Delphine Seyrig

Eine Frau von ätherischer Schönheit, das war Delphine Seyrig für Volker Schlöndorff, der sie am Set des Resnais-Films LETZTES JAHR IN MARIENBAD ungehindert anhimmeln konnte. Die französische Schauspielerin wurde 1932 geboren und gehört zu den bekanntesten Darstellern der Nouvelle Vague. Neben Alain Resnais arbeitete sie auch mit François Truffaut in GERAUBTE KÜSSE. 

Wenn Sie an LETZTES JAHR IN MARIENBAD denken, erinnern Sie sich an eine eigenartig unwirkliche Atmosphäre. Es war eine großartige Inszenierung um eine Frau herum, viel Arbeit, um ein Kunstwesen in einer Kunstwelt zu verewigen. Imitiertes Laub wurde mit verblüffender Genauigkeit auf eine zwanzig Meter lange Strecke Sperrholzplatten gemalt, nur damit der Kamerawagen erschütterungsfrei darüber hingleiten konnte, immer vor Delphine Seyrig her, die tänzerisch elegant einen ihrer Chanelschuhe, dessen Absatz gebrochen war, in der Hand balancierte.  Keine dramaturgische Notwendigkeit verlangte diesen Aufwand, die Einstellung ist aber von einer ähnlich schwerelosen Schönheit, wie Jahre später Stanley Kubricks Fahrten, mit Steadycam allerdings, durch das Labyrinth in SHINING.

Von magischer, unwirklicher Schönheit war diese Delphine Seyrig, die Alain Resnais in einem Off-Broadway Theater in New York entdeckt hatte. Unvergesslich ihr erster Auftritt am Drehort von LETZTES JAHR IN MARIENBAD: in einen Burberry gehüllt, einen Schal über der dreißiger Jahre Frisur, tauchte sie hinter einer der Marmorsäulen in der Halle des Schlosses Schleißheim auf und begrüßte uns mit einem geistesabwesendem Lächeln.

Ein Wesen von einem anderen Stern - auf der Leinwand wie im Leben.

Der Regisseur und seine Hauptdarstellerin gingen nur im Flüsterton miteinander um, meist auf der Suche nach einer Intonation oder dem richtigen Winkel des Ellbogens im Verhältnis zur Neigung des Kopfes. Ich – damals kleiner Regieassistent – stand völlig unter ihrem Charme, fand sie so hinreißend, dass ich in ihrer Garderobe die Kleenextücher mit dem präzisen roten Abdruck ihrer Lippen sammelte, wovon ich heute noch eines wie ein Blatt gepresstes Herbstlaub in einem kleinen Gedichtband aufbewahre. Dieses Requisit war nicht nur in Leder gebunden, sondern so um sein unteres Drittel beschnitten, dass es eine quadratische Form hatte – was Resnais eleganter fand. Delphine schenkte es mir zum Abschluss der Dreharbeiten, da ich als Einziger diese deutschen Elegien lesen konnte. Dass durch das Beschneiden des Einbandes auch die Poesie stark gekürzt war, störte mich nicht, da ich ohnehin lieber dicke Romane las – damals gerade Musils MANN OHNE EIGENSCHAFTEN. Beim Lesen sah ich in allen Frauen Musils Delphine Seyrig, mal als Agathe, Regine oder Clarisse. Sie wurde meine erste literarische Liebe. Da ich sie mit Resnais liiert glaubte, sie ohnehin viel zu schön und zu sehr schon Frau war für einen gerade mal Volljährigen, konnte ich sie umso ungehemmter anhimmeln, als ich nie in die Verlegenheit kommen würde, sie auch nur zu umarmen. Ein anderer ihrer Verehrer war Sascha Pitoeff, der russische Theaterregisseur, der in MARIENBAD das Spiel mit den Streichhölzern so unschlagbar austrägt. Auch er las Musil, auch er entdeckte eine Wahlverwandtschaft von dessen Frauenfiguren zu der ätherischen Delphine und besetzte sie als Regine in der französischen Uraufführung Der Schwärmer. Mir genügte es ihm dabei assistieren zu dürfen, ebenso wie später bei der Möwe, wieder mit Delphine. Dabei entdeckte ich, dass sie auch herzhaft lachen konnte, meist über Männer – wie mich -, die sie fast alle nur ‚lustig’, um nicht zu sagen komisch fand…