Angela Winkler

Die 1944 geborene Angela Winkler stand erstmals für Peter Fleischmanns JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN vor der Kamera. Auf Vorschlag Heinrich Bölls hin übernahm sie Mitte der 1970er Jahre in dem Schlöndorff-Film DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM die gleichnamige Hauptrolle. Später spielte sie in dem Kollektivfilm DEUTSCHLAND IM HERBST und wurde durch ihre Rolle in DIE BLECHTROMMEL auch international bekannt. 

Ich fragte Böll, wie er sich die Katharina Blum eigentlich vorstelle, blond oder dunkelhaarig, groß oder klein, zierlich oder kräftig?
– Das weiß ich nicht.
– Machen Sie sich beim Schreiben nicht ein Bild? Für den Anwalt, den Herrenbesuch und die anderen haben Sie mir sogar Vorbilder genannt, Fotos gezeigt. Und ausgerechnet für die Hauptperson gibt es niemand?
– Nein, von der Heldin habe ich kein Bild. Ich kann Ihnen auch nicht sagen, wie sie aussieht. Jedenfalls ist sie keine Heilige, eher ein proletarisches Mädchen, etwas vulgär sogar, mit einer speziell kleinbürgerlichen Sensibilität, deutlich eine Lohnempfängerin, sie ist ein Dienstmädchen. Eine, die wirklich aus der Küche kommt und zur Pistole greift, wie in einem Küchenlied, um mit einer archaischen Geste ihre Ehre wieder herzustellen.
– So eine wie die Angela Winkler, sagte er plötzlich. Kennen Sie die?
Böll hatte sie bei der Verfilmung seines ENDE EINER DIENSTFAHRT kennen gelernt. Sie sei, glaube er, am Theater in Bochum. Ich hatte Angela Winkler seit der Premiere von JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN nicht mehr gesehen. Sie kam zu einer Probeaufnahme in unser Büro nach München. Sie las ein paar Sätze aus dem Verhör. Gerade ihre eigenartige Passivität, ihr leiser Tonfall, ihr kindlicher Ernst wirkten überzeugend. Kein Satz würde bei ihr ideologisch klingen, die Tat selbst würde nicht vorsätzlich wirken. Ich machte ein paar Fotos mit meiner alten Leica und konnte Böll nur zustimmen.

Ich wusste, dass diese Entscheidung Margarethe treffen würde wie ein Schlag und wagte es ihr zunächst nur schriftlich mitzuteilen. Tatsächlich war es so, dass Margarethe, seit wir ein Paar waren, von anderen Regisseuren keine Angebote mehr bekam. Eine Abhängigkeit, unter der viele Schauspielerinnen in ihrer Lage leiden. Wenn dann aber der eigene Mann auch nicht mehr mit ihnen arbeitet, ist es praktisch das Ende der Karriere. Margarethe reagierte wie erwartet, sie lief ohnmächtig Sturm; Drohungen, Racheschwüre, Handgreifliches gegen mich und gegen Möbel… Sie war tief verletzt, sah überall nur Lüge und Vertrauensbruch. Sogar der arme Böll war mitschuldig, dass ich mein Versprechen gebrochen hatte. Sie unterstellte uns Männerkungelei:
– Aus Katharina wollt ihr ein Dienstmädchen machen, eine proletarische Heldin, sinnlich und dumm, Wunschbild bürgerlicher Intellektueller!
So polterte die Feministin los, aber bald war sie meine Co-Regisseurin – ein logischer Schritt bei unserer ohnehin engen Zusammenarbeit – und hatte an dieser Arbeit mehr Spaß als am Spielen. Nun war gerade sie es, die besonders kompetent mit Angela und Mario Adorf an ihren Rollen arbeitete. Letzteren hatten wir bei einem Abendessen im Hause von Senta Berger und Michael Verhoeven kennen gelernt. Der Kölner Kommissar Beizmenne war Mario von der Erscheinung wie von der Sprache her auf den Leib geschrieben.

