Kolumne

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Unfehlbar

05.03.2009 Von: Volker Schlöndorff

Die einen wollen sie dem Papst absprechen, die Unfehlbarkeit, während sie gleichzeitig einen Politiker heilig sprechen ("Obama dich unser!"). Der Streit, ob Menschen unfehlbar sein können, hat beim Schreiben des Drehbuches zu der Päpstin auch Michael Hirst, den Autor der TV-Tudors , und mich entzweit: für ihn, der sich als Anglikaner nicht von Rom bevormunden lassen wollte, war da klar, ich, der Jesuitenzögling und halbe Konvertit, argumentierte, der Papst sei ja nicht als Mensch unfehlbar, sondern nur als Stellvertreter Gottes. Wir einigten uns dann darauf, daß die Frage uns insofern nicht zu beschäftigen brauche, als es sich bei der Johanna von Ingelheim ja um eine Päpstin handele, um eine Frau also, die wie alle Frauen sozusagen schon von Geburt unfehlbar sei.
 

Wichtiger als die kanonischen Fragen waren mir die Rituale. Kein Schauspiel hat mich mehr bewegt in den letzten Jahren, als die Inszenierung der Trauerfeiern für Papst Johannes XXIII: wie der Wind die roten und violetten Gewänder blähte, wie die Choreographie sich um den vor dem Petersdom Aufgebahrten entwickelte, wie die Tiaren und Hauben sich auf den Stufen staffelten, das war nicht nur würdevoll und ästhetisch beeindruckend, es war bewegend, weil man spürte, daß der Tod hier nicht nur einen Großen ereilt hatte, sondern es erinnerte mich ganz einfach daran, daß ein Mensch gestorben war und daß das immer ein unfaßbares Ereignis ist. Jedem, der stirbt, gebührt eigentlich ein solches Ritual. Ohne Ritual ist der Tod, wie die Geburt, zu selbstverständlich, zu banal.          

Auch die Vereidigung eines Staatsmannes, in dem viele einen Erlöser sehen, verlangt nach einem Ritual, einem laizistischen. Kann es so etwas geben oder bleibt das den Staatsformen vorbehalten, die auf Ideologien wie auf Ersatzreligionen gründen? Öffnet man der Bigotterie und Heuchelei nicht die Tür, wenn Staat und Kirche nicht getrennt bleiben? Zu Recht haben die ersten Präsidenten der USA sich auf die Verfassung vereidigen lassen, ohne Gott zu bemühen. Was umso bemerkenswerter war, als die Gründungsväter ja oft vor religiöser Intoleranz aus Europa geflohen waren. Heuer aber war der Erlöser-Präsident umgeben von allen möglichen kirchlichen Gewändern. Es wurde zu Gott gebetet, und unter den Millionen, die auf dem Rasen vor der Tribüne die Worte mitmurmelten, waren auch ein paar Hunderttausend, die die Köpfe senkten, obwohl sie an diesen Gott nicht glaubten. So groß das Bedürfnis nach Ritualen oder so groß der Druck zu heuchlerischer Anpassung?

"Wir hören auf euch, ihr seid uns wichtig, wir sind weltoffen und wollen keine Alleingänge." Beschwörungen, eine diplomatische Nebelwand, doppeldeutige Sprachregelung oder Glaubensbekenntnis? Fatal ist wenn Formelhaftes, Rituelles aus der Sphäre der Kirche in die der Politik übertragen wird. Sogar Zeremonielles sollte vielleicht dem Staat fremd sein, sonst besteht die Gefahr, daß Ideologie - siehe oben - sich einschleicht. Politik aber sollte nur vernünftig sein, niemand erwartet, daß sie unfehlbar oder gar heilig sei. Auch Erlösertum ist im Gesellschaftlichen eher eine Gefahr als ein Heil.

Religiöse Rituale sind nur eine Gefahr, wenn sie wie bei der Inquisition und teilweise in der NS-Zeit mit der staatlichen Gewalt ein Bündnis eingehen. Deshalb sollen sie ja immer mal wieder abgeschafft werden. Was daran scheitert, daß auch das Leben von Atheisten und Agnostikern ohne sie soviel ärmer wäre. Kerzen, Weihrauch, Glocken, Gesänge, Kniefälle und sonstige Tänze sind sinnliche Erfahrungen, ohne die unser Leben etwas öder ist. Wer immer einer russischen Oper beiwohnt oder sie gar inszeniert, weiß wie wohltuend es im Augenblick des größten Dramas ist, wenn der Pope auftritt, mit dem ganzen Brimborium, Humbug und Zeremoniell, das dazu gehört, und das auch der große S.M. Eisenstein - so revolutionär seine "Russenfilme" sein sollten - zur Entfaltung gebracht hat. Nur Tolstoi hat es sich im Namen des Glaubens verboten, wofür er exkommuniziert wurde - und worauf die Tolstoianer ihre eigene Sekte gründeten. Kein orthodoxer Papst konnte ihn zurückholen. Seine Werke erhielten aber das imprimatur der Kirche, das man meinen Sophistereien besser verweigern sollte.

(erschienen im CICERO im März 2009)