Kolumne

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Zur DEFA-Diskussion

15.12.2008 Von: Volker Schlöndorff

Nachdem meinen beilläufigen Bemerkungen über die Defa Filme so große Aufmerksamkeit geschenkt wird, möchte ich nicht etwa relativieren, mich entschuldigen oder sonstwie davon Abstand nehmen. Im Gegenteil möchte ich ein paar Fragen stellen: Ist dieser Protest nicht ein Sturm im Wasserglas? Wen interessiert das außer DDR Nostalgiker? Soll hier der Kalte Krieg an der Medienfront nachträglich und rückwirkend gewonnen werden? Wieso sind die prominentesten Unterzeichner frühzeitig in den Westen gegangen, wenn es bei der Defa nicht doch "furchtbar" war? Von angeblich 10.000 produzierten Filmen zählen 10 zu einer Bestenliste - wieviel Prozent sind das? Waren die Filme frei, inhaltlich und ästhetisch? Waren ihre Autoren frei? Von Millionen Zuschauern ist in dem Protest die Rede: War das Publikum frei, andere Filme zu sehen? Wieso gelte ich auf einmal als "Westler, der gekommen ist, um die Studios abzuwickeln"?

Diese Fragen sollen andere beantworten, denn zugegeben: ich bin befangen, nachdem ich aus mir heute unverständlichen Gründen sieben Jahre mit der Modernisierung der ehemaligen DEFA-Studios verbracht habe. Und die Unterzeichner des Protestes sind befangen, denn es hängt oft ein Großteil ihres Lebens an den DEFA-Filmen. Aber es waren nicht diese Filme, die meinen Einsatz motiviert haben. Mein Zwischenspiel als Manager war nicht geplant. Ich bin beim Fall der Mauer aus New York nach Berlin gekommen, um Filme zu machen.

Auf Einladung der Treuhand-Anstalt fuhr ich eines Tages nach Babelsberg. Timmie, ein Fahrer des Studios, holte mich im volkseigenen Wartburg ab. Vorbei am Denkmal mit dem russischen Panzer am Kontrollpunkt Dreilinden und nach einem Slalom um Schlaglöcher, in denen ein Trabbi spurlos hätte verschwinden können, erreichten wir eine Ansammlung von Bauten aus den zwanziger Jahren, von Baracken aus der Nazizeit und Beton-Hallen zur LPG-Tierhaltung, verstreut auf 47 Hektar überwuchertem Gelände liegend. Das war also die Wiege der Filmkunst.

- Kalifornien ist es nicht, konstatierte ein mitreisender Banker aus Kanada. 
Nichts erinnerte an die großartigen Filme, die hier einmal entstanden waren. DER MÜDE TODE, DER LETZTE MANN, METROPOLIS, DR MABUSE und DIE NIBELUNGEN, DIE FREUDLOSE GASSE und DER BLAUE ENGEL. Diesen Vorbildern nachzueifern war mein lebenslanger Ehrgeiz gewesen. Sollte sich an diesem Ort ein Kreis schließen?

Noch ahnte ich nicht, wie unerwünscht mein Einsatz war. 
- Bulldozer schicken, plattmachen! hatte Bobby Arnold in München gesagt und das war die Devise, auf die man sich in Spandau und Tempelhof, in Geiselgasteig und in Köln schnell geeinigt hatte. Und nun tauchten wir plötzlich mit französischen Investoren auf.

Unsere Rettungsaktion wurde als feindlicher Akt betrachtet. Dabei war ich, angesichts der desolaten Zustände vor Ort, geneigt, dem Rest der Branche zu zustimmen. Aber dann traf ich die Menschen auf dem Gelände, den Ausstatter Hirschmeier, den Kunstmaler Born, die Stuckateure, die Tonleute und die Putzmacherinnen, die Tischlermeister, Beleuchter, Bühnenarbeiter. Sie unterschieden sich in nichts von ihren Kollegen in Paris, London oder Hollywood. Durch einen Unfall der Geschichte wurde uns ein klassisches Filmstudio der Zwanziger Jahre auf dem Präsentier-Teller dargeboten, mit ungebrochenen handwerklichen Traditionen, die zurückreichten bis zu den Anfängen des Kinos. Darum sollte es sich lohnen, dem Betrieb eine Chance zu geben, fand ich.

In den nächsten Monaten bombardierte ich Frau Breuel, die Chefin der Treuhand, mit handschriftlichen Faxen - nicht ahnend daß mein Einsatz, wie alle Guten Taten, nicht ungestraft bleiben würde: Sechs Jahre mußte ich als Geschäftsführer dienen.

