Bruno Ganz

Der Schweizer Theater- und Filmschauspieler war die ideale Besetzung für die männliche Hauptrolle im Schlöndorff-Film DIE FÄSCHUNG. Das Problem: Er harmonierte nicht mit Co-Darstellerin Hanna Schygulla – ein Umstand, an dem der Regisseur scheitern sollte. Auch sonst waren die Dreharbeiten im Libanon während des Bürgerkriegs ein schwieriges Unterfangen: Bruno Ganz musste aufpassen, den Kopf nicht zu hoch zu tragen und nicht zu lange auf einer Stelle zu stehen… Scharfschützen lauerten überall.

Beim Schwimmen im Hotelpool, am Morgen nach der Oscar-Nacht, wurde mir klar, dass dieser Stoff, DIE FÄLSCHUNG von Nicolas Born, mein nächster Film sein sollte. Natürlich wäre es schlauer gewesen, die Chance einer Karriere in Hollywood zu nutzen, aber warum nicht den Oscar als Aufforderung zu etwas ganz anderem begreifen? Wie hieß es bei Nicolas Born? „Der Leser war ihm doch scheißegal, darum ging es ja nicht. Es gab noch eine andere Instanz, er wusste nicht genau, was es war, nur wie es sich äußerte. Er wusste, dass er eine Arbeit, wenn er sie schon machte, richtig machen sollte, und das hieß ehrliche Arbeit, Einsatz. Er musste überall zur Stelle sein, wenn jemand starb, jeden Einzelfall musste er dokumentieren, er war hier zu etwas verpflichtet, zum Hinsehen.“

Bruno Ganz war der ideale Darsteller eines solchen Beobachters. Auch Hanna Schygulla war richtig besetzt, aber leider vom Temperament her unvereinbar mit Bruno. Schon bei der Vorbereitung wurde deutlich, dass er sie als Schauspielerin nicht ernst nahm – trotz ihres großen Erfolges in Fassbinders EHE DER MARIA BRAUN. Hanna ihrerseits konnte mit Peter Steins Theater und seinen Darstellern nichts anfangen. Eine fatale Kombination, an der meine Regiekünste, trotz aller Anstrengungen, scheitern sollten.

Bruno wünschte sich Romy Schneider als Partnerin, und sie hätte sicher eingewilligt, wenn ich sie gebeten hätte. Wir kannten uns von meiner Theaterzeit mit Sacha Pitoëff. Sie hatte von Delphine Seyrig die Rolle der Nina in der MÖWE übernommen. Ich sehe sie noch, wie sie in der Kulisse steht, sich auf ihren Auftritt konzentriert. Wie ein kleiner Soldat wirkte sie, immer tapfer kämpfend, oft auf verlorenem Posten. Wir wussten, wir wollten einmal zusammenarbeiten, aber nie fand sich das richtige Projekt. Es hat nicht sollen sein, es blieb bei immer festeren Umarmungen, wann immer wir uns trafen. Mein Assistent Régis Wargnier, inzwischen selbst Regisseur mit einem Oscar, hatte gerade in Paris an einer Produktion mit Romy gearbeitet. Er kam mit mir zu der ersten Motivsuche in den Libanon und warnte mich eindringlich, Romy diesen Drehbedingungen, der permanenten Gefahr inmitten der kämpfenden Fraktionen auszusetzen. Beim letzten Film habe sie im Übrigen eine Entourage von fast zwölf Personen gehabt, Maskenbildnerin, Garderobiere, Chauffeur, Privatsekretärin, Masseur, Friseuse, Kindermädchen und so weiter. Niemals könnten wir eine solche Truppe, ihre Fahrzeuge und klimatisierten Wohnwagen in das zertrümmerte Beirut bringen, von den Kosten ganz zu schweigen.

So machten dann Bruno Ganz und Hanna Schygulla einen Spaziergang durch den Englischen Garten und meinten danach, es werde schon gehen, schließlich seien sie Profis. So war es dann auch, aber es fehlte die innere Beteiligung. Die stärksten Emotionen waren in den wenigen Szenen zwischen Bruno und Gila von Weitershausen zu Anfang in Lüchow-Dannenberg zu spüren. Was immer die beiden dabei empfunden haben, für mich war es wie ein Spiegel meiner Beziehung zu Margarethe. Am 29. November 1980 kamen wir in Beirut an. Bruno Ganz, das Team und die Kamera waren mit dabei, nur Kameramann Igor musste noch einen anderen Film fertig machen. So lange sprang Franz Rath für ihn ein. Schon als die Kisten und Koffer, nicht ohne Bakschisch, durch den Zoll geschleust wurden, waren wir klitschnass geschwitzt. Es herrschte noch sommerliche Wärme. Mir kam die ganze Mühe, nur um einen Film zu machen, mal wieder vermessen und vergeblich vor.