Das Verhör, in dem Kommissar Beizmenne wissen will, was Katharina nachts umtreibt und woher die vielen Kilometer auf dem Tacho ihres Volkswagens kommen, ist keine banale Tatortszene. Böll ist da etwas Wunderbares und Zeitloses gelungen, die Einsamkeit einer selbständigen Frau banal und doch groß zu zeigen. Es sollte bewusst wie ein Monolog wirken, wie eine Arie, wenn sie erzählt, wie sie nachts in ihrem Volkswagen über Land fährt, stundenlang durch die Nacht, „um sich nicht allein vor dem Fernseher zu betrinken…“, und nur der Kilometerzähler misst ihre Sehnsucht. Ein Gottgesandter, Götten, der Deserteur auf der Flucht, trifft nun ausgerechnet auf diese merkwürdige Heilige.

Angela Winkler ist auch ein Medium, das oft von ihren eigenen Gefühlen überwältigt wird. Bei den Proben darf man nur bis zu einem gewissen Punkt gehen, beim Drehen muss man möglichst mit ihr anfangen, um den Augenblick nicht zu verpassen, wo die Emotion sie zum ersten Mal ergreift und sie ganz wunderbare, unvorhersehbare Gesten, Tonlagen, Blicke findet. Natürlich kann Angela als versierte Schauspielerin diesen Ausdruck wiederholen – auf der Bühne muss sie es allabendlich –, aber für die Kamera ist die Kopie nicht gut genug. Sie will das Original. Man muss seine Darsteller und sein Team gut kennen, um dieses kleine Wunder, den Moment der Wahrheit, einzufangen.

Aus meinem Tagebuch zur Entstehung von DIE BLECHTROMMEL:

7. Januar 1978
Angela Winkler hat für DEUTSCHLAND IM HERBST die Antigone gespielt, hochschwanger: Ihr zweites Kind kommt im Februar. Sie wirkt wie eine junge Magnani, sie wird wunderbar sein als Oskars Mutter. Seine mutmaßlichen Väter: Mario Adorf und am liebsten Daniel Olbrychski.

20. September 1978
Um neun Uhr früh ruft Gabriele Seitz an, Günter Grass wolle mich sprechen. Ich sage, gut, um zehn Uhr, damit ich Zeit habe, wach zu werden. Um halb zehn bin ich dann doch schon im Speisesaal. Grass zieht mich in eine Ecke. Er hat gestern Abend eine Stunde Muster gesehen. Er ist sehr zurückhaltend mit Wertungen, will sich nicht einmischen. David als Oskar gefällt ihm sehr. Auch Angela. Bronski weniger, zu oberflächlich. Er sei ja mit seiner Angst der einzige Normale unter all den Kleinbürgern, die der Heldenwahn ergriffen hat. Matzerath erobert Frankreich, dringt bis tief nach Russland ein, nur Jan Bronski bleibt da und fürchtet sich.

Gut gefällt ihm, wie der Ehemann seine Frau und den Liebhaber am Strand fotografiert. Wie Matzerath noch mal hinschaut und die Brauen hebt. Gut auch Angelas Lächeln, das gleich wieder stumpfer Geilheit weicht.

Es fehle bei den Aalen eine Großaufnahme von Angela beim Kotzen – „fädenziehendes Geschleim“, die gesunde Reaktion des Körpers, der sich umstülpt. Und damit auch die Einleitung des Todes.

Bei Kathie stört ihn die Verkrampfung in der Badekabine, dadurch fehlt der Szene die Unschuld. Ich glaube nicht, dass Kathie in der geschnittenen Fassung verkrampft wirken wird. Sie hat es geschafft, mit David eine sinnliche Spannung herzustellen, die aufregender ist als Nacktheit.

Grass hat jedenfalls sehr genau hingeschaut. Wie beim Schreiben geht er auch beim Betrachten der Bilder immer von Details aus, ehe er aufs Ganze kommt. Nur zu Recht hat er mit der Kritik an der Darstellung des Jan Bronski. Hier in Polen ist mir Daniels Schwierigkeit, seine Rolle dem Buch entsprechend darzustellen, ganz klar geworden. Er ist Pole, stolz, eine Art Nationalschauspieler, der immer aktive, positive Rollen spielt. Jetzt soll er den ewig passiven, oft weinerlichen, im Krieg feigen, im Leben eitlen polnischen Postsekretär spielen – und das in einem deutschen, in einem westdeutschen Film! Wir haben natürlich vorher darüber gesprochen. Er verstand, dass die Besetzung bewusst gegen den Typ war, eben damit er nie lächerlich wirke. Er ist passiv und feige, weil er sich an dem Größenwahn nicht beteiligen will – nicht weil er es nicht könnte. Seine Feigheit ist das einzig Vernünftige.

