David Bennent

spielte die Hauptrolle in DIE BLECHTROMMEL.

20. September 1977, Goslar

Mit Franz Seitz, dem Produzenten, auf dem Kongress Kleinwüchsiger Menschen, auf der Suche nach einem Hauptdarsteller. Etwa 60 Zwerge in der Kaiserpfalz. Ergebnis: Keiner von ihnen kann Oskar darstellen. Oskar muss ein Kind sein, und zwar möglichst ein kleinwüchsiges. Ich spreche mit spezialisierten Ärzten, um an solche Kinder heranzukommen. In München erzählt mir Dr. Butenandt vom Sohn eines Schauspielers, den er mir, ohne die ärztliche Schweigepflicht zu verletzen, nennen könne: David Bennent. Seinen Vater, Heinz Bennent, kenne ich gut. Er hat Katharina Blums Anwalt Blorna gespielt. Ich habe ohnehin an ihn gedacht – als Besetzung für den Gemüsehändler und Pfadfinderführer Greff.

Seinen Sohn habe ich nie gesehen. Familie Bennent ist in Ferien auf einer griechischen Insel. Ich schreibe ihnen einen Brief.

 

25. September

Mit David Bennent auf dem Oktoberfest. Ich hatte vorher mit seinem Vater telefoniert, um ihn abzuholen. David wird unten vor der Tür auf mich warten, da man in der Oettingenstraße wegen der Straßenbahn nicht halten könne. Als ich ihn am Straßenrand stehen sehe, weiß ich von weitem schon, dass Oskar Matzerath gefunden ist. Im gleichen Augenblick schreckt mich heftiges Klingeln der Tram aus meinen Träumen: Sicher wird er jetzt überfahren!

Es war ein unbegründeter Schreck. Ich fotografiere David, zusammen mit anderen Kindern zwischen drei und zwölf, um die Größenverhältnisse und das Verhalten zu vergleichen. David ist der Kleinste, wirkt aber am ältesten. Seine Eltern haben ihm von dem Buch erzählt. Er weiß Bescheid. Vom ersten Moment an haben wir einen professionellen Kontakt. Er weiß, dass er die Rolle seines Lebens gefunden hat, und auch, dass er seine Rolle im Leben gefunden hat: Schauspieler sein. Abends sagt er zu seinem Vater: "Ich habe eine Rolle, wie du nie eine gehabt hast und nie haben wirst!"

Die Fotos belegen den spontanen Eindruck: Auf jedem schaut er anders aus, mal kindlich, mal erwachsen, eigentlich alterslos, mal rotzfrech, mal verletzlich, immer faszinierend.

 

27. Juli 1978

David ist mit seiner Mutter angekommen. Er ist so aufgeregt, dass seine Stirn nass von Schweißperlen ist. Gleich springt er mir auf den Schoß, umklammert mich und löchert mich mit Fragen. So viel Zuneigung lass ich mir gern gefallen – auch wenn ich sie wohl mehr meiner Funktion verdanke. Fast meine ich, seine Mutter müsse eifersüchtig sein. Du bist der König hier, sage ich ihm. Seine Mutter lacht entsetzt. Das Hotelpersonal stehe ihm zu Diensten; ich habe ihm zwei Kilo Schokolade, Bonbons und Kekse aufs Zimmer gestellt. Er weiß nun, dass er der wichtigste Mann des Unternehmens ist und genießt es wie ein rechter Gernegroß mit kindlicher Hemmungslosigkeit. Dazu raucht er kleine Holunderhölzchen, die er sich im Englischen Garten geschnitten hat – sehr zum Entsetzen der Kellner, die meinen, es seien Zigarillos. Ich ermutige ihn in seiner Euphorie: Oskar wird ja auch bestätigt in seinem Größenwahn. Für Rückschläge wird die nächste Zeit schon sorgen. Seine Freude überträgt sich schnell auf die anderen, auf Igor Luther, den Kameramann, besonders. Niemand vibriert mehr als er mit Oskar. Auf seine Reaktionen kann ich mich verlassen wie auf meine eigenen. Es ist überhaupt verblüffend, wie leicht alle, die jetzt eintreffen, die bayerischen Beleuchter und Techniker, die italienischen Maskenbildner und das jugoslawische Team, sich auf Oskars Geschichte einstellen können. Jeder weiß sofort Beispiele aus der eigenen Kindheit zu berichten. Um Oskar kristallisieren sich schnell Erinnerungen. Die Universalität der Figur ist somit schon erwiesen.