Allen war ziemlich mulmig. Ängstlich schauten wir auf die vielen Waffen und witterten in jedem Araber einen finsteren Killer. Die Fahrt vom Flughafen zum Hotel reichte den meisten schon. Jetzt bricht die Welt zusammen, dachten wir, jetzt geht gar nichts mehr. Schwere MGs auf Lieferwagen montiert, klapprige Taxis, amerikanische Superschlitten, Flüchtlingslager am Straßenrand, Barrikaden auf der Autobahn, riesige Erdwälle zwischen enthaupteten Palmen, Thymian, Basilikum und Petersilie fuderweise mitten auf der Kreuzung verkauft, ein unvorstellbares Verkehrsgewühle und Gehupe, keine Ampeln, keine Polizei, keine Regeln – und keine Unfälle.

Was so chaotisch aussah, organisierte sich wie das unverständliche Gewimmel eines Ameisenhaufens, wo ja auch jede Ameise irgendwann ihr Ziel erreicht. Der Verkehr regulierte sich selbst, zwar stockend, aber organisch. Die Autofahrer beobachteten sich gegenseitig, kleine Handzeichen, Blicke und ein Heben der Augenbrauen entschieden die Vorfahrt. Jeder musste den anderen wahrnehmen, statt sich auf Regeln zu verlassen. Das schaffte Gemeinsamkeit.

Wer sich nach Anarchie sehnte, hier hatte er sie. Und es stimmte, dass sie in vielem lebendiger war als die Ordnung zu Hause. Die Bundesrepublik war fern und doch so nah. Zwei Drittel der Autos auf den Straßen waren deutsch, meist noch mit Kennzeichen aus Itzehoe und Leverkusen, mit den Aufschriften der Wäschereien und Feinkostgeschäfte, für die sie einmal fuhren. Grundig, Nordmende und Siemens grüßten von allen Reklamewänden. »Beirut-Berlin« strahlte eine Leuchtreklame der ostdeutschen Linie Interflug.

Unsere Lastwagen, das elektrische Aggregat und die französischen Feuerwerker kamen mit dem Fährschiff aus Genua im Hafen an. Dort wurde ihnen vertraulich mitgeteilt, eine Gruppe neuer Scharfschützen sei gerade eingetroffen. Die Feuerwerker waren dann auch die ersten, die ihren Künsten ausgesetzt waren. Als sie nach Drehschluss des ersten Tages Gasflaschen und Schwarzpulver abtransportieren wollten, pfiffen ihnen Kugeln um die Ohren. Auf dem Bauch kriechend retteten sie sich und ließen ihr gefährliches Spielzeug zurück. Einem syrischen Soldaten, der ihnen Feuerschutz geben sollte, durchlöcherte es zweimal den Helm. Doch passiert war keinem was; auch der syrische Soldat hatte nur einen leichten Streifschuss. Sein Helm wurde uns anderntags gezeigt, als seien wir Abenteuertouristen. Das zurückgelassene Material wurde, sorgfältig in einem Hauseingang gestapelt, wiedergefunden. Achmed – der allein mit drei Hunden in der Altstadt übernachtete, um das verlassene Haus seiner Herrschaft zu bewachen – hatte die Kisten sichergestellt. Er zeigte uns, wie man sich zwischen den Linien bewegen muss. Wie aufrecht man gehen kann, ohne getroffen zu werden. Welche Querstraßen, in die die Scharfschützen aus Osten Einblick haben, man meiden muss. Bald teilte sich das ganze Team in die, die aufrecht über die Querstraßen gingen, und die, die gebückt hinter den aufgeschichteten Erdwällen liefen.

Auch Bruno Ganz musste beim Drehen darauf achten, den Kopf nicht zu hoch zu tragen und nie zu lange auf einem Fleck stehen zu bleiben.
– Die Scharfschützen suchen sich meist unbewegliche Ziele, erklärt Hanna im Film, weil sie so ungeschickt sind.
Kein Wunder, dass es für Bruno Ganz nicht leicht war, unter diesen Bedingungen zu arbeiten, zumal auch ich mich nicht genug auf ihn konzentrierte. Eines Tages warf er mir vor, gleichzeitig auf alles und nichts zu achten, auf den Schatten des Tonarmes, auf die Munition der Komparsen wie auf die Unebenheiten der Kameraschiene, auf Hannas Rocksaum, auf die Kamerablende – und schließlich, unter anderem, auf das Spiel des Hauptdarstellers. Er hatte Recht. Ich ähnelte dem pragmatischen Journalisten, seiner schnellen oberflächlichen Auffassungsgabe, während er, Bruno, ganz der auf innere Wahrnehmung konzentrierte Dichter war. Seine Kritik hat mich so getroffen, dass ich seitdem versuche, mit Scheuklappen zu inszenieren, alles um mich herum auszuschalten, nur auf die Darsteller zu achten. Meist gelingt es mir nicht, kümmere mich immer noch um jeden Dreck …