Kolumne

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Rettet die Tagesschau!

16.04.2008

Ein Appell von Regisseur Volker Schlöndorff zum Erhalt der beliebtesten deutschen Nachrichtensendung.


Sie ist ein Ritual. Eine Institution. „Keine Sendung, sondern pure Gewohnheit. Die könnte man auch auf Latein verlesen", sagte einst RTL-Chef Helmut Thoma nicht ohne Neid. Für viele aber ist sie nach wie vor ein Fels in der Brandung des allgegenwärtigen Infotainments: Keine Frage, die 20-Uhr-Tageschau zählt zu den Inkunabeln deutscher Fernsehkultur, seriös bis zur Keimfreiheit, verlässlich wie ein Schweizer Uhrwerk und glaubwürdig wie der Bundespräsident persönlich. Und doch: Die Institution wankt. Von den saftigen Marktanteilen der frühen Jahre, als noch mehr als die Hälfte aller Haushalte erreicht wurden, ist die Sendung weit entfernt. Auch jemanden abends zwischen acht und viertel nach acht anzurufen, gilt nicht mehr als Fauxpas. Information ist ein jederzeit verfügbares Konsumgut geworden, die gottesdienstähnliche Andacht, mit der die Nation einst pünktlich um acht Uhr vor dem Fernseher saß, ist der information on demand gewichen. Und seit andere Sender die jahrzehntelang gleichsam unantastbare Anfangszeit 20 Uhr besetzen - so jüngst geschehen bei SAT 1, wo neuerdings zeitgleich zur Tagesschau ein eigenes Nachrichtenformat gesendet wird -, ist die alte Monopolstellung endgültig implodiert.

Was ist wirklich dran an der Tagesschau? Ist sie Auslaufmodell oder Flaggschiff seriöser Berichterstattung? Diese Frage wollte ich im Selbstversuch beantworten. Ich setzte mich also kurz vor acht vor den Fernseher mit dem festen Vorsatz, die nächste Viertelstunde ohne Fernbedienung zu verbringen.

Das Beste kommt schon zwei Minuten vor der Tagesschau: die Börse. Erstens geht's um Geld, viel Geld, zweitens werden Hochs und Tiefs mit flotten Sprüchen verkauft, auch wenn die Aussichten noch so finster sind. A hard act to follow. Die Latte liegt hoch für die Nachfolger um Punkt acht, denen drei Handicaps auferlegt werden: Erstens dürfen sie nicht „persönlich", also keine Menschen sein. „Er" sollte ernst, sachlich, verbindlich wirken, „ihr" wird bestenfalls erlaubt, den diskreten Charme eines Roboters zu verbreiten. Zweitens dürfen sie nicht frei sprechen, sondern müssen vom Blatt ablesen - was sie angesichts all jener Moderatoren, die Dank Teleprompter Blickkontakt zum Zuschauer halten, noch distanzierter erscheinen lässt. Drittens müssen sie vorgefertigte Sprachhülsen abliefern, eine abstrakte, durchbürokratisierte Kunstsprache, die vor allem am Sprachzentrum jüngerer Zuschauer hoffnungslos abprallt.

Schon wartet der nächste Ballast: die Themen. Zuerst kommt die Innenpolitik, heute ist es die Tarifpolitik. Dreieinhalb Minuten für die Nachricht, dass eine Einigung erreicht wurde. Frage: Warum muss die Innenpolitik immer an erster Stelle kommen? Antwort: Damit die Politiker auftreten dürfen. Wer anschafft, hat das Sagen. Wir Zuschauer zahlen zwar, aber es sind nun mal die Politiker, die den Sendern die Gebührenerhöhung zuspielen, ohne uns via Parlament einzubeziehen. Sie tun das, damit sie an erster Stelle auftreten dürfen. Und wie sie das dürfen! Schamlos nutzen sie die usurpierte Sendezeit, um formelhafte Statements abzugeben. Niemand unterbricht sie, stellt Gegenfragen, stattdessen darf ungefragt nun auch noch der politische Gegner, Partner, Dritte im Bunde und die Opposition, also tutti quanti, zu Worte kommen. Ausgewogen bis zum Einschlafen. Das waren die ersten dreieinhalb Minuten: Der Gähnfaktor ist nach oben geschnellt.

Zweites Thema: sinkende Arbeitslosenzahlen. Auch eine gute Nachricht. Die anderthalbminütige überflüssige Soße, die jedoch darübergegossen wird, ist schlicht unverdaulich: angerichtet wieder mit den unvermeidlichen Politiker-Statements. Drittes Thema: Der Streit um Nokia geht weiter. Irgendwas Neues? Nein, nur: „geht weiter". Viertes Thema (nein, es darf nicht wahr sein!): Streik bei der Post, Verdi fordert ... Hatten wir das eben nicht schon mal, mit dem gleichen Ernst, der gleichen Aktenordner-Sprache, den gleichen Bildern? Die Hälfte der Sendung ist um. Erst die Hälfte? Eine halbe Stunde schwere, standardisierte Kost scheint bereits hinter mir zu liegen.

Ein Glück, dass das Wetter kommt. Dass die Börse steigt und fällt, Wahlen gewonnen oder verloren, Kriege begonnen oder beendet werden, das erfährt man ohne Erklärungen. Man stellt es lieber als Schicksal hin. Dagegen beim Wetter: Sie wollen nur wissen, ob es regnen wird oder nicht? Nein, so schnell geht das nicht. Hier ein Hoch über der Biskaya, dort ein Tief über Irland, durch Druckunterschied entsteht Strömung. Hier endlich wird dem Ursprung der Dinge nachgeforscht. Warum gibt es eine solche Karte für politische Großwetterlagen nicht? Genau da, wo man wirklich gerne wüsste, warum sich eine Kaltfront zwischen Russland und Ukraine schiebt und die Nato-Strömung stärker wird, warum Tibet gerade jetzt explodiert und ob der Dalai Lama nicht doch per Handy Gewitter auslösen kann?

Trotz aller Kritik: Mir geht es nicht um Schelte, sondern um Erhalt. Schon einmal haben die Öffentlich-Rechtlichen auf die Herausforderung der Privaten falsch reagiert, indem sie sich bei der Unterhaltung auf das Wettrennen um die Zuschauergunst eingelassen haben, mit rasantem Qualitätsverlust und mäßiger Quote. Aus meinem Metier heraus würde ich sagen: Die Tagesschau braucht eine Anti-Aging-Therapie. Eine frischere Sprache, ein lebendigeres Themenspektrum, eine filmische Dramaturgie ohne nichtssagende Bilderteppiche samt „establishing shots" - Reichtstag außen, Bundeskanzleramt außen, Ministerium außen. Und Moderatoren, die Journalisten sind, frei sprechen können und nicht als aseptische Sprachcomputer auftreten. Der Tonfall könnte weniger feierlich sein, denn die Zeiten sind ja vorbei, als die meisten Leute den Ansager noch für den Regierungssprecher hielten. Rettet die Tagesschau - reanimiert die Institution, solange sie noch lebt!