Kolumne

< Europa? Ich war nicht wählen!

Horst Wendlandt

30.08.2008

Die wahren Verluste spürt man mit Abstand immer heftiger, und auch das Bedauern um verpasste Gelegenheiten. So geht es mir, wenn ich an Horst Wendlandt denke. Persönlichkeit und Biographie, die Henne und das Ei - wie bedingen sie sich?
Geboren als illegaler Sohn eines russischen Landarbeiters, gestorben als erfolgreichster deutscher Filmproduzent aller Zeiten - in die Wiege gelegt ist ein solches A und Omega niemand.

Erfahrung ist ja leider kaum übertragbar, weshalb mir die Gespräche mit ihm so fehlen. Was sich da in über sechzig Jahren als aktiver Produzent und einfach auch als Mensch angesammelt hatte, ist weg. Ein unerschöpflicher Schatz an kleinen Lebensweisheiten und großen Einsichten. Wirklich verloren? Nicht ganz - denn Dona Kujacinski hat sich mit großem Gespür auf Sammeltour begeben und sehr anschaulich ihre reiche Beute in einem gut bebilderten Band zusammengetragen. Ob Edgar Wallace Filme oder Karl May, ob die Lehrjahre als Buchhalter oder der Triumph mit Chaplin, ob das Schweigen über die Kindheit als Waise oder das Schwärmen über rauschende Feste, der rote Faden, der all diese Anekdoten zusammenhält, ist das stetig wachsende Selbstvertrauen eines durch Nichts Privilegierten, der lernt zu sich zu finden. Die Einsamkeit der frühen Jahre kann bei großen Entscheidungen eine große Hilfe sein. Lernen auf sein Gefühl zu horchen, nur aus dem Bauch heraus zu handeln und jeden eingeschlagenen Weg zu Ende zu gehen - bevor man bilanziert. Nur so kann man seine Stärken und Schwächen kennen lernen, d.h. die Fehler auf sich nehmen und die Erfolge richtig einschätzen. Ohne Zerknirschung, ohne Überheblichkeit. 

Wie oft hat Horst Wendlandt  Aufstieg und Untergang des deutschen Films erlebt? 1938 begann er eine kaufmännische Lehre bei in der Tobis,  wurde nicht eingezogen und konnte bis 1944 weiterarbeiten, weil er ja keinen deutschen Paß hatte. Dann wurde er doch noch zu dem dem letzten Aufgebot verpflichtet. Das genügte zwar nicht um den Krieg zu gewinnen, wohl aber um ihn für zwei Jahre als Kriegsgefangenen  in einem französischen Kohlebergwerk untertags arbeiten zu lassen. 
Neuanfang mit Neubeginn des deutschen Films als Buchhalter, dann Film-Geschäftsführer bei Arthur Brauners CCC Film und bei Preben Philipsen. Diesmal lernt er das Handwerk des Produzierens, lernt auch die zurückkehrenden Emigranten Dieterle, Gottfried Reinhard, Douglas  Sirk  und  Fritz Lang kennen. Schließlich macht er sich Ende der fünfziger Jahre selbständig und beweist sein Gespür, sein Genie, seine glückliche Hand , wie immer man es nennen will. 

Freunde zählen dabei sehr, nicht als Ratgeber, sondern um am Leben teilzuhaben. Sie alle, von Leo Kirch bis zu seinen Schauspielern und Regisseuren (und mit Ausnahme eines Freundes und Mitarbeiters, der noch immer nicht leicht über ihn sprechen kann), kommen hier bewegend und beredt zu Wort.  Allen voran seine Frau Ille, deren Portrait dieses Buch wie nebenbei mitliefert.

37 Goldene Leinwände aus dieser Zeit, verliehen für jeweils einen Film mit mehr als drei Millionen Besuchern schmücken heute noch das Büro seiner Rialto Film in der Bismarckstraße. Wenn er zuerst noch mit den Wechseln der Verleiher jonglieren muß, damit sie nicht "platzen", hat er bald genügend Eigenkapital um allein zu entscheiden. 
Es ist der geschäftliche Höhepunkt des deutschen Films, es gibt noch kein Fernsehen und auch keine Filmförderung. Jeder Film ist ein Wagnis, jeder Film kann ein großer Gewinn sein. Haus und Hof sind jedesmal der Einsatz. Das schärft das Gespür. Doppelt oder nichts. Leidenschaft fürs Kino allein diktiert die Entscheidung. Fast immer gewinnt er, wer zögert verliert. 

Der Einsatz lohnt. Das deutsche Kino hatte damals 600 Millionen Besucher pro Jahr. Doch  dann kommt der plötzliche Einbruch. Aus Kinos werden Supermärkte,  es bleiben 120 Millionen Besucher übrig. Erschwerend kommt hinzu ,daß eine neue Generation den Tod von Papas Kino behauptet.

Tatsache ist, der deutsche Film geht unter. Wer war schuld? Die Unfähigkeit von uns jungen Filmemachern oder die Langeweile von Papas Kino? Oder schlicht und einfach das neue Medium Fernsehen? Darüber haben wir bis letzte Woche fast täglich gestritten.
 
