Angela Merkel

Beständig in der Freundschaft, das ist der erste und wichtigste Satz, der Volker Schlöndorff zu Angela Merkel einfällt. Seit Anfang der 1990er Jahre kennen sich die beiden schon. Gedanken zu einer Frau, die seit 2005 Bundeskanzlerin ist.

Kein Zweifel: Sie hält gerne Hof. Es macht ihr Spaß, jeden Morgen die frischen Blumengestecke zu sehen, die Noldes in ihrem Arbeitszimmer im Kanzleramt – auch hier ein Garten voller Blumen. Im Speisezimmer den Picasso. „Ein Echter?“, fragt Charlotte Roche und schaut sich das Bild noch mal genauer an. Man spürt ihr die Freude an, Gäste zu empfangen, ihnen die Aussicht von der Terrasse zu zeigen, wozu sie die schwere Tür eigenhändig öffnet. Der Ausblick auf das abendliche Berlin ist in der Tat das Beste, was das Gebäude zu bieten hat. 

Es gelingt ihr, etwas Wärme und Gastlichkeit in ein Haus zu bringen, das nicht gerade zum Verweilen einlädt. Als wir es um Mitternacht verlassen werden, klingen unsere Stimmen in der Rotunde gespenstisch, denn von einem Amphitheater hat der Architekt zwar den Halbkreis übernommen, durch die Verdoppelung zum Kreis allerdings die Akustik zerstört: das vielfach zurückgeworfene Echo gemahnt an ein Mausoleum. Etagen tiefer dämpfen Spannteppichböden den Ton, mindern aber nicht den Eindruck, durch ein Parkhaus zu wandern – was der Blick zurück auf die Außenfassade bestätigt. Kein Wunder, dass die Gastgeberin selbst das Gehäuse flieht und fröhlich Abschied winkend in einer schwarzen Limousine verschwindet. Am nächsten Morgen wird sie gegen sieben wieder hier abgesetzt werden, ein Frühstück und die Friseuse warten dann schon. Fünf, maximal sechs Stunden Schlaf dazwischen. Manche, die sie auf Staatsbesuchen begleiten, sagen, sie brauche wohl gar keinen. Darauf angesprochen lacht sie ihr Geht-niemanden-was-an-Lachen, fügt aber hinzu, sie hätte schon gern mal ein völlig freies Wochenende, wo sie ausschlafen und lesen könnte, tagelang in einen dicken Wälzer eintauchen , KRIEG UND FRIEDEN etwa, und mit seinen Helden ein völlig andres Leben teilen. Aber das Kanzleramt erlaube höchstens mal WER BIN ICH UND WENN JA WIE VIELE? zu lesen.

War es der Titel, der sie gereizt hat? Stellt sie sich diese Frage, die anscheinend die ganze Republik bewegt? Wofür sie stehe, wer sie denn eigentlich sei, verlangen die Medien lautstark zu erklären! Ihre sarkastische, unausgesprochene, aber unüberhörbare Antwort: Die Menschen wollen klaren Gestus, ich weiß, sie wollen Eindeutigkeit. Aber das Leben ist hart, sie bekommen sie nicht.

Sie sagt, sie sei keine Präsidentin im Sinne der amerikanischen und französischen Verfassung. Kanzler sein heiße der sein, den die jeweilige Mehrheit im Parlament mit der Führung der Geschäfte beauftrage. Sie scheint das ernst zu meinen und wirkt tatsächlich nicht präsidial, sondern eher wie eine gute Moderatorin, beim Tischgespräch abends, wie in der Kabinettssitzung am nächsten Morgen. Moderieren, abwägen, einschätzen, damit fängt ihr Selbstverständnis an, und ich denke, ist es nicht wunderbar in einem Land zu leben, das so regiert wird – und dazu von einer Frau! Und das denke ich, der ich als Jugendlicher geflohen bin aus einer Bundesrepublik, mit der ich mich nicht identifizieren konnte, weil sie von selbstherrlichen Rechthabern regiert wurde, die dem Wählervolk allerdings jede Menge starken Gestus, klare Worte und Führung boten… 

