Brigitte Bardot

spielte in Louis Malles' PRIVATLEBEN und VIVA MARIA, bei denen Volker Schlöndorff Regieassistent war.

Altötting, man stelle sich vor, in den fünfziger Jahren, Brigitte Bardot nackt in cinemascope leinwandfüllend, in Altötting! So etwa war es, als ich den Film UND IMMER LOCKT DAS WEIB zum ersten Mal in dem bretonischen Wallfahrtsort Vannes gesehen habe. Über die Mauer des Jesuiteninternats hatten wir uns ins Kino „Moderne“ geschlichen, gingen erst als es dunkel wurde im Saal zu unseren Plätzen, denn auch unter unseren Patres gab es Film- und BB-Fans, die uns hätten sehen können oder, peinlicher, die wir hätten sehen können. Das Wagnis war groß für beide Seiten und sollte sich lohnen...

Wir hatten Brigitte Bardot schon in ein paar saublöden Klamotten als Blondine vom Dienst gesehen, etwa in EIN GÄNSEBLÜCHEN WIRD ENTBLÄTTERT mit Dany Cowl, aber hier hatte sie die absolute Hauptrolle in einem Film, der wie ein Manifest für die sexuelle Revolution einschlug. Schon in der dritten Einstellung lag sie nackt, wie Gott sie schuf – so der blasphemische Originaltitel – und, wie gesagt, cinemascope-füllend auf der Leinwand. Curd Jürgens, tadellos in Blazer und Krawatte, entdeckt sie in dieser Pose hinter der Wäscheleine, was sie überhaupt nicht zu stören scheint: keine spitzen Schreie, kein Griff zum Handtuch, um ihre Blößen zu verdecken, kein geschamiges Getue. Das war der eigentliche Skandal, nicht ihre Kurven, sondern ihr Verhalten. Sie bekannte sich zu dem, was sie war, eine noch nicht ganz erwachsene Frau, die Spaß hat am Leben und an ihrem Körper. „Schlecht erzogen, schamlos und faul“, wird sie geschimpft. „Seit wann ist Lieben eine Krankheit?“ fragt sie zurückt.

Zehn Jahre vor 68 sprengen Roger Vadim und BB die Konventionen des französischen Bürgertums, dem sie beide entsprangen. Sie ist eine begabte Ballettelevin aus gutem Hause, die es schon mit 16 auf das Conservatoire National de Danse geschafft hat, Vadim ist Diplomatensohn, neunzehn und Assi des Komödienregisseurs Allegret, als er sie zu Probeaufnahmen überredet. Die beiden verlieben sich und das nach dem Gesetz minderjährige Paar macht sogleich Schlagzeilen in der Pariser Chronique scandaleuse. Die Eltern verbieten Brigitte, der Presse ihren Namen zu nennen – so wird sie BB. Vadim denkt sich einen Film aus, um sie zu feiern. DIE BARFÜSSIGE GRÄFIN und BITTERER REIS dürften Vorbilder gewesen sein, jedenfalls ist BB meist barfuß wie Ava Gardner und ihre spärlichen Kleider nass wie die von Silvana Mangano. Den intelligenten Einsatz des cinemascope dürfte er Otto Preminger abgeschaut haben: Der hatte in FLUSS OHNE WIEDERKEHR bereits bewiesen, dass es kein edleres Format gibt, um eine liegende Diva – in seinem Fall Monroe – zu filmen, als das cinemascope. An diesen Vorbildern gemessen ist Vadims Story allerdings reinste Kolportage. Eine minderjährige Waise, BB, wird von Ordensschwestern bei armen Fischern in einem verschlafenen Nest an der Küste, St. Tropez (!), untergebracht. Drei Brüdern verdreht sie den Kopf ebenso wie dem reichen Immobilienspekulanten Curd Jürgens, der den Fischern ihren Grund und Boden am Strand abkaufen möchte. Lore-Roman pur, aber Vadim bekennt sich so schamlos zu diesem Trash, wie BB sich zu ihrem Körper. Dies überhöht den Kitsch ins Ironische. Ernst ist es ihnen mit der Aussage, die Simone de Beauvoir als eine der ersten gefeiert hat, als einen Aufruf zur Selbstbestimmung und Befreiung der Lust. Die unbekümmerte BB selbst sah sich nicht als Feministin, sie war auch nie eine Persönlichkeit wie Gardner oder Monroe, eher einfach als eine, die dem bigotten Bürgertum sozusagen mit dem nackten Hintern ins Gesicht springen wollte. Denselben feierte die Kamera mal am Strand, mal im Bett, mal auf der Wäschewiese, mal auf der Hafenmole, immer sonnenanbetend und im Trivialen schwelgend, aber nie vulgär und vielleicht stimmiger als Godard in MEPRIS, der die Aktaufnahmen nur auf Drängen des Produzenten noch nachträglich drehte. Vadim ging es von Anfang an um nichts anderes, als seine BB zu feiern, ihren Körper, ihre Spontaneität, ihre görenhafte Stimme und auch ihre Marotten, ihre Tierliebe, ihre Lust am Chachacha, an Käse und Rotwein, an jungen Männern und an Chansons von Gilbert Bécaud. Nie wieder war sie so sie selbst wie in diesem Film, so habe ich sie als Assistent von Louis Malle bei PRIVATLEBEN und VIVA MARIA erlebt, mehr interessiert an den streunenden Hunden in Mexico als an der Wirkung ihres „Popos“ und ihrer BB-Brüste.

