Kolumne

< Horst Wendlandt

Toqueville land revisited

04.10.2008

Werte, Werte, Werte. Geldwerte, Glückswerte, Glaubenswerte. Was allen fehlt, darüber wird am meisten gesprochen. "Wir sind alle eingeschrieben für die Wahl." - "Wißt ihr auch für wen?" - "Nicht wirklich". Das sagten mir meine Louisiana kids 30 Tage vor der Wahl. Nach den Dreharbeiten von AUFSTAND ALTER MÄNNER hatte ich sie mehr oder weniger adoptiert, das heißt die 'vaterlosen' Zehnjährigen blieben bei ihren Müttern, ich schickte sie auf eine Privatschule, besuchte sie zwei, drei Mal im Jahr, später alle zwei, drei Jahre, seit 21 Jahren. Ihren Mikrokosmos, Trailer Mobile Homes am Rande des Städtchens Napoleonville im Mississippi Delta, kenne ich in- und auswendig. Am letzten Wochenende habe ich Mark dort verheiratet. Er bringt sich mit Jobs am Bau durch, gesetzlicher Mindestlohn 5,60, tatsächlich bekommt er Dollar vier auf die Hand, drei Euro also, ohne irgendeine Versicherung oder Altersversorgung. In dem Blechbiefkasten an der Route 400 steckte die dritte Mahnung einer Krankenhausrechnung über $ 687, die er gleich zerknüllte. Woher sollte er das Geld nehmen? Es ging um ein Furunkel am Hels, das man ihm ambulant aufgeschnitten und trocken gelegt hatte. Mit meinem Scheck zur Hochzeit hatte er die letzte Rate seines schon tief in den Morast eingesunkenen Trailer homes bezahlt, gerade rechtzeitig bevor Sturm Gustav das Dach wegblies. Ob es ihm unter Obama besser gehen würde? -"Naa." es ist seit 21 hier nichts besser geworden, wer immer in Washington an der Regierung war. -"Obama ist ein Streber, ein Musterknabe. Not one of us. Eher vertraue ich noch einem alten Militär." Die Armee ist neben Sport und Rap einer der wenigen Auswege für die jungen Schwarzen hier. Sie genießt Ansehen. Der Krieg allerdings nicht. Also vielleicht doch lieber Obama? Wichtiger ist die Frage, ob er hier bleiben soll oder weiter in den Norden ziehen, nach Alabama etwa? Das Land ist völlig offen zum Golf von Mexiko hin, jede Stunde wird ein Stück Land, so groß wie ein Fußballfeld, weggespült. In zwanzig Jahren wird das ganze Delta, jetzt schon ein riesiges Feuchtgebiet, unter Wasser stehen. Wozu das Dach noch reparieren? "Ich dachte es werden Dämme gebaut..." - Seit Jahren schicken sie Kommissionen nach Dänemark und Holland, Pläne gibt es viele, aber wer soll das bezahlen? Darüber redet kein Kandidat, und den Ölgesellschaften ist es egal, die bohren sowieso off-shore. Die Älteren und die Alten, zahlreich zum Gumbo und Jambalaya Essen vor der kleinen Holzkirche um Braut und Bräutigam versammelt, klagen, daß es keine Werte mehr gäbe. Dasselbe sagen mir die wohlhabenderen Cajuns am nächsten Tag. Das Französischsprechen hat man ihnen zwar mit Strafen verboten, aber ihren katholischen Glauben, vor 200 Jahren aus der Bretagne mitgebracht haben sie noch. Die Frauen vor allem sind gläubig, sie hatten auf Hillary gesetzt und jetzt auf Palin. Gender ist ihnen wichtiger als Hautfarbe und Ideologie. Sie sind Lehrerinnen an Nichols High im Nachbarstädtchen Thibodaux, dessen Ehrenbürger ich seit ein paar Jahren bin. Ausgerechnet von der Politik erwarten sie eine Erneuerung der Werte. Values. Die Supermärkte werben mit 'Dollar Values". Ihre Eigenheime haben letzte Woche 20 % an Wert verloren. Glücklich sind hier weder die Weissen noch die Schwarzen. Die "Pursuit of Happiness", die die Verfassung ihnen garantiert, findet mangels Werten nur noch beim Shopping (auf Pump mit Credit Card) statt. Man ist glücklich, wenn man was gefunden hat: das einem gefällt? Nein: das den Anderen gefällt. Vorspiegelung von Glück ist wichtig, jedem geht es "fine, just fine!" Sie warten auf einen Politiker, der ihnen Werte gibt, die sie auch von innen wieder glücklich machen würden. Aber wie sollen von oben verordnete Werte glücklich machen? Dieses Versprechen wird keiner erfüllen können. Bestenfalls wird Washington moralische Derivate liefern, die nicht mehr wert sind als die der Banken. 'Trauriges Louisiana' habe ich das entsprechende Kapitel in meiner Biographie genannt. Müsste ich es auf 'Trauriges Amerika' ausweiten? Dem widerspricht der immer noch zur Schau getragene Optimismus. In Umkehrung von Handke herrscht ein 'Glück voller unbefriedigter Wünsche'. Nur die neuen Einwanderer aus Asien scheinen zufriedener: sie suchen Glück nicht beim Einkaufen, sie finden Zufriedenheit durch Arbeit, Arbeit an sich selbst vor allem. Ob und wen sie gewählt haben, weiß ich nicht, aber Glück oder Werte erwarten sie von einem Kandidaten nicht mehr als von einem fortune cookie.