Gerade das, was ihr als Mangel vorgeworfen wird, gefällt mir an ihr, aber wie wird sie mit solchen Anfeindungen fertig? Sie müsse ja viel einstecken. Die Ritterlichkeit, die man einer Frau gegenüber erwarten könne, sei nirgends auszumachen… Wieder lacht sie kurz auf. Ritterliches ihr Beispringen hat sie sich schon in der berühmten Elefantenrunde, als Schröder seine Niederlage nicht eingestehen wollte, verbeten. Noch eine Frage: Wie sie dabei so fröhlich bleiben könne? Das wisse sie auch nicht, ihr Frohsinn sei wohl angeboren, er wurde ihr nicht einmal in ihrer Kindheit ausgetrieben. So schlimm könne es also in der DDR nicht gewesen sei, schließt sie verschmitzt, fügt dann nachdenklicher hinzu: vielleicht weil ihre Eltern sie nicht in eine Krippe geschickt haben... Das hat der Pastor nicht geduldet.

Der Vorteil christlich zu sein, sich protestantisch zu verweigern, Einflüsse von außen nicht zuzulassen. Nur vor seinem Gewissen verantwortlich zu sein. Um Buße zu tun, um die deutsche Kollektivschuld zu sühnen, ist der Vater in die DDR gegangen. Die Familie musste mit; eine Fron, die ihr Geschichtsbild geprägt hat. „34 Jahre lang –das hat dann aber auch gereicht“, schließt sie mit einem Lächeln. „Buße tun“ - das kommt ihr geläufig über die Lippen - ein fester Begriff, der mir gar nichts sagt - für sie kein leeres Wort. Auch Joschka Fischer müsse erst mal Buße tun, für Steine, die er geschmissen, für Fußtritte, die er verteilt habe. Biblische Redewendungen unterlaufen ihr wie selbstverständlich: „Die Krise ist über die Welt gekommen“, sagt sie zu Anne Will, so wie in der Bibel „das Böse über die Welt kommt“.

Ist sie eine Missionarin? Sicher keine messianische, keine Rosa Luxemburg der sozialen Marktwirtschaft, auch keine Schiller'sche Johanna, denn das Heilige geht ihr ab, doch sie bekennt sich. Ihre Mission ist kein Programm, keine Ideologie, es ist eine Haltung: Anstand könnte man sie nennen. Anständig handeln heißt das jeweils Richtige tun. Basta.

Aufgepasst! Verletze ich hier die Diskretion? Missbrauche ich Vertrauen? Plaudere ich eine fünfzehnjährige Freundschaft aus? Was wäre wohl das Schlimmste, was ihr passieren könnte? Invasion of privacy, die englische Sprache drückt es so aggressiv aus, wie sie es wohl empfinden würde. Deshalb werde ich mich als Freund erst recht hüten eine solche Invasion zu verüben. Umarmung ja, Vereinnahmung nein, auch bei der Tischordnung die Freunde lieber ein paar Stühle weiter platzieren. Abstand halten. Kritisch gegen sich selbst und auch dem Freund gegenüber, dessen Ideen sie nicht immer teilt, aber auch dann abwägend anhört, wenn sie ihr geradezu abwegig scheinen. Die Spitzen der Pfeile ihrer Widersacher und Herausforderer bricht sie mit einem kurzen Lachen.

Also ich berichte hier nur von einem Tag und einem Abend im Kanzleramt. Kein Fotograf war zugegen, kein Erinnerungsbild mit der Kanzlerin, keine Pressemitteilung erschien, als sie zu einem Abendessen ein Dutzend Filmleute eingeladen hatte. Ihr gegenüber saßen Heiner Lauterbach mit Veronika Ferres, Uschi Glas neben ihr, Bully Herbig mit den erfolgreichsten Produzenten, Jette Joop vertrat das deutsche Design, aber auch ein paar Schriftsteller waren dabei, Tallheim, Thomas Brussig und Charlotte Roche, die über ihre freie deutsche Jugend geschrieben hat.