PRIVATLEBEN war ein Starvehikel für Brigitte Bardot, Marcello Mastroianni und eben Louis Malle. Geld schien unbegrenzt zur Verfügung zu stehen. Die Drehzeit war ein Spaß, das Ergebnis eher sinnlos, obwohl auch das Privatleben eines Stars wie Brigitte Bardot Stoff für ein Melodram à la Douglas Sirk geboten hätte.

Die Bardot polarisierte nicht nur Frankreich, sondern die Welt. Simone de Beauvoir sah in ihr eine Vorreiterin des Feminismus, für viele, vor allem religiöse Menschen und eine Unzahl Bigotter, war sie der Leibhaftige, die Sünde, die Verderberin der Jugend und der Sitten. Als wir in der Altstadt von Genf eine ganz unschuldige Nachtszene drehten, wurden wir von den guten Bürgern beschimpft, mit Unrat und Nachttöpfen überschüttet, bis wir die Flucht antraten.

Wo immer BB auftauchte, gab es Volksaufläufe, die den Verkehr lahmlegten. Dabei war sie nichts weiter als ein entzückendes Geschöpf, von großer Natürlichkeit, unbekümmert von dem ganzen Trubel, den sie auslöste, nur weil sie Miniröcke trug, knappe Leibchen über einem nicht mal übergroßen Busen, die Haarmasse wie Sauerkraut auf den Kopf getürmt und die Lippen zu einem übergroßen Schmollmund geschminkt. Diese ziemlich geschmacklose Aufmachung war ihr Warenzeichen, und sie ließ sie sich nicht einmal von Louis Malle und seinem Kostümbildner Pierre Cardin ausreden.

Sie provozierte nicht durch ihr Aussehen, sondern durch ihre Haltung. Zehn Jahre vor der Kommune 1 praktizierte sie die freie Liebe mit häufig wechselnden Partnern, die mal Schauspieler oder Sänger, mal Chauffeure oder Bodyguards waren. So hautnah wollte sich Louis Malle nicht auf sie einlassen und begnügte sich mit einem unverbindlichen Hochglanzporträt. Er fürchtete, wie immer, didaktisch zu werden, einen Film mit eindeutiger Aussage zu drehen. Bestenfalls wollte er sie mit einer Hommage feiern, noch dazu einer sehr keuschen, gerade weil man vom Regisseur der LIEBENDEN etwas Gewagtes erwartete.

Louis Malle war umgeben von Freunden und Mitarbeitern, die allmählich eine wirkliche Gemeinschaft bildeten. Wir alle stellten hohe Ansprüche an uns wie an unseren Meister, immer mit Blick auf die Filmgeschichte, unausgesprochen uns messend an den anderen Konkurrenten Truffaut, Godard und Chabrol. Der offensichtlich mangelnde Ehrgeiz des neuen Projekts provozierte Unmut im Gefolge der Getreuen, die bei abendlichen Gelagen ihr künstlerisches Gewissen mit viel Chianti und lautem Singen der trivialsten Chansons beruhigten. Wir lebten im Haus von Gian-Carlo Menotti an der Piazza del Duomo in Spoleto – keine schlechte Adresse. In ebendiesem Haus hatten sich Brigitte Bardot und Mastroianni zunächst verschanzen müssen. So groß war der Ansturm der Paparazzi, dass wir vier Tage lang nicht drehen konnten, bis jeder Einzelne sein Foto des vermeintlichen Traumpaares geschossen hatte.