 

31.Juli

Erster Drehtag. Zagreb. Maiwiese.

Gauschulungsleiter Löbsack spricht – Oskar löst den NS-Aufmarsch mit seiner Trommel auf und macht ein Volksfest daraus.

Gestern waren Igor, Ali, Ernst Jacobi und ich auf dem Land spazieren, querfeldein. Abends noch mit David und seiner Mutter schwimmen. Schon ganz ohne Nervosität. Vorm Einschlafen ein letzter Scotch mit Igor auf dem Zimmer und nochmals alle Einstellungen durchgesprochen.

Immer wieder die Forderung: Es muss lebendiger, es muss wilder werden. Wie? Vor der Tribüne Ordnung und Symmetrie, hinter der Tribüne Unordnung und Organisches. Also zum Beispiel ein kleines Mädchen, das pinkelt, Oskar tritt in einen Scheißhaufen, an einem Pfeiler kotzt einer. So haben wir’s denn heute auch gedreht. Bei der Hitze wurden uns sieben von unseren zweitausend Komparsen ohnmächtig. Wie im Dauerlauf von Einstellung zu Einstellung, aber nie wirklich gehetzt, sondern eben laufend, wie im Training. Bis auf die sehr montenegrinisch ausschauende

Musikkapelle war alles überzeugend.

Wir hatten unseren Spaß, vor allem auch an Oskar, der unter der Tribüne unser aller Wunsch nach Anarchie sowie die Utopie seiner Allmacht austobt, während über ihm Ernst Jacobi, ohne jede Karikierung, Gauschulungsleiter Löbsack gegen Juden, Polen und für "heim ins Reich" wettern lässt.

 

4. August

Nach einer Drehwoche – morgen ist der sechste Tag – komme ich dazu, die Situation zu analysieren. Das Team ist nicht homogen, jeder Einzelne ist ganz verschieden motiviert, sich zu beteiligen oder nicht. Zusammenarbeit ist schwierig. Gestern Abend haben wir die Muster der ersten beiden und schwersten Tage gesehen: Mehr als die Hälfte, und zwar ausgerechnet die Totalen mit der großen Komparserie, ist unbrauchbar. Ein Kassetten- oder Kameraschaden bewirkt eine Doppelkontur bei der Belichtung, ähnlich dem Effekt einer schlecht regulierten Fernsehantenne. Dieser unfassbare Schaden war uns aus Berlin schon angekündigt. Doch mit unverbesserlichem Optimismus wollte ich das Telegramm des Kopierwerks nicht wahrhaben, bis Hofbauer die Muster mitbrachte. Einziger Trost: Die Szene funktioniert ansonsten, Oskars Störmanöver wirkt glaubhaft, macht Mut. Besser gut und unscharf als scharf und schlecht, versuche ich mir und den anderen einzureden.

Die anderen, das sind natürlich alle, die anfangen, unzufrieden und nervös zu werden: David/Oskar ist überfordert; bei den Proben ist er wunderbar, das heißt immer, wenn er zum ersten Mal in eine Situation gestellt wird, reagiert er richtig und strahlt Intensität aus. Doch er hat keine Konzentration, dieses Verhalten bei der Aufnahme zu wiederholen. Darin gleicht er Angela Winkler – una instintiva, wie Rino sie bezeichnet. Daniel Olbrychski dagegen – auch er ist angekommen und hat gestern zum ersten Mal gedreht – muss geführt werden. Gerade ihn hielt ich für spontaner, aber auf seine Reaktionen ist nicht immer Verlass. Dagegen kann er einmal Erarbeitetes sehr gut wiederherstellen.

