Kolumne

Quoten

30.11.2007

Ein findiger Hacker hat sich Zugang verschafft zum Netz der zwölfhundert Familien, nach deren Fernsehern die Quoten errechnet werden. Aus rein persönlichen Rachegelüsten manipulierte dieser Skrupellose zunächst die Quote der Sendungen, die ihn am meisten nervten. Es gelang ihm, sie von den besten Sendeplätzen zu verdrängen. Er fand Spass an der Sache und sorgte dafür, dass ganz schräge Sachen in die hochheiligen prime-time Fenster rutschten. Im Vertrauen auf die Unfehlbarkeit der Quote wurde der gesamten Spielplan geändert. 
Über Nacht wurden wir Zuschauer zu Menschen, die gerne lesen, an Werte glauben und sich - in gewagter Umkehrung von E und U - mit Ernstem unterhalten. 
Steht alles zum Besten in der besten aller Welten? Moment, die Pointe kommt noch: der Computer des guten Hackers stürzte ab. Flog jetzt alles auf? Nein, die Quoten blieben auch ohne Manipulation konstant. Die Zuschauer hatten sich an die neue Kost gewöhnt, sie waren froh nun auf höherem Niveau unterhalten zu werden...
Eine Ente? Eine wahre Geschichte? Jedenfalls gut erfunden von Hans Weingartner, nur hat er - anders als bei seinem DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI - die Satire leider mit Moralin verdorben. Ein alter Fehler von uns deutschen Jungfilmern... 
Filme, wie er sie sich wünscht, gab es zuletzt in den sechziger und siebziger Jahren, im Kino wie im Fernsehen, das damals nur öffentlich-rechtlich war, gemacht von mutigen Leuten in Köln, Bremen, Hamburg, Frankfurt, Mainz, Stuttgart und München. Inzwischen ist zwar die parafiskalische Abgabe, genannt Gebühren, drastischer gestiegen als die Inflationsrate, aber die 7 Milliarden plus gehen im Wettstreit mit den Privaten drauf, - mit dem Ergebnis, das wir kennen. 
Sir David Putnam hat uns, die Regisseure und Autoren, beim europäischen Filmpreis in Berlin neulich aufgefordert, mehr Verantwortung zu zeigen im Umgang mit Steuergeldern. Schliesslich sei ein Gutteil unserer Arbeit subventioniert, deshalb müsse für die Gesellschaft mindestens ein kultureller Mehrwert heraus springen, etwa wie der seiner Filme KILLING FIELDS und CHARIOTS OF FIRE. An uns läge es den Hunger nach Idealen, der die Jugend auszeichne, durch verantwortungsvolle Werke zu stillen, und den Durst nach Rache und Gewalt, d.h. unsere niederen Triebe, nicht unnötig anzuregen...
Ich fragte ihn, ob auch die vom Bürger ungleich höher finanzierten Sender dieser Regel verpflichtet sein sollten, etwa bei der Darstellung unserer Gefühle, Liebe, Hass und Freundschaft in Seifenopern und TV-Mehrteilern? Er lachte weise und sagte: nein, Fernsehfilme würden ohnehin über Nacht vergessen...

Ich fürchte allerdings, dass unsere Zivilisation doch etwas von dieser Nivellierung abbekommt. Ich weiss, wieviel Redakteure und Produzenten gerne andere Filme machten, wüssten sie nicht, dass das Ergebnis erst zu nachtschlafender Stunde oder hinter dem Feigenblatt arte "versendet" würde. (Erstausstrahlung meines NEUNTEN TAGES z.B. null Uhr 15. Die entsprechend niedrige Quote ist dann hausgemacht.)


Ist der zwanghafte Wettlauf um die Quote selbst auferlegt oder von der Politik vorgeschrieben? Sicher ist ein unter dem Valium seichter Unterhaltung dahindösender Zuschauer ein besserer Untertan, aber ich unterstelle keiner Partei nur deshalb dem derzeitigen Programm zu zustimmen, wünschen sie sich doch alle den mündigen Wähler...

Oder wäre die Existenz von ARD und ZDF tatsächlich infrage gestellt, wenn andere Sender höhere Quoten hätten? Ich fürchte, dass die Politiker aller Fraktionen empört wären. Das Öffentlich-Rechtliche ist ihre tägliche Plattform. Durch dieses Fenster dringen sie allabendlich schamlos in unsere Wohnungen ein. Deshalb sind sie es letztlich, die die höchste Quote für ARD/ZDF verlangen. Und da sie die Herren der Gebühren sind, können sie diese Forderung auch durchsetzen. Das ist die stillschweigende Geschäftsgrundlage, deren Geisel wir sind, die Zuschauer, denen Qualität lieber wäre als Quote. 
John Huston mir mal erzählt zu welch erschütternden Szenen es gekommen ist, als Durchschnittsamerikaner entdeckten, dass ihr Traum vom Erfolg für Alle notwendigerweise ein Trugschluss war - am Broadway bei der Uraufführung von TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN. Ebenso erfasste der Durchschnittsamerikaner das ganze tragische Ausmass des Vietnamkrieges nicht bei den täglichen Nachrichten, sondern erst als er die Filme DEER HUNTER und PLATOON sah. So muss es damals bei uns den Zuschauern von Bernhard Wickies BRÜCKE gegangen sein. So ist es uns, lachend und weinend, bei GOOD BYE LENIN und bei DAS LEBEN DER ANDEREN GEGANGEN.

Theater, Kino, Fernsehen als sittliche Anstalt also!?! Will ich das sagen? Nein, nein, so ernst ist es nicht gemeint. Ich dachte nur um die Lücke, die mein Vorgänger in dieser Salonspalte hinterlassen hat, zu füllen, müsste ich mich entweder körperlich verdoppeln oder ein besonders gewichtiges Thema aufgreifen.