Take your money and run, sagen die Amerikaner, wenn man einen Job nur wegen des Geldes macht. Und genau so verfuhr auch Louis Malle. Nach Ende der Drehzeit in Italien war er auf einmal verschwunden, und so kam es, dass ich ganz allein mit BB Regisseur spielen und im Studio in Paris die Schlusseinstellung des Filmes drehen durfte: ein irreales Bild, Brigitte Bardot mit wehender Mähne beim Sturz von einem Dach, ein endloser Fall ins Leere, gedreht wie in einem alten Méliès-Film vor einem riesigen bemalten Rouleau.

Vier Jahre später arbeitete Louis Malle für VIVA MARIA erneut mit Brigitte Bardot zusammen. In der zweiten Hauptrolle: Jeanne Moreau. Schon vor der Abreise aus Paris bahnten sich Spannungen zwischen den beiden Diven, ihren Agenten und Louis Malle an. Der übliche Kampf der Egos wurde zunächst über Gage, Nennung im Vorspann und der Werbung, Anzahl der Entourage, Maskenbildner, Friseusen, Garderobieren, Chauffeure und ähnliche äußere Anzeichen ausgetragen. Favorite Nations war ein Begriff, den ich aus dem Staatsexamen in Internationalem Recht kannte. Hier wurde er zur Gleichbehandlung der Stars, jede eine Nation für sich, angewandt. Irgendwann wurde es Louis Malle zu dumm, und er rief Julie Christie und Sarah Miles an, um die französischen Stars zu ersetzen. Das meiste Geld kam ohnehin von United Artists, und David Picker, der junge Chef von UA, war begeistert von dem möglichen Wechsel. Dann könnte nämlich auf Englisch gedreht werden. Gerade das aber weckte Louis’ Widerspruchsgeist, und so blieb es bei Jeanne Moreau und Brigitte Bardot.

Zu Anfang seiner Karriere hatte Louis Malle mit Jeanne Moreau gelebt. Er wollte sie heiraten, aber seine älteren Brüder hielten die Liaison mit einer Schauspielerin nicht für standesgemäß. Jeanne lebte jetzt mit Pierre Cardin, der aber nur auf ein Wochenende nach Mexiko kam. Brigitte Bardot ihrerseits wurde begleitet von Bob Zaguri, einem harmlosen, netten Marokkaner. Sie nahm sich die Freiheit, ihre Liebhaber selber auszusuchen. Ob Louis auch darunter war, wissen nur die beiden. Diese vielfältigen Liaisons hätten für den Regisseur zu großen Belastungen führen können, weshalb er bei Drehbeginn eine alte Freundin aus bürgerlichen Kreisen heiratete.

Les demoiselles de Paris heißen also fortan beide Maries – auf Spanisch Maria y Maria. Beim ersten Auftritt widerfährt Maria II, Brigitte Bardot, ein Missgeschick: Ihr Rock gerät ins Rutschen. Weil sie das Unheil nicht mehr abwenden kann, zieht sie, ein Trotzkopf schon von Vaters Seite her, auch noch das Mieder und alle Unterröcke aus. Maria I, Jeanne Moreau, die mit geschultem Blick fürs Bühnenwirksame erkennt, dass soeben eine neue Form der Publikumsunterhaltung entsteht, folgt ihrem Beispiel. Die beiden Marien erfinden so um das Jahr des Herrn 1907 den Striptease. Während der Zirkus über Land zieht, werden die Zirkusleute Augenzeugen, wie ein kleiner Trupp von Soldaten unschuldige Bauern massakriert. Die hitzköpfige Maria II – freiheitlich gesinnt vom Vater her – reißt dem Zirkusdirektor und Kunstschützen Rodolfo, Claudio Brook, das Gewehr aus der Hand, und bald schließt sich die ganze Truppe den Revolutionären an.“

Soweit die Inhaltsangabe aus Gregor von Rezzoris Buch DIE TOTEN AUF IHRE PLÄTZE, das ziemlich indiskret das Drumherum dieses Abenteuers beschreibt. Seine Berichte erschienen wöchentlich im Stern und in Pariser Zeitungen und heizten das Gerede um den angeblichen Zweikampf der Diven verhängnisvoll an.

VIVA MARIA wurde ein paar Jahre später zum Kultfilm vieler 68er. Schön, dass Jean-Claude Carrières surrealistische Einfälle, die Frechheit des ungezogenen Louis Malle, der Charme Jeanne Moreaus und die animalische Lebenslust Brigitte Bardots sowie das wunderbare Mexiko die graue deutsche Szene so aufgehellt haben. Irgendetwas von Land und Leuten musste dieser Pariser Kopfgeburt Seele eingehaucht haben.