 

5. 6. 7. August

Polnische Post. Toll war die Szene in dem fensterlosen Raum der Post, wo Kobyella beim Skatspiel stirbt und Bronski endgültig überschnappt. David hat uns alle verblüfft und endgültig gewonnen. Wie er Skat spielte, auch mitten in den Explosionen konzentriert blieb und alles voll miterlebte! Dabei war die Verwirrung und Hysterie am Drehort fast so groß wie in der Polnischen Post am 1. September 1939.

 

21. 22. August

Reise nach Bayeux, Normandie.

Bunker Dora. Zwei Tage tanzt und singt unser Fronttheater auf Beton. Strahlende Sonne, starker Wind: Wir haben Sonnenbrand, gute Laune. Am liebsten möchten alle bleiben und den Film hier zu Ende drehen. Nur Roswitha, Oskars kleinwüchsige Begleiterin, ist traurig, weil sie seit vier Tagen ihren italienischen Verlobten nicht mehr am Telefon hatte. Fritz Hakl, der Darsteller des Bebra, macht ihr den Hof, versucht es mit ein paar Brocken Italienisch und Wiener Charme, aber ihre Mutter setzt sich einfach dazwischen und unterbindet jede noch so kindhaft-liebe Annäherung des Liliputaners. Roswitha fügt sich und verschließt sich. Sogar die Fotos der Sequenz unter dem Eiffelturm im france soir versteckt die Mama vor neugierigen Augen. Sie scheint sich zu schämen, dass ihre kleinwüchsige Tochter im Film auftritt.

Immerhin ist David heute zutraulicher gewesen mit ihr als gestern unter dem Eiffelturm. Ein liebevoll zärtliches Verhältnis, bei dem seine natürlichen Hemmungen denen eines Verliebten ähneln, gibt ihren Szenen etwas Rührendes. Und Bebras Eifersucht ist sarkastischer als vorgesehen, weil er tatsächlich an ihr leidet.

Der Umgang mit dem französischen Team fällt mir leicht. Gemeinsame Begeisterung, Sprache und Liebe zum Beruf haben uns gleich am ersten Tag zusammenfinden lassen. "Ist die schwarze Köchin da", singen die Zwerge auf dem Bunkerdach, Bebra fährt Einrad und spielt Akkordeon, La Paloma natürlich, alle marschieren im Gleichschritt hinter David – schöne Bilder, Bilderbuchbilder. Struwwelpeter.

 

24. August

Schlösschen in der Normandie. D-Day, 6. Juni 44, Landung der Alliierten. Oskar wacht in Roswithas Armen auf: Die Amerikaner kommen!

Die entzückende Liliputanerin wird von einer Granate zerfetzt, als sie

"viel zu heißen Kaffee" holt.

Beim Drehen des morgendlichen Hals-über-Kopf-Aufbruchs ist es unseren Sprengmeistern nicht gelungen, glaubhafte Einschläge von Schiffsraketen zu simulieren. Mal zu schwach, mal zu spät, mal gefährlich nah an den Schauspielern – doch nie kontrolliert und wirksam. Inzwischen ging das Licht weg. Wir hatten die Bewegung der Komparserie gut geprobt, um die ganze Sequenz in den wenigen Minuten der Dämmerung drehen zu können. Umsonst. Die Explosion des "viel zu heißen Kaffees" hat Roswitha zwar von Kopf bis Fuß mit Dreck bedeckt, aber eine erschütternde Todesszene ist das nicht. Produktions- und Aufnahmeleiter schleichen verlegen um die Ecke. Einer täuscht sogar einen Nervenzusammenbruch vor und legt sich ins Bett.

