Kolumne

< Von der Freude am Sprechen

Europa? Ich war nicht wählen!

26.06.2008

Was haben die Nichtwähler gespürt, das sie fern hielt? Fünfzig Jahre lang hat mich der Europa-Gedanke beflügelt. Wieso ist mein Schritt plötzlich erlahmt?

Schande auf mein Haupt: Ich habe an jenem Sonntag nicht gewählt – für Europa. Und das kam so: Ich war schon auf dem Weg, saß im Auto und wollte losfahren, da dachte ich, warum nimmst du nicht das Fahrrad? Als ich das Fahrrad aufgepumpt hatte, dachte ich, eigentlich lieber zu Fuß… und so ging ich los. Aber irgendwas stimmte nicht mit mir. Beim Gehen dachte ich daran, wie ich im Sommer vor 50 Jahren zum Europäer geworden bin. Mein Vater hatte seinen ersten Käfer bekommen und fuhr mit uns, seinen drei Söhnen, nach Frankreich, gleich anfangs vorbei an den Schlachtfeldern, wo er 1917 Sanitäter war, dann zum Isenheimer Altar, in viele Kathedralen, Schlösser und Bistros, wo wir zum ersten Mal Pommes frites aßen.

Zwei Jahre später kam ich auf einem kleinen Bahnhof in der Bretagne an. Ein Mann in schwarzer Kutte holte mich, den von 24 Stunden Zugfahrt erschöpften Austauschschüler, ab. Bald wurde mir klar, dass ich erstens bei den Jesuiten gelandet war, dass zweitens diese Provinz zu Recht ihren Namen Finisterre trug: Es war das Ende der Welt, und (da pünktlich zu meiner Ankunft Alain Resnais’ Film „Nacht und Nebel“ startete) dass drittens der Zweite Weltkrieg hier noch nicht so vergessen war wie zu Hause im Rhein-Main-Dreieck, wo das Wirtschaftswunder blühte. Es kam mir vor, als käme ich aus Amerika in ein Europa, wo alle Häuser noch aus dem 19. Jahrhundert stammten, die Autos aus den vierziger Jahren und die Menschen aus einer mir fremden Kultur mit strengen Tischsitten, einer komplizierten Sprache und großen Kolonialproblemen.

Tatsächlich war ich ja ein kleiner Amerikaner, aufgewachsen in einem Ort voll junger GIs. Jeden Nachmittag gingen wir ins Amerika-Haus, um in Zeitschriften zu stöbern, Musik zu hören, Bücher auszuleihen und vor allem Filme im Original zu sehen. Vom sechsten bis zum 16. Lebensjahr war mir alles Amerikanische vertraut und auf jeden Fall sympathischer als das Deutsche. Nur geografisch waren die Staaten halt doch weit weg, Frankreich dagegen lag vor der Tür. Und auch von dort kamen Filme, die uns auf eine ganz andere Art begeisterten. Es war „Filmkunst“ von Cocteau und dunkle Krimis mit Jean Gabin, verruchten Frauen und schwarzen Citroëns.

Europa warb für Schüleraustausch und ich meldete mich. Mein Vater, inzwischen glühender Europäer, um seine Verdun-Erfahrung aus dem Ersten und die deutschen Gräuel aus dem Zweiten Weltkrieg zu überwinden, sah mich schon mit einer krisenfesten Anstellung in Brüssel oder Straßburg. Ich selbst hatte damals schon andere Pläne, war aber überrascht, wie ernst die Priester meine Filmbegeisterung nahmen. Was mich mit den jungen Franzosen verband, war unsere Liebe zum amerikanischen Kino (auch heute noch der größte gemeinsame Nenner der Europäer). Die Jesuiten lehrten mich Literatur und Philosophie, an der Sorbonne kam Économie politique dazu, die Straße lehrte mich den Algerienkrieg, den die FLN in die Metropole getragen hatte.

Aus dem kurzen Sprachaufenthalt von drei Monaten wurden zehn Jahre. Die Nächte in der Cinémathèque, die Lehrjahre bei den Regisseuren Melville und Malle vervollständigten meine Assimilation. Natürlich trug ich einen existenzialistischen Rollkragenpullover, trank schwarzen Kaffee, rauchte Gauloises und mein Schnurrbart datiert auch von damals. Doch je mehr ich mich assimilierte, je mehr sprachen meine Freunde mich als Deutschen an. Mir wurde klar, dass ich nie und nimmer Franzose sein würde, immer das bleiben würde, was ich so ungern war.

Kulturell war Europa damals eine Einheit, von der man heute nur noch träumen kann. Zunächst lag das an der Dringlichkeit, mit der alle die vergangenen, noch so präsenten Kriege überwinden wollten. Dazu gehörte das Lernen der Sprache der anderen, wie mein Beispiel zeigt. Dazu gehörte der Austausch der Ideen in der Literatur, deren Autoren Sartre, Malraux, Böll, Grass, Frisch, und Malaparte, so Pavese, weiter Gombrowicz, in allen Ländern übersetzt und gelesen wurden, als seien sie heimische. Ob Theater von Brecht, Giraudoux, Anouilh, ob Bergmans „Siebtes Siegel“, ob Buñuels „Diskreter Charme“, ob Fellinis „Dolce Vita“, ob Viscontis „Leopard“, ob Antonionis „Avventura“, ob „Außer Atem“ oder „Die Liebenden“ aus Paris, ob „Die Liebe einer Blondine“ aus Prag – es war ein und dasselbe Publikum in allen Ländern, die Kultur hatte einen gemeinsamen Markt, einen europäischen.

Wie kommt es, fragte ich mich beim Weg zur Wahl, dass wir heute zwar das gleiche Geld haben, die Bücher aber von Land zu Land immer weniger übersetzt werden