Im Augenblick der Wiedervereinigung glaubten wir an die Renaissance des deutschen Films. Inhaltlich, weil durch die Wiedervereinigung und das Aufeinanderprallen zweier gesellschaftlicher Systeme Stoffe auf uns zukommen mußten, die weit über Deutschland hinaus interessierten. Technisch, weil die schiere Dimension des Studios es ermöglichte, endlich große Filme zu machen, und um eine Filmindustrie aufzubauen, dachte ich damals wie heute, müssen wir europäische Filme von amerikanischem Format produzieren.

Bald mußte ich erkennen: was mich hierher gebracht hatte, die Tradition, das Erbe der 20ger und 30ger Jahre, das blieb Legende. Das gab's nur damals, das kam nicht wieder. Die Erfahrung der Mitarbeiter gehörte zu einem anderen System, war weitgehend wertlos nach der Wende. Was ihnen fehlte waren neben Weltläufigkeit und Sprachkenntnisse, die schnell zu erwerben wären, war Eigeninitiative und ein Gefühl der Verantwortung des Einzelnen dem Ganzen gegenüber. Das hatte der real existierende Sozialismus gründlich zerstört.

Immer wieder war es erschütternd zu erfahren, wie die schöne Utopie einer gerechten Welt nicht nur die Städte und die Natur, die Häuser und die Industrie zerstört hatte, sondern auch die Menschen.

Die Tatsache, daß unsere Investoren Franzosen waren, half immerhin, den innerdeutschen Konflikt zu entschärfen. Von Anfang an hatte ich darauf bestanden, einen professionellen Manager an meiner Seite zu haben. Pierre Couveinhes, der Mann, der uns geschickt wurde, war ein Glücksfall. Bei Rundgängen durch alle Abteilungen erklärte ich ihm Positiv- und Negativentwicklung, Tonmischung und Schneidetische. Er analysierte für mich Gewinn- und Verlustrechnungen, Bilanzen, Umsatz und Ergebnis, Lohnkosten und Abschreibungen. Gemeinsam renovierten wir zuerst die Kantine, denn das Essen war wirklich ungenießbar. Peter Fleischmann bestand sogar auf einem französischen Koch, um internationale Kunden anzuziehen. Wir legten die drei betriebseigenen Kindergärten zusammen, stellten die Fernheizung von Braunkohle auf Gas um, die Buchhaltung von Handschrift auf EDV und boten Umschulungen an für eine Hundertschaft ehemaliger Heizer, Kohlenschipper und mit Feder und Tinte arbeitender Buchhalter. Architektenwettbewerbe wurden ausgeschrieben, stadtplanerische Entwürfe begutachtet, Freundschaften und Feindschaften mit den Behörden gepflegt. 
 

Ein Wald mußte Baumaßnahmen weichen, ein Biotop wurde trockengelegt, viele Kilometer Straßen zur Erschließung wurden gebaut, darunter der Autobahnanschluß (Wetzlarerstraße). Vokabeln wie Geschossflächenzahl, kurz GFZ, Bruttogeschossfläche, BGF, Vorhaben- und Erschließungsplan, städtebauliche Ausgleichsmaßnahme und immer wieder businessplan wurden gelernt und angewandt. Es wurden Grundsteine gelegt, Richtfeste gefeiert, Einweihungen mit Politikern und Bankern begossen. Es wurde ein großes Rad gedreht - und ich war weit, weit weg von mir selbst und vom Film. 

Bedauere ich meine Einsatz? Nein. Immerhin ist das Studio Studio geblieben, nicht Immobilie geworden. Nichts wurde abgewickelt. Alle Arbeitsplätze sind gerettet, bei Übernahme waren es 710, heute gibt es 350 feste und 2000 freie Mitarbeiter auf dem Gelände. 

Aber der Weg war beschwerlich. Wir hatten den Filmmarkt und das Tempo der Entwicklung Berlins falsch eingeschätzt. Fast schien es als sei der genius loci vom Ungeist der UFA Goebbels' und der sozialistischen DEFA gründlich zerstört worden. Heute, achtzehn Jahre später, ist es ein modernes, schönes Studio in der Mitte Europas, wo Roman Polanski, Quentin Tarantino und Tom Tykwer gerne drehen.

Für die Autoren und Regisseure, die früher hier gearbeitet, d.h. gekämpft haben, um auch unter politisch schweren Umständen gute Filme zu machen, für die Schauspieler, die in diesen Filmen durchweg fabelhaft waren, ist die geschäftliche Auslastung der Studios ein schwacher Trost. Ihre Filme werden heute von der DEFA-Stiftung (die auch den Protest gegen mich lanciert hat) ausgewertet. Wieviel ihnen von dem Erlös zu Gute kommt, weiß ich nicht. Meine Einschätzung, Ignoranz und Wahrnehmung der DEFA-Filme, in den sechziger Jahren - aber eigentlich auch später noch -, war und ist so ungerecht wie der Lauf der Geschichte.