Ein Lichtblick: David. Sein Schrei nach der sterbenden Roswitha ist herzzerreißend. Auch in der Liebesszene, die er nackt spielt, zeigt er sich diesmal als Draufgänger – wie Oskar. Mariella dagegen hat solche Angst vor der Reaktion ihres eifersüchtigen Verlobten, der ja eines Tages den Film sehen wird, dass sie steif, verkrampft und einfallslos in Davids dünnen Armen liegt. Seitz macht mich rechtzeitig darauf aufmerksam, dass man Davids kleines "Gießkännchen" nicht sehen darf, als er bei Bebras "Die Amerikaner kommen!" aus dem Bett springt. Der Vorstellungskraft des Zuschauers sollen keine Grenzen gesetzt werden. Igor ist so erbost über die Gleichgültigkeit der Beleuchter, dass er sie wegschicken und ohne Licht weiterdrehen möchte! Außer zum Essen, was ausgiebig und lang stattfindet, zeigt das französische Team wenig Begeisterung.

Bei aller Freude an der Arbeit, an David und den anderen Darstellern, an den Schauplätzen – immer öfter durchzucken mich Zweifel. Es kommt mir alles so unwirklich vor, was ich da inszeniere. Bilder ja – aber was drücken sie aus? Was wird dargestellt? Gibt es Oskar? Ist es richtig, so viel von David zu übernehmen? Hetze ich nicht von Schwierigkeit zu Schwierigkeit, weil ich bei nichts verweilen will? Was ist denn Oskars Ausflug in die Normandie? Wie wirklich ist sein Verhältnis zu Roswitha? Will ich etwa doch Psychologie?

Ich erinnere mich an meine französische Schullektüre: Descartes. Er sagt, was man einmal für richtig erkannt und begonnen hat, soll man nicht in Zweifel ziehen oder gar abbrechen, ehe es getan ist. Erst im Nachhinein das Vollendete analysieren und nächstes Mal entsprechend berücksichtigen.

 

29. August

Strandbad Brösen. Maria erschreckt Oskar mit ihrem schwarzen Dreieck. Es ist eine der wenigen Szenen, für die ich jede Einstellung skizziert habe, weil Katharina Thalbach sich nicht nackt zeigen will. Diese Begrenzung erweist sich als Stärke, denn in Oskars zuschauendem Blick ist mehr Spannung und Erotik als in der Darstellung von Genitalien. Es genügt, dass der Zuschauer den Eindruck hat, die beiden seien nackt.

Zu allem Überfluss stürmte und regnete es den ganzen Tag. Mit Heizofen versuchten wir, die Badekabine zu wärmen, während David und Kathie sich in eine Wolldecke gehüllt aneinander gewöhnten. Richtige Sommerhitze fehlte, aber zwischen den beiden funkte es. Davids aufgerissene Augen, als sie plötzlich nackt vor ihm steht, drücken Entsetzen und Faszination so übertrieben grotesk aus, dass keine Peinlichkeit entsteht.

 

9. September

Davids 12. Geburtstag, auch Marios Geburtstag – ein Fest. Ich habe Angst vor der langen Zeit, die noch vor uns liegt – noch mal so viel wie bisher plus zwanzig Tage!

 

15. 16. September

Gestern Abend kam Günter Grass an. Alle Schauspieler fanden sich "wie zufällig" im Speisesaal des Hotels ein. Im Laufe des Abends hat er mit allen gesprochen. Für heute Vormittag war eine Mustervorführung angesetzt. Mir ist nicht wohl dabei. Was soll ein Autor mit den ungeschnittenen Mustern, den dauernden Wiederholungen einzelner Einstellungen anfangen?

Prompt heute Abend, kaum vom Drehen zurück, sagt David mir, die Vorführung hätte Günter Grass wohl nicht gefallen. Er habe ihm nur gesagt, dass er gut gespielt habe. David ist also vor seinem "Schöpfer" so nervös wie ich. Ich muss Günter Grass auf jeden Fall sagen, dass er David kräftig loben soll. Er braucht die Bestätigung von dritter Seite. Durch seine Eltern spürt er sicher, dass der Autor die oberste Instanz ist. Sein Urteil wichtiger ist als mein täglicher Zuspruch.

