Kolumne

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Nazifilme

16.12.2008 Von: Volker Schlöndorff

Nein, als Feindbild müssen wir diesmal nicht herhalten. Gaubt man den Filmen, die jetzt entstehen und anlaufen - DER VORLESER, OPERATION VALKYRIE, Tarantinos INGLORIOUS BASTARDS - sind in Hollywood unsere Nazis zwar immer noch tauglicher, als unsere Stasis oder gar unsere Terroristen, doch die Bilder werden differenzierter. Kate Winslet als Schikse und Schinderin, Rutger Hauer als Fatherland-Held, Tom Cruise als Staufenberg, das ist schon weit entfernt von den Heydrich-Typen, die ein Anton Diffring sein Leben lang spielen mußte. Weit entfernt allerdings auch von dem sarkastischen Witz, mit dem Ernst Lubitsch in SEIN ODER NICHTSEIN einen Biedermann als Concentration Camp Erhart vorführte, weit entfernt von Chaplins Spott im GROßEN DIKTATOR und von der Ironie, mit der Billy Wilder durch Erich von Stroheim den Wüstenwuchs Rommel darstellen ließ, ganz zu schweigen von der zersetzenden Chutzpe, ausgerechnet die tapfere Antifaschistin Marlene Dietrich, die laut Wilder mehr Zeit an der Front verbracht hat als General Eisenhower, als zwielichtige Nazissin im Berlin der FOREIGN AFFAIR zu besetzen. Man sieht, wieviel Tradition die Sache hat, aber auch wieviel witziger die damit umgegangen sind, die vor Hitler fliehen mußten.
Fest steht, daß wir unsere Bilder, d.h. unser Bild von uns selbst, auch im neuen Jahrtausend noch aus Übersee beziehen. Uns selbst scheint der Lagerkommandant, wenn er von Ralph Fiennes gespielt wird überzeugender als wenn Götz George ihn in Theodor Kothullas EIN DEUTSCHES LEBEN gibt. Und das obwohl wir wissen, daß Letzterer näher an der Wahrheit ist, an dem Biedermann, der in dem Massenmörder steckt - bzw umgekehrt. Auch wir wollen den Nazi schneidig, eiskalt, formvollendet, keinesfalls mit Bierbauch, wie der deutsche Soldat sich am Hindukusch präsentiert. Das Publikum dieser Welt will ihn kriegerisch, und so wollen wir ihn auch. Sehen wir heute mal am Sonntag nachmittags oder zu später Nachtstunde einen deutschen Film aus den fünziger Jahren, wo Martin Held, Curd Jürgens, O.E. Hasse und viele andere die authentische Tonlage, Haltung und Lässigkeit dieser Leute noch drauf hatten, kommen sie uns unecht vor, theatralisch, wie aus einer anderen Zeit. Die amerikanischen Klischees dagegen sind so synthetisch und zeitlos, daß sie nicht einmal altern.
Nun sollten wir dankbar sein, daß man sich auch mal der guten Deutschen annimmt. Spielberg hat Schindler ein Denkmal gesetzt - mit einem irischen Darsteller. Tom Cruise will dasselbe für den Widerstand tun, wenn auch die Augenklappe eher Requisit der Bösewichte ist (es könnte ja sein, daß er die Figur so anlegen will, wie Qualtinger den siebten Zwerg bei Schneewittchen, nämlich "hintergründig"). Es ist ja auch eine undankbare Aufgabe, ein solches Attentat heroisch darzustellen, wo doch heute viele Straßenjungen und auch junge Mädchen statt eine Aktentasche abzustellen, sich gleich selbst als Bombe hochgehen lassen. A propos: unsere Bösewichte sind gar nicht mehr Feindbild Number One, das ist Al Quaeda.