Nach Drehschluss treffen Angela, Mario, David, Fritz Hakl und Heinz Bennent sich mit Günter Grass. Er möchte mit ihnen über die Rollen sprechen.

Grass spricht weiter mit Angela und Mario, leider ist Daniel Olbrychski nicht da. Er hat Theatervorstellung in Warschau. Es geht Grass besonders um dieses Trio: Agnes, Jan und Matzerath. Agnes’ Neigung zu Jan Bronski bleibt erotisch, ist aber auch brüderlich-schwesterlich. Manchmal verachtet sie ihn, weil er sie nicht ganz für sich verlangt. Auch Matzerath gegenüber äußert sich ihr schlechtes Gewissen in Verachtung, weil er ihr Verhältnis zu Bronski duldet, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil er ein so steiles romantisches Gefühl wie das Jan Bronskis einfach nicht aufbringen kann. Er weiß, dass Agnes es braucht. Es erleichtert ihn, dass es ein anderer für ihn macht. Er weiß auch, dass die beiden ihn brauchen – wie einen Vater und außerdem als Dritten zum Skat. Ein kleinbürgerliches Jules-und-Jim-Trio.

Außer gelegentlichen Vorwürfen Agnes’ wegen Oskars Kellersturz gibt es keine Auseinandersetzungen. Wenn sie Matzerath diese Vorwürfe macht, weint er manchmal, weil sein Gemüt weich sein kann. Die Freundschaft zwischen Matzerath und Bronski dauert auch nach Agnes’ Tod an. Erst der Krieg trennt sie: Mit einem Polen darf man nicht mehr umgehen. Bronski selbst akzeptiert diese Haltung Matzeraths. Wäre die historische Situation umgekehrt, würde er sich ebenso verhalten. (Das glaube ich nicht: Kleinbürger sind zwar eine internationale Erscheinung, aber ein Pole verhält sich doch anders als ein Deutscher.) Grass sagt: Wegkommen von den Begriffen sympathisch-unsympathisch. Agnes kann ruhig ziemlich ordinär sein. Wichtig ist, dass jede Person eine Grenze hat, wo ihre Würde beschmutzt wird, hört der Spaß auf. Jan Bronski zum Beispiel nimmt alles hin, nur als Pole lässt er sich nichts abhandeln.
– Alfred, ich bin Pole!, protestiert er einmal.

Alfred Matzerath dagegen macht alles mit, ein braver NSDAP-Zellenleiter. Nur als Oskar abgeholt werden soll zur Euthanasie, protestiert er: Alles habe er mitgemacht, aber das nicht! Plötzlich ist ihm sein Kind wichtiger als alle Ideologie.

23. September 1978
Heute sollte unser letzter Drehtag in Polen sein; wegen des Schadens bleiben wir eine Woche länger. Wir haben uns das gesamte Material noch mal angesehen und eine Menge möglicher Verbesserungen gefunden, so dass die Wiederholung nicht nur Wiederholung sein wird.

Bei der Szene in der Pension Flora, wo Agnes schnell zwischen fünf und sieben mit Bronski schläft, können wir noch weiter gehen. Angela ist einverstanden, drängt regelrecht darauf, jetzt wo die Scheu vor der Nacktheit einmal überwunden ist.

Um die Eile und den Druck, unter dem sie steht, darzustellen, wird sie gleich beim Reinkommen in das Zimmer den Schlüpfer ausziehen, noch vor Hut, Rock und Mantel. Sie: nehmend, wollend, gierig, schwitzend, schreiend auf ihm. Er: ängstlich, blass, erschöpft.

Es war ein Spiel mit dem Feuer der Leidenschaft. Die beiden erhitzten sich so, dass wir ihnen nach jedem Take ein paar Minuten Zeit geben mussten, „um abzukühlen“ – rein körperlich, versteht sich… (Als Louis Malle mich später mit Susan Sarandon, seiner damaligen Flamme, im Schneideraum besuchte, sah er diese Sequenz und sagte, es sei so ziemlich die sinnlichste Bettszene, die er je gesehen habe, dabei seien die Bilder ja gar nicht erotisch, aber irgendein starker Trieb sei da zu spüren.)

Angela sagte mir nach der Szene, ein Glück, dass Daniel am gleichen Nachmittag noch zurück nach Warschau musste…