 

20. September

Um neun Uhr früh ruft Gabriele Seitz an, Günter Grass wolle mich sprechen. Ich sage, gut, um zehn Uhr, damit ich Zeit habe, wach zu werden. Um halb zehn bin ich dann doch schon im Speisesaal. Grass zieht mich in eine Ecke. Er hat gestern Abend eine Stunde Muster gesehen. Er ist sehr zurückhaltend mit Wertungen, will sich nicht einmischen. David als Oskar gefällt ihm sehr. Auch Angela. Bronski weniger, zu oberflächlich. Er sei ja mit seiner Angst der einzige Normale unter all den Kleinbürgern, die der Heldenwahn ergriffen hat. Matzerath erobert Frankreich, dringt bis tief nach Russland ein, nur Jan Bronski bleibt da und fürchtet sich.

Bei Kathie stört ihn die Verkrampfung in der Badekabine, dadurch fehlt der Szene die Unschuld. Ich glaube nicht, dass Kathie in der geschnittenen Fassung verkrampft wirken wird. Sie hat es geschafft, mit David eine sinnliche Spannung herzustellen, die aufregender ist als Nacktheit.

Nach Drehschluss treffen Angela, Mario, David, Fritz Hakl und Heinz Bennent sich mit Günter Grass. Er möchte mit ihnen über die Rollen sprechen.

– Ich fange mit dir, David, an und mit Ihnen, Bebra, weil Sie der Einzige sind, den Oskar anerkennt. Mit Bebra sprichst du, David, wie ein Erwachsener. Ebenso mit Schugger-Leo. Weil beide nicht zur normalen Welt gehören, brauchst du ihnen auch nicht den Dreijährigen vorzuspielen. Du lernst Bebra im Zirkus kennen, zwischen zwei Vorstellungen, zu einer Zeit, in der politisch viel los ist: Die Nazis haben die Macht ergriffen. Er warnt dich vor ihnen. Er fordert dich auf, zum Zirkus zu kommen, damit du nie mit den Nazis vor Tribünen aufmarschieren musst. Daran erinnerst du dich, als Matzerath zur Kundgebung geht. Du schleichst unter die Tribüne, wie Bebra es dir geraten hat, und sprengst den ganzen Aufmarsch mit deiner Trommel. Später triffst du Bebra wieder, er hat die eigene Idee verraten. Er stellt sich und seine Liliputanertruppe in den Dienst der Macht. Es schmeichelt ihm, dass man ihm Gelegenheit gibt, in Berlin vor allerhöchsten Führungsgremien aufzutreten. Die Verführbarkeit des Künstlers durch die Macht. Als deine Eltern dich im Zirkus mit den Zwergen sprechen sehen, sind sie entsetzt. "Um Gottes willen!" ruft deine Mutter und bekreuzigt sich. Es ist ihre fatalistisch-katholische Einstellung, die sie nicht weiter einschreiten lässt. Matzerath dagegen, praktisch und kleinbürgerlich, wie er ist, bricht den Zirkusbesuch einfach ab. "Das ist kein Umgang für unser Oskarchen, und wenn er noch so klein ist und genauso wie die da!" Aber Oskar hat begriffen, er wird Künstler sein.

Es ist inzwischen halb zehn Uhr geworden, und David muss ins Bett. Morgen früh geht’s um sieben Uhr los zur ehemaligen Deutschritterordenstadt Marienburg, wo wir den Zirkus drehen. In Jugoslawien hatte es damit zeitlich nicht mehr geklappt.

David verabschiedet sich mit einem sehr förmlichen Diener.

Wir sprechen über ihn und Oskar Matzerath. Er ist für mich der Schlüssel zur BLECHTROMMEL, er und Oskars Kindheit. Ich war ein sehr ernstes Kind, kein Enfant terrible wie Oskar Matzerath. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich beim Drehen versäumte Kindheit nachhole, eigene Kindheit bewusst nacherlebe. Dabei hilft mir David, der für mich mehr als ein Schauspieler ist: Er ist ein Medium. Er hat selbst Probleme, die ähnlich sind wie die des Oskar Matzerath, deshalb wirkt er so authentisch. Er spielt nicht den Oskar Matzerath, sondern er ist selbst ein Oskar. Dadurch wird der Film auch ein Dokument über das besondere Kind, das er ist. David hat sich das Buch ganz angeeignet. Er behandelt Günter Grass so, als sei Oskar seine Erfindung, deren der Autor sich nur bediene.