Sie hat also WER BIN ICH UND WENN JA WIE VIELE? gelesen. Geht es ihr um Identität? Nein, sie war mehr beeindruckt von den wissenschaftlichen Teilen, Weltall und Hirnforschung. Sie selbst akzeptiert Ambivalenz, ist genauer gesagt polyvalent; das gehört zu ihrer Natur. Sie ist Ost und West, nicht teilweise, sondern jeweils ganz, sie ist Politikerin und doch nicht, sie ist Frau, lässt sich aber nicht auf die Frauenrolle ein, sie ist Wissenschaftler, sie ist keine Ideologin, keine Protestantin, keine Konservative - und doch auch das alles in höchstem Maße. Diese Doppelnatur, diese verschiedenen Möglichkeiten hält sie in perfekter Schwebe, so ausbalanciert als sei eine feste Substanz, was doch aus Teilen besteht. Polyvalent zu sein, das kann ein Vorteil, wenn alle anderen es nicht sind. Weil sie sich nicht festlegen lässt, erlaubt sie viele Projektionen; viel Fantasie kann sich so entzünden an einer Frau, die nur vernünftig zu sein scheint. Als Ostdeutsche ist sie ziemlich westlich, aber gefeit gegen Ideologien und Dogmen (sogar das der Unfehlbarkeit). Die alte Garde der CDU wirkt dagegen wie die letzte Bastion der Ideologien, von denen sich sogar die Linken verabschiedet haben.

Ihre Persönlichkeit ist selfmade. Wie ist sie zu dem geworden was sie ist? Sicher hat die, die da neben Kohl auf Fotos zu sehen ist, und die er zutreffend „Mädchen“ nannte, und die ich ein paar Jahre später, 1993, kennen lernte, weder Wille noch Plan gehabt, „an die Macht zu kommen“. Ein Jugendtraum konnte das ja nicht gewesen sein. „I want to be President“ – das stand schon früh auf Obamas Programm, ist mehr oder weniger die Devise aller, die sich der Politik früh verschreiben. Angela Merkel dagegen war in die Wissenschaft gegangen. Wieso eigentlich?

Ist sie Physikerin geworden, weil sie gut in Mathe war? Wollte sie keine Geisteswissenschaft studieren, um sich vom Vater abzusetzen? Beides vielleicht zutreffend, nahe liegender aber, dass in der DDR alle Geisteswissenschaften ideologisiert waren, Physik und Chemie dagegen nicht, hier gab es Freiräume, in der die aus einem Akademikerhaus Stammende Ehrgeiz zeigen konnte ohne vereinnahmt zu werden. Andererseits scheute sie ja gesellschaftliche Themen nicht, wollte sich geradezu einmischen, als junges Mädchen zuerst, dann wieder als die Wende sich abzeichnete.

Wollte die Klassensprecherin also doch schon in die Politik? Die bei ihrer FDJ-Gruppe für propagandistische Aufgaben Zuständige, hatte sie schon ein Bein in der Tür… Wollte sie gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, aber eben nicht in diesem Regime? Es muss wohl die Wende gewesen sein, dass sie, angesteckt von einer fast patriotischen Begeisterung, jedenfalls vom historischen Ereignis, sich zu dem bekannte, was der Weg des Vaters vorgezeichnet hatte. Chemie und Physik waren wohl doch eher ein Studium als eine Berufung.

Ich kann mir vorstellen, dass die Erkenntnis wie ein Schreck kam, Ende der Neunziger Jahre, dass da ja in dieser großen Partei fast niemand mehr war außer ihr. Bescheiden muss sie sich gefragt haben: ich oder ein anderer? Dann soll es eben sein. Mich hat es getroffen, also mache ich es. Unterschwellig signalisiert sie damit: jeder andere hätte es auch machen können – und im Umkehrschluss sagen die Leute: Sie ist eine von uns. Ihr Selbstvertrauen und ihr Auftrag beruht nur auf der Überzeugung, dass sie gebraucht wird. Das hat sie schon früh ausgestrahlt, mich hat es berührt bei einem Spaziergang in der Mark Anfang der Neunziger Jahre: der Ernst, dass in diesem historischen Augenblick Einzelne besondere Verantwortung übernehmen müssen – auch Detlef Rohwedder, Lothar Späth, Dürr und Birgid Breuel strahlten das aus.

