Kolumne

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Frei sprechend!

01.04.2008

Zustandsbeschreibung:Tagesschau vom Dienstag, dem 01. April 2008

Das Beste kommt schon 2 Minuten vor der Tagesschau: Die Börse. Erstens geht's um Geld, viel Geld, wenn auch meist das von anderen. Zweitens spricht der Mann/die Frau frei, wie die Kurse mit Hochs und Tiefs, aber immer mit flotten Sprüchen, nicht eingeschüchtert von dem fast immer finsteren Hintergrund der uns alle betreffenden Weltwirtschaft.

A hard act to follow. Die Latte liegt hoch für die Nachfolger, denen noch drei Handicaps auferlegt werden: Sie dürfen nicht „persönlich", also keine Menschen sein. „Er" sollte ernst, sachlich, verbindlich, eine Standsäule sein, „Ihr" wird bestenfalls erlaubt, den diskreten Charme eines Roboters zu versprühen. Sie dürfen nicht frei sprechen, müssen vom Blatt ablesen - was man ja geschickt fast in freies Sprechen verwandeln kann, und was auf jeden Fall besser ist, als das gespenstische pseudofreie Ablesen vom Teleprompter. Sie müssen vorgefertigte Sprachhülsen abliefern.

Diese Hürden sind höher, als sie scheinen, aber die gut trainierten Sprechathleten nehmen sie mit Schwung (ohne Ironie!) - trotz eines weiteren Ballastes: Sie müssen zuerst über Innenpolitik reden, heute: Tarifpolitik. 3 ½ Minuten für eine heute gute Nachricht: Einigung ist erreicht. Frage: Warum muss die Innenpolitik immer an erster Stelle kommen? Antwort: Damit die Politiker auftreten dürfen. Wer anschafft, hat das Sagen. Wir zahlen zwar, aber die Politiker verschaffen den Sendern die Gebührenerhöhung, ohne uns via Parlament ein zu beziehen. Sie tun das, damit sie an erster Stelle auftreten dürfen. Und sie dürfen! Schamlos nutzen sie die usurpierte Sendezeit, um formelhafte Statements abzugeben. Niemand unterbricht sie, stellt Gegenfragen, stattdessen darf ungefragt nun auch noch der politische Gegner, Partner, Dritte im Bunde und die Opposition, d. h. tutti quanti, zu Worte kommen. Ausgewogen zum Einschlafen. Gut, das waren die ersten 3 ½ Minuten. 
Zweites Thema: Arbeitslosenzahlen. Auch eine gute Nachricht, aber warum 1 ½ Minuten überflüssige Soße drüber, wieder mit den unvermeidlichen Statements (s.o.), diesmal inklusive PDS, weil die Quote im Osten immer noch doppelt so hoch ist. 
Drittes Thema: Streit um Nokia geht weiter. Irgendwas Neues? Nein, nur: 'geht weiter.' 
30 Sekunden der bekannten Bilder. Wahrscheinlich, weil das Thema gut zu 1. und 2. passt.
Allerdings verdreifacht dieses Erzählprinzip gerade durch seine Folgerichtigkeit die Langeweile.
Viertes Thema: ( Nein, es darf nicht wahr sein! ) Streik bei der Post, Verdi fordert ...Hatten wir das eben nicht schon mal, mit dem gleichen Ernst, der gleichen formelhaften Sprache, den gleichen Bildern? Die Hälfte der Sendung ist um. Wer ist noch dran?
Zu spät kommt das fünfte Thema: Börse! Das hatten wir nun wirklich schon, und zwar besser. Statt dem frechen Börsianer nun noch mal der seriöse Sprecher, der die gleichen Zahlen verliest, die Abschreibungen bei der Deutschen Bank und der UBS - ohne den Zusatz des Börsianers, dass die 40 Milliarden Miese der UBS dem gesamten Haushalt der Schweiz entsprechen. Bebildert wieder mit den gleichen Schablonen: Schwenk am Hochhaus der Deutschen Bank in Frankfurt, Totale: Saal voller Aktionäre u.ä.
Und nun zum Rest der Welt, Thema 6: Simbabwe, der Präsident lässt warten. Telefonat mit einem Foto des Korrespondenten. Und 7. - Bush in Ukraine, ein überraschendes Bild: Der Präsident und Gattin verlassen die Air Force Number One. (Ob das Flugfeld ukrainisch war, konnte ich nicht erkennen.) Diesmal spricht der Korrespondent live und leibhaftig in ein Mikrophon, hinter ihm der Platz, auf dem die orangene Revolution stattgefunden hat. Dieser Topos, Mann mit Mikrophon vor Stadt-, Kriegs- oder Landkulisse, halbnahe, Wind umweht, ist ungefähr so aufregend, wie die Air Force Number One, wie die vorfahrenden Limousinen, wie der den Korridor entlang schreitende Abgeordnete und das höchstens ein Dutzend weiterer Standardbilder, die in keinem Bericht fehlen dürfen.
