Kolumne

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Von der Freude am Sprechen

16.05.2008

"Sprache ist etwas Sinnliches" - daran mußte mich ausgerechnet ein Neuköllner Bürgermeister erinnern. Worte kann man kauen, sie auf der Zunge zergehen lassen, sie ausspucken, wenn sie nicht schmecken, ihnen Melodie verleihen; jede Sprache hat ihren Singsang, hat ihre Gerüche, ihre Zärtlichkeit, ihre Härten. Jenseits der vielen unübersetzbaren Worte, wie Wanderlust, Weltschmerz, Heimat, saudade, karma, cafard, sind es schon die Silben, die Obertöne, die Zischlaute, das Rollende und das Weiche am Gaumen, die jeder Sprache einen andern Genuß verleihen. Spreche ich die Eine, werde ich unmerklich beschwingter, die andere zieht mich in die Tiefen der Schwermut, die Dritte wirkt erotisierend. Schließlich sprechen wir mit unseren sinnlichsten Organen, der Zunge und den Lippen, deren Lautbildung von klein auf erotogene Zonen beleben. 
Wahrheiten, die ich in der einen Sprache mühelos äußere, kommen mir in einer anderen nicht über die Lippen. Das Eine kann ich französisch benennen, anderes besser englisch oder deutsch. Lügen können wie Wahres klingen, je nach Syntax und Vokabular, Pathos liegt der einen Sprache, Liebevolles der anderen, Sachlichkeit muß nicht angelsächsisch allein sein. Jedem ist die sprache seiner Kindheit am Nächsten, die große Schauspielerin Therese Giehse hat mir mal gesagt, daß sie sich einen Text, egal ob von Shakespeare, Schiller oder Molière, erst einmal auf Bayerisch laut vorsprechen muß, ehe sie seinem Sinn und seiner richtigen Betonung auf die Schliche kommt. 
Es soll Menschen geben, die zwölf Sprachen fließend sprechen, ich beneide sie um die vielfältigen Genüssen, die sich ihnen erschließen müssen. Ich verstehe aber auch den Schriftsteller, der nur eine einzige Sprache spricht, dem das Lernen eines anderen Idioms den lebenslänglichen Umgang mit dem einen vermiesen würde. Er ist sozusagen ein Eremit, der ein Zen Verhältnis zu seinen Worten und der Art, wie er sie aneinanderreihen und im Sandgarten seines Hirns verteilen kann.
Bei mir war es nicht eine besondere Sprache, sondern die Vielzahl, die mir die Welt erschlossen hat. Eine Art Don Juanismus: kennt man die Eine, will man auch wissen, wie die Andere ist, und die Nächste. Amerikanisch, das war gleich bei Kriegsende, in meiner hessischen Heimat fast noch vor dem Hochdeutsch, jedenfalls noch vor dem Lernen irgendeines Alphabetes, die Entdeckung einer anderen Art miteinander umzugehen, locker, lässig, cool, easy going, mit viel unaufdringlichem Anstand, decency, was nichts mit unserer vielbeschworenen Würde, ihrer Steifheit und ihrem Hochmut zu tun hatte. Der oft rurale Slang dieser Yankee Soldaten aus dem Midwesten führte uns bald zu Mark Twain und seinem Huckleberry Finn, der so unendlich viel sympathischer war, als unsere übriggebliebenen Hitler Jungens. Erwachsen werden konnte ich mit Hemingway leichter als mit Borchert oder gar Sartre, vorausgesetzt ich zog mir seine Sprache, im Original, wie eine Tarnkappe an, die aus mir tatsächlich einen anderen Menschen machte. Den wiederum tauschte ich im französischen Internat gegen Bonjour Tristesse ein, die zwar wehmütig war, aber nicht von der schweren deutschen Art, sondern angenehm sentimental, voller zärtlicher Streicheleinheiten für das an Liebe leidende Ich. Auch diese Wirkung stellte sich nur im Original her, unübersetzbar dieser Charme, wie auch der der 'jeunes filles en fleur. Allein der bindende S-Laut, der diese Mädchen an die Blumen band, und durch ein Streichen der Zungenspitze an der Oberkante der Schneidezähne hergestellt wird, öffnete den Tor zu einer (proustschen Welt), das allen Übersetzungen verschlossen bleibt. So ist meine éducation sentimentale unwiderbringlich an die französische Sprache gebunden. Das spanische und das Italienische folgten als reine Abenteuer, mit Bravour und Grandezza, am Polnischen dagegen scheiterte ich kläglich, die Zischlaute verweigertem sich dem Hessen aus sinnlichen Gründen, konnte er doch nicht einmal im Deutschen das ch und das sch richtig unterscheiden. Japanisch möchte man sprechen: Reißt es einen nicht beim Betreten des Sushi-Ladens, wenn energisch knappe Silben zur Begrüßung wie scharfe Messer in rohen Fisch schneiden. Für Tolstoi, das Russische und seine Lieder bleibt kein Platz mehr heute - keinen dieser Sprachgenüsse will ich aufgeben zugunsten einer noch so nützlichen lingua franca.