Kolumne

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In Zungen sprechen

29.10.2008 Von: Volker Schlöndorff

"Sprache ist etwas Sinnliches" - um das zu erkennen, hätte ich nicht unbedingt in die Toskana fahren müssen, aber die Umgebung half doch diese Erkenntnis zu vertiefen. Worte kann man kauen, sie auf der Zunge zergehen lassen, sie ausspucken, wenn sie nicht schmecken, ihnen Melodie verleihen; jede Sprache hat ihren Singsang, hat ihre Gerüche, ihre Zärtlichkeit, ihre Härten. Jenseits der vielen unübersetzbaren Worte wie Wanderlust, Weltschmerz, Heimat, saudade, karma, cafard, sind es schon die Silben, die Obertöne, die Zischlaute, das Rollende und das Weiche am Gaumen, die jeder Sprache einen andern Genuß verleihen. Schließlich sprechen wir mit unseren sinnlichsten Organen, der Zunge und den Lippen, deren Lautbildung von klein auf erotogene Zonen beleben. 

Zum Sinnlichen kommt das Geistige, wenn - wie kürzlich in Florenz geschehen - jemand (Silvia Bortoli) für die siebte Übertragung der BUDDENBROOKS ins Italienische ausgezeichnet wird. Immer wieder wird das Original neu gelesen, immer wieder ändert sich die Sprache. So bewirkt Thomas Mann in Italien, was Tokyo Hotel in Frankreich schafft: Interesse für das Deutsche, genauer gesagt Interesse für Kultur, die immer auch Interesse für andere Sprachen ist.

'Den Satz des Pythagoras braucht man nicht zu kennen, kennt man aber Hamlets Sein oder Nichtsein nicht, gilt man als Barbar. Vielleicht sollte es umgekehrt sein,' erklärte Daniel Kehlmann dem ebenso eleganten wie aufmerksamen Florentiner Adel und Bürgertum, versammelt in den 1000jährigen Mauern des Klosters Vallombrosa. Es sind junge Schriftsteller aus der ganzen Welt, wie er und Zadie Smith, die sich auf dem Anwesen Gregor von Rezzoris alljährlich treffen. Seine Witwe, Beatrice Monti, hat hier ein Refugium für Schriftsteller eingerichtet: John Banville, Esterhazy, Michael Oondatje, Andrew Miller, Colm Toibin, Michael Cunningham, Orhan Pamuk fühlen sich wohl auf dem abgelegenen Hügel, wo schon Bruce Chatwin On the Black Hill schrieb. Gary Shteyngard sagte bei der Vorstellung seines Absurdistan, daß Rezzoris Denkwürdigkeiten eines Antisemiten seine vielleicht prägendste Lektüre gewesen sei, und zwar "sowohl als Schriftsteller wie als Antisemit..." Der Preis ist tatsächlich zur Erinnerung an diesen bei uns fast vergessenen, im Ausland dank guter Übersetzungen sehr präsenten österreichisch-ungarisch-rumänisch-deutschen Schriftsteller gestiftet.

Ich finde aber, auch die beste Übersetzung genügt nicht. Man muß Sprachen lernen, will man andere verstehen - nicht nur kulturell, erst recht politisch. Das könnte unsere, der Europäer, große Stärke sein. Kleineren Nationen ersetzt die Mehrsprachigkeit schon die Bodenschätze, auch unser Kontinent könnte sich so von den sprachlichen Monolithen China, Russland und USA absetzen. Ich halte es im Ernst für einen großen Wettbewerbsvorteil, sich in den Anderen versetzen zu können, eine Fähigkeit, die ja gerade den Amerikanern abgeht. Kein Wunder, da in ihren Zeitungen, in ihren Nachrichten, in ihren Fernsehprogrammen der "Rest der Welt", wenn überhaupt, nur als Katastrophen- und Kriegsgebiet vorkommt. Und falls Fernsehprogramme und Filme das Bewußtsein bestimmen, so macht der "Rest der Welt" in den Köpfen etwa 1% aus, denn das ist der Marktanteil nicht Englischsprechender Produktionen. Bei 1% Aufmerksamkeit für das Außeramerikanische, darf man sich über Fehleinschätzungen der "Anderen" in der Außenpolitik nicht wundern. Ohne gleich auf den Irak zu kommen, ist es doch eigenartig Europa in ein altes und ein neues dividieren zu wollen, angeblich kriegsbereite Polen gegen deutsche Feiglinge und Pazifisten auszuspielen, Star Wars Schutzschilde über dem Einen oder dem andren auszubreiten. Andererseits wäre bei uns wohl einem Jemand nicht der Affront mit der Ostseepipeline passiert, wenn er etwas Russisch oder Polnisch sprechen würde. Deshalb steht es auch uns in die anderen zu versetzen indem wir "in unseren Zungen" reden. In Berlin soll sich sogar ein logenartiges Grüppchen( zu dem ich mich zählen darf) zusammengetan haben mit der konspirativen Absicht, das Lernen des Französischen zu fördern. Doch davon ein andermal.