich…

Fast alle Filme über das Rassenproblem waren von weißen, oft europäischen Regisseuren gemacht worden. Schon Jean Renoir hatte hier THE SOUTHENER gedreht, Fritz Lang FURY, Sydney Lumet IN DER HITZE DER NACHT, Norman Jewison GESCHICHTE EINES SOLDATEN und Alan Parker MISSISSIPPI BURNING. Spike Lee und seine Generation fingen gerade erst an, ein neues, schwarzes Kino zu erfinden, und sie konzentrierten sich auf die Probleme der Großstädte New York und Los Angeles. Typischerweise war es auch ein britischer Produzent, Gower Frost, der die Rechte an dem Buch von Gaines erworben hatte. Lou Gossett jun. war der einzige Name, der schon feststand. Er hatte gerade den Oscar für OFFICER AND GENTLEMAN erhalten. Im Erstling der Brüder Joel und Ethan Coen hatte ich eine junge Schauspielerin aus Georgia, Holly Hunter, gesehen. Ihre Energie war so stark, ihre Wut und Emotion so ungebrochen dass sie mich an die junge Margarethe von Trotta und an Angela Winkler erinnerte. Richard Widmark hatte ich als Nachbarn von Arthur Miller kennen gelernt, und er war bereit, den Sheriff zu spielen.

Für die alten Männer, ein Dutzend etwa, suchten wir nach all den großartigen Schauspielern, die je in Film und Theater aufgetreten waren. Woody Strode, der in John Fords SERGEANT RUTLEDGE genau so einen Farbigen gespielt hatte, der in der Uniform Zuflucht, Würde und Stolz fand, wie es hier die Veteranen aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg erzählten, war unsere erste Wahl. Joe Seneca, Tiger Haynes, Julius Harris waren bekannte Charakterdarsteller in New York. Sandman Sims, der Stepptänzer, der im Apollo auftrat und Gregory Hines das Tanzen beigebracht hatte, war ein anderer. Papa John Creach war ein Jazzviolinist, den ich in einem Club gehört hatte, ebenso wie ein paar andere Musiker aus New Orleans, die sich unserem Team anschlossen.

Der Altersdurchschnitt lag so um die siebzig Jahre, alle zusammen mochten sie ein Jahrtausend zählen. Und ebenso viele Geschichten hatten sie zu erzählen, auch von einem unterschwelligen Rassismus unter ihnen selbst. Eindeutig betrachteten die Schauspieler aus dem Norden ihre Kollegen im Süden als noch nicht ganz in der Freiheit angekommen. Manche weigerten sich sogar, in dem Film mitzuspielen, weil sie sich im Süden bedroht fühlten, dort nicht hinreisen wollten. In sechzig und mehr Lebensjahren hatten sie sich praktisch nie südlich der Linie New York-Washington-Los Angeles begeben.