Seit Mitte der sechziger Jahre kannten wir uns, erst in den letzten zehn Jahren haben wir uns wirklich befreundet. Schon damals war er bereit zum Schulterschluß mit der nächsten Generation .Wir aber hatten Angst vor dieser Umarmung des Vaters. Wir mußten uns von ihm befreien. 1966 bot er mir zum erstenmal einen Film an, den Fall Vera Brühne, damals hochaktuell, erst 30 Jahre später sind wir zusammengekommen. So viel verlorene Zeit, sage ich mir heute. 

In den Jahren dazwischen hat er mit Ingmar Bergman und  Rainer Werner Fassbinder gearbeitet. Wie ging das? Nicht anders als bei Edgar Wallace oder Karl May. Er hörte sich ihre Geschichten an. Wenn das Projekt ihn überzeugte, finanzierte er großzügig, ohne sich je in Buch, Regie oder Schnitt einzumischen. Anschauen tat er es sich, Reinreden auch, Fragen stellen auch, Ratschläge geben auch - aber nie direkte Eingriffe. So hatte er schon seinerzeit mit Harald Reinl, Wolfgang Staudte, wie Jürgen Roland, und Freddie Vohrer gearbeitet. Der Produzent entscheidet über Projekt und Finanzierung, er kümmert sich um Verleih und Verkauf, der Regisseur macht den Film -egal ob  es der Hexer, Querelle oder das Schlangenei. ist. Kunstfilm, Schnulze, Avantgarde, nouvelle vague, Opas Kino oder  Junger Deutscher Film-alles uninteressante ideologische Fragen. Für ihn zählte nur Leidenschaft und Können. 
Als Verleiher von Chaplin, als Co-Produzent von Sergio Leone, Bud Spencer , Louis de Funes oder als Kinoentdecker von Otto und Loriot bewies er immer wieder unfehlbares Gespür. Für ihn selbst  war das  schlicht und einfach  Liebe und Begeisterung für Talente, die er bewunderte. Immer war er zuerst selbst Zuschauer.
 
Deshalb pflastern auch nicht Leichen seinen Weg, sondern Freunde säumen seinen Weg. Ihnen allen wird er fehlen, wie  ihm die gefehlt haben, die vor ihm gegangen sind - in die ewigen Jagdgründe eines immer jugendlichen Freundeskreises.
 Freude am Leben, Freude am Machen, Freude am Geldverdienen, Freude beim Ausgeben, beim Anlegen wie beim Sammeln von Kunst. Vitalität war seine hervor- stechendste Eigenschaft -  und das bis ins hohe Alter und bis über die Krankheit hinaus. Vergleichbar ist seine Persönlichkeit und/oder seine Biografie  eigentlich nur mit den großen Moguls, den Pionieren des amerikanischen Kinos, der Generation der Goldwyns, Warners, Fox und Meiers.
 
Ich habe mich oft gefragt, worin eigentlich das Geheimnis seines Erfolges bestand. Schließlich blieb  nur eine Antwort: seine Ungeduld. Interessierte ihn eine Geschichte nicht nach ein paar Sätzen in, ein Buch nicht nach ein paar Seiten ,so brach er einfach ab und ging übers zum nächsten Thema. Das sparte ihm viel Zeit und Kraft. Überflüssiges Zögern und Zaudern vergellte ihm nicht die Lust am Machen. 
Umgekehrt bewies er auch Hartnäckigkeit: interessierte ihn eine Sache wirklich, blieb er jahrzehntelang am Ball. So kam er in letzterr Zeit auf ein Projekt zu sprechen, genannt "in Europa gehen die Lichter aus", nach einem Artikel im Stern, den er 1959 zum erstenmal gelesen hatte und den er mir nun 30 Jahre später vorlegte. Die letzten zehn Tage vor Beginn des 2. Weltkrieges, die Tage vom 21. August bis 1. September 1939. Er ließ mir keine Ruhe, bis wir schließlich vor einem Monat gemeinsam ein erstes Drehbuch fertig hatten. " Diesen Film muß Europa machen! "sagte er, der zeitlebens nur unterhalten wollte, bloß nichts Politisches machen wollte!
 
Wie alle großen Väter, hat er wenige Söhne, die sich mit ihm messen können. Ich meine, es fehlt dem deutschen Film an unabhängigen Produzenten, die mit eigenem Kapital als Unternehmer auftreten können und die Filme aus Leidenschaft machen und nicht als Angestellte von Konzernen, deren share-holder-value erhöhen müssen. Darüber habe ich ihn oft und heftig mit seinem Freund Leo Kirch debattieren hören. Er wollte den Freund zurückholen  in die Welt des Films und warnte ihn vor der Gefahr, allein den Moloch Fernsehen herauszufordern. Überhaupt hatte er das Maul am richtigen Fleck und mischte sich bis zuletzt ins Geschäft und in die Filmpolitik ein, obwohl er wußte, daß ihn das alles, Filmakademie oder Filmfonds , nicht mehr betreffen würde...

Was heißt es schon zu sagen, daß er ein großartiger Mensch war. Freundschaften kann man  in Nachrufen  nicht gerecht werden. Fest steht, daß er uns, seinen Freunden fehlen wird, auch im  Olympia-Stadion , wo er so gerne saß, um auf " unsere Hertha" zu schimpfen.