Kolumne

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Sprachen, Fremdsprachen

01.05.2008

Ein Hohngelächter rauschte durch den Blätterwald, der TAGESSPIEGEL berichtete sachlich: "Das Europaparlament hat die EU-Kommission beauftragt, einen Gesetzesvorschlag zu erarbeiten, der allen öffentlich-rechtlichen Sendern in der EU vorschreiben könnte, künftig ihr gesamtes Programm in Originalsprachen zu senden und mit schriftlichen Untertiteln zu versehen. Daneben soll das Synchronisieren als Alternative erhalten bleiben." An der Lautstärke der Häme, mit der dieser Vorschlag kommentiert wurde, kann man ermessen, wie weit wir noch von Europa entfernt sind . Als vielleicht dialektische Reaktion auf unsere wirtschaftliche und monetäre Einheit sind wir dabei, uns kulturell abzuschotten. Jeder Einzelne lebt als einer von 7 Milliarden in einer globalisierten Welt - im Übrigen hält er sich an seine Region oder seinen Nationalstaat. Kommuniziert wird über die lingua franca, ein vereinfachtes Englisch, das heisst nicht, dass man sich versteht. 
Jeder Politiker in Brüssel zum Beispiel weiß, dass die Franzosen anders denken. Ihre Vorschläge, ins Englische übersetzt, werden von Deutschen zunächst einmal missverstanden, woraus bald Misstrauen entsteht. Auf dem umgekehrten Wege ist es nicht anders. Luxemburger, Holländer, Skandinavier müssen als Vermittler hinzugezogen werden, denn sie allein sind vielsprachig. Dabei geht es nicht ums Übersetzen, sondern darum, in verschiedenen Sprachen zu denken, ein wirklich geeintes Europa setzt wechselseitige Kenntnis der Kulturen voraus. 

Wie wichtig es für den beruflichen Werdegang des Einzelnen ist, wenigstens eine andere Fremdsprache als unsere Lingua Franca zu kennen, habe ich bei meinem Ausflug in die Wirtschaft als Manager in Babelsberg gemerkt. In dem zweitgrößten französischen Konzern, der im neuen Berlin Milliarden investierte, in der Friedrichstraße, wie in der BEWAG und in Babelsberg, gab es keine Handvoll Leute unter den hoch gebildeten Managern, die deutsch sprachen. Hunderte von Millionen wurden zum Teil fehl investiert, weil es an Kenntnis der deutschen Üsancen, vom Umgang mit den Gewerkschaften bis zu den Baubehörden, von den Einkaufsgewohnheiten in der Galerie Lafayette bis zum Publikumsgeschmack an der Kinokasse fehlte.

Zurück zu dem EU - Projekt: Die BBC bietet jetzt Untertitel für alle ihre Sendungen an; nicht nur für Hörgeschädigte. Nein, man weiß, dass das gleichzeitige Hören und Lesen das Lernen erleichtert. Um die Verbreitung des Englischen als gemeinsame Weltsprache brauchen wir uns also nicht zu sorgen. Das erledigt die BBC. 
Das didaktische Mittel des Fernsehens können aber auch wir Noch-nicht-Englischsprachigen nutzen. Von Kind auf Donald Duck im Original zu hören, als Teenager dann die Soaps und gelegentlich Audrey Tatou auf Französisch, Almodòvars Frauen auf Spanisch zu hören und das bei manchmal 6 - 8 Fernsehstunden am Tag, wird es leichter machen, später auf diese Sprachen einzusteigen. TOKIO-HOTEL bahnt so dem Deutschen den Weg in Frankreich.

Die digitale Technik macht es möglich, was früher schon versucht und von ARTE allzu selten noch praktiziert wird, nämlich Fernsehprogramme und Filme gleichzeitig im Original mit Untertiteln und synchronisiert zu senden.

Als Filmfreund und -fanatiker unterstütze ich den Vorschlag sowieso, aber am meisten Sinn macht er politisch und wirtschaftlich. Solange wir in fast allen europäischen Ländern noch das Privileg öffentlich - rechtlichen Fernsehens haben, könnten sie Brüssel bei dieser zivilisatorischen Großtat, die der Einführung des Euro in NICHTS nachsteht, von unschätzbarer Hilfe sein - ohne übrigens ihrer Legitimierung zu schaden......