Wir haben ihm das Buch so oft vorgelesen, er hat es so oft mit Fragen aufgearbeitet, dass er von sich aus den jeweiligen Oskar herstellt: Als Dreijähriger verschmiert er sich den Mund mit Kuchen, ist er der Achtzehnjährige, kopiert er Erwachsene und verhält sich den ganzen Tag über wie ein Achtzehnjähriger. Sein Blick auf die Welt der Erwachsenen, die immer kindischer werden, je erwachsener sie sind, und trotzdem nie den Ernst der Kindheit wiederfinden.

Es sind die Schlüsselerlebnisse einer jeden Kindheit, in die wir Oskar stellen. David spielt dann Oskar, aber er erlebt selbst diese Schlüsselszenen. Jede Einstellung hat etwas von einem Happening. Bei der Arbeit sind wir Komplizen. In mir sieht er einen, der ihm hilft, ans Leben ranzukommen, Situationen auszuprobieren, die er als Zwölfjähriger noch nicht kennt. Der Film und die Rolle sind eine Art Schule des Lebens für ihn. Was uns dabei bestürzt, ist, wie schamlos er sich vor der Kamera verhält. Damit sticht er natürlich – ohne das bewusst zu machen – die anderen Schauspieler aus. Sie müssen ja als erwachsene Menschen zurückhaltender vor der Kamera sein.

Deshalb schockiert David auch. Er ist das Gegenteil von einem Kinderdarsteller, den alle rührend finden. Er ist mitleidslos, ohne jede Anbiederung, ohne Sentimentalität. Er kann sich augenblicklich aus der Rolle rauskatapultieren, haut auf seine Trommel – nicht als Oskar Matzerath, sondern als David Bennent –, weckt das ganze Team auf. Plötzlich sind alle wieder ernüchtert und aufmerksam. Er benutzt die Trommel buchstäblich, um Distanz zwischen sich, David Bennent, den Oskar Matzerath und uns – Zuschauer und Filmteam – zu bringen. Die Trommel ist für ihn das Bindeglied zwischen der Rolle und ihm selbst (so ähnlich wie für Grass die Schreibmaschine), und sie ist gleichzeitig Schutzschild, der Abstand schafft. Eben noch war David selbst erschüttert in einer Szene, dann ist er wieder der Junge mit der Trommel, der Faxen macht. Alle lachen, und es gibt nie den peinlichen Moment, wo man meint, zum Voyeur eines krankhaften Phänomens geworden zu sein.

 

21. November

Auf dem Friedhof, am Nachmittag, drehte David seine letzte Einstellung: Er wirft die Trommel ins Grab seines zweiten mutmaßlichen Vaters und beschließt zu wachsen. Gleich nach der Einstellung gehe ich zu ihm und umarme ihn, denn auch er muss jetzt ohne Trommel…

– Jetzt musst du ohne Oskar leben, bist wieder allein mit dir.

Er fängt schlagartig an zu weinen. Sein Vater nimmt ihn auf den Arm, er schluchzt immer lauter, bis es uns alle, das ganze abgebrühte Team, packt.

Ali heitert uns bald wieder auf mit einem erdbraunen Totenschädel, den er beim Ausheben von Matzeraths Grab gefunden hat. Hamlet - Improvisation. David möchte ihn mitnehmen. Wir fotografieren ihn damit und buddeln den Schädel wieder ein. David nimmt stattdessen Oskars Trommel mit nach Hause.