Es bedurfte keiner großen Hellseherei, als ich sie im Sommer 1999, bei der Abiturfeier meiner Frau - Potsdamer Kolleg, zweiter Bildungsweg -, einem Freund als „die erste deutsche Bundeskanzlerin“ vorstellte. Die Art, wie sie das als ungehörigen Scherz abtat, bewies, wie bewusst und ernst es ihr war. Je näher sie der Macht dann kam, je mehr spürte sie, „die Luft wird dünner hier oben“. Als Quereinsteigerin war sie nicht belastet, aber auch nicht wirklich unterstützt von anderen. Mit 35 Jahren hatte sie ihr Ziel gefunden und war noch unverbraucht von Rückschlägen, Warteschlangen, Hürden aller Art, die politische Langstreckenläufer zu überwinden haben. Zuversichtlich und spontan ging sie es an. Als Naturwissenschaftlerin wird sie oft charakterisiert, was zutrifft, wenn das Wissen um die menschliche Natur damit gemeint ist, und die Fähigkeit, auch Details nicht zu übersehen und nicht zu vergessen. Dadurch zieht sie Rückschlüsse, die oft überraschen, weil sie weit Entferntes und lang Zurückliegendes mit dem Augenblick verbindet. Wunderbar wenn sie ihre Erkenntnisse dann lapidar ausdrückt, denn sie hat sich ihre eigene Sprache bewahrt.

Nun wird ihr unterstellt, es ginge nur um Machterhalt, dafür sei ihr jede Taktik und jede Konstellation recht. Das glaube ich nicht, das strahlt sie bei ihren Auftritten auch nicht aus. Sie „genießt die Macht“ nicht, es geht nicht um Selbstbefriedigung, Eitelkeit ist nicht im Spiel, sie will die Macht, um sie auszuüben, um das Richtige für Deutschland zu bewirken. Fast fassungslos reagiert sie da auf Vorwürfe. Ernst, fast verkrampft, als stünde sie mit dem Rücken zur Wand, wirkt sie in den ersten Augenblicken eines Auftrittes, in einer Talkshow, bei der Kabinettssitzung, der Mund dünn wie ein Strich, schräg nach unten die tiefen Falten vom Mundwinkel zum Kinn. Die Angst des Tormanns beim Elfmeter, die Angst vor der ersten Frage. Von Satz zu Satz wird sie lockerer, blüht auf. Es ist wie bei Stars, bei denen das Talent mit dem Erfolg kommt. Es ist die vom Erfolg beflügelte Selbstsicherheit, die Ausstrahlung verleiht. Sie weiß, dass sie einen Pakt, einen Freundschaftspakt mit uns, den Deutschen hat, die spüren, dass „sie eine von uns ist“, - polyvalent für die einen als Frau, die andern als Christin, als Konservative, als verkappte Sozialdemokratin usw, für mich mit einer Feder an der Mütze als ein kleiner Robin Hood, der eine Partei gekapert hat. Solange dieser Pakt hält, wird sie Kanzlerin bleiben - den Parteien zum Verdruss. Hielte der Pakt nicht mehr, spürte sie, dass sie das Vertrauen der Leute verloren hätte, ließe sie sofort von der Macht. Da sie diese Perspektive zur Zeit nicht beunruhigen muss, ruft sie den Gärtner unter der Kanzlerbrücke genannte Betonwölbung an, um wieder mal für die schönen Blumen zu danken und den Koch mit einem Kompliment für das Geschnetzelte. Die Atmosphäre im Haus habe sich schon sehr geändert seit dem Erstbewohner, bestätigt das Personal, man fühle sich unter Gleichen. Nennt man das Demokratie?