An 8. und 9. Stelle jetzt noch Menschliches, leider ohne einen Hauch davon dargestellt:
Vater muss zwar für uneheliches Kind zahlen, anschauen muss er es aber nicht. Die Richter in Robe in Karlsruhe, noch ein Bild, das wir nicht missen möchten! 
Und als Nachtisch: Privatpatienten kommen schneller dran als Kasse...( wer hätte das gedacht?!)
Seit dem Börsianer vor der Sendung, also eine lange Durststrecke, 15 Minuten wie eine Ewigkeit, ein Glück, dass da noch das Wetter kommt. Nicht nur erfahren wir hier, dass der Frühling tatsächlich da ist, sondern auch: Warum. Dass dagegen die Börse steigt und fällt, Arbeitslosenzahlen ebenso, Wahlen gewonnen oder verloren, Kriege begonnen oder beendet werden, das erfährt man ohne Erklärungen. Würde hier wohl zu weit führen, deshalb stellt man es lieber als Schicksal hin.
Dagegen beim Wetter: Sie wollen nur wissen, ob es regnen wird oder nicht? Nein, so schnell geht das nicht. Hier ein Hoch über der Biskaya, dort ein Tief über Irland, durch Druckunterschied entsteht Strömung, Kaltluftfront wird angesaugt, Niederschläge. Endlich wird dem Ursprung der Dinge nachgeforscht. Warum gibt es eine solche Karte für politische Großwetterlagen nicht da, wo man wirklich gerne wüsste, warum die Kaltluft zwischen Russland und Ukraine, daher jetzt in NATO-Strömung, warum Tibet jetzt und ob der Dalai Lama nicht doch per Handy Gewitter auslösen kann...
Ich will es mir nicht leicht machen, so eine ironische Beschreibung ist wohlfeil. Mir geht es nicht um Schelte, sondern um Erhalt. Schon einmal haben die Öffentlich - Rechtlichen falsch reagiert auf die Herausforderung der Privaten, indem sie sich nämlich bei der Unterhaltung auf das Wettrennen um die Quote eingelassen haben - statt wie die gute alte Dame BBC, sich treu zu bleiben und auf Dauer zu setzen. Bei der Information wäre es fatal, jetzt auf Infotainment umzuschalten, abgesehen davon, dass dann der Anspruch auf Gebühren wirklich verspielt wäre. 
Das immer noch dichte Netz fabelhafter Korrespondenten muss erhalten bleiben. Der Journalismus muss seriös bleiben, Bericht von Meinung getrennt sein. Lieber alles so lassen, wie es ist, auch die Tagesschau, als dem Druck der Quote nachzugeben. Dies vorausgeschickt muss es aber möglich sein - im Namen des guten Journalismus - die täglichen 15 Minuten ansprechender zu gestalten. Aus meinem Metier würde ich sagen: Der oben beschriebene thematische Ablauf ist dramaturgisch ein Unding. Der Aufhänger ist keiner, viermal Nachzocken macht`s nicht besser. Das Bonbon (Wartezeit für Patienten) kommt zu spät. Politiker sollten nur gezeigt werden, wenn sie etwas zu sagen haben, nicht im Namen der Ausgewogenheit, und wenn sie nur Statements aufsagen, brauchen wir sie nicht zu sehen, der Sprecher kann das in einem Satz zusammenfassen.
Sollte dieser Sprecher dann nicht doch Journalist sein? Ja, eigene Texte sprechen und vor allen Dingen frei sprechen. Es muss im Tonfall auch nicht so feierlich sein (die Zeiten sind ja vorbei, als die meisten Leute den Ansager noch für den Bundeskanzler hielten). Zu den Bildern: Lieber keine, als immer dieselben! Establishing shot hieß beim Spielfilm früher die Außenansicht der Farm, der Villa, des Palastes, die bei Szenenanfang nicht fehlen durfte.
Heute schneidet man gleich mitten rein ins Gespräch, in die Küche oder ins Bett. Insofern braucht auch der Zuschauer kein Bild mehr vom Reichstag, keine Miele-Waschmaschine, keinen Big Ben, keinen Eiffelturm. Die Korrespondenten können sicher aufregendere Stadtansichten liefern, und bei der Gelegenheit: Lieber mal einen längeren Bericht von einem Schauplatz als Schnipsel von vielen. 
Und ein Letztes: Nie wieder umschalten zum Kommentar vom NDR, HR, WDR oder welchem „R" auch immer.