Abends gab’s für alle Eisbein bei Hardtke. Über dieses letzte Knöchelchen, das die Produktion ihnen zum Schluss nachwerfe, mokieren sich einige im Team. Wir kommen direkt aus dem Atelier, verschwitzt und erschöpft. Es wird auch keine Feier mehr, nur ein großes Abschlaffen, Umarmungen, Tränen und Vorwürfe, wie immer. Grass kommt zu uns und hält eine kurze Rede, an David und seine Eltern gerichtet. Er solle jetzt nicht dem Oskar nachtrauern und nicht auf eine neue Rolle warten. "So eine Rolle kommt nicht wieder. Es ist besser, du suchst dir eine andere Rolle – im Leben, nicht im Film."

David hört Grass nicht zu und kritzelt mit unsicheren, großen Buchstaben seinen Namen in eine illustrierte BLECHTROMMEL-Ausgabe. Er, der alles zu wissen scheint, mit dem wir vier Monate wie mit einem Erwachsenen umgegangen sind, ist auf einmal wieder ein Kind, das kaum lesen und schreiben kann.

 

25. Februar 1979

Sonntag, Lausanne. Ich bin zu Bennents gefahren, um mit David den Kommentar aufzunehmen. Sein Schnupfen ist ausgeheilt. Ich schlafe bei ihm im Kinderzimmer. Wir quatschen bis spät in die Nacht. Im kleinen Studio eines Schweizer Filmkollektivs fangen wir am nächsten Morgen um neun mit den Aufnahmen an.

Dreizehn Seiten Schreibmaschine Kommentar. Lauter nicht ganz einfache Texte, die Heinz Bennent seinem Sohn in mühsamer Kleinarbeit so eingebleut hat, dass David sie auswendig kann. Eine solche Disziplin dürfte es sonst nur bei Artistenkindern geben. Doch David hat nicht nur auswendig gelernt, er interpretiert diese dreizehn Seiten wie einen langen Bühnenmonolog. Vor dem Mikrofon fuchtelt er mit den Armen, erregt sich, schreit, flüstert, weint und lacht, als ob er all die Szenen, die er kommentiert, noch einmal durchlebe. Das hat er drei Monate lang geprobt. Doch wieder, wie in Berlin, macht seine Stimme nicht ganz mit. Nach zwei Stunden ist er heiser. Vor Wut fängt er an zu heulen. Wir unterbrechen, machen einen Spaziergang mit ihm, nehmen wieder auf. Zermürbende Kleinarbeit, Satz für Satz, bis wir endlich fertig sind und David ein zweites Mal den Eindruck hat, den Film nun endgültig geschafft zu haben. Er triumphiert zu Recht.

 

Nach der BLECHTROMMEL haben David und ich uns zwar nie aus den Augen verloren, waren beide durch DIE BLECHTROMMEL berühmt geworden, aber David empfand die Identifizierung mit Oskar als einen Fluch, von dem er sich befreien wollte. Das war auch einer der Gründe, warum es nie zu einem zweiten Teil des Films gekommen ist. Günter Grass und ich hatten über die Jahre viele Fassungen über Oskar Matzeraths Abenteuer in der Nachkriegszeit geschrieben. Zuletzt wurde er ein Medienunternehmer à la Leo Kirch, der zeitliche Bogen reichte von Kriegsende bis zum Fall der Mauer. Aber wir, die Autoren, konnten unsere Produzenten nicht überzeugen, und David weigerte sich, einen nun bucklichten Gnom zu spielen. Er hatte jahrelang daran gearbeitet, diese Rolle zu überwinden, vor allem mit Peter Brook in Paris, er hat viel Shakespeare gespielt, auch moderne Stücke wie DER MANN, DER… Zuletzt war er am Berliner Ensemble tätig, aber im Film hatte er keine großen Rollen mehr. So war es eine Freude, ihn fast 30 Jahre später in ULZHAN als Geschichtenerzähler zu besetzen, der mit dem Drehbuchautor behauptet: "Geschichten werden die Menschen immer brauchen!" Allerdings haben wir nicht bemerkt, dass die Geschichte, die wir hier erzählten, nicht konkret genug war. Nicht nur die Menschen, auch Filme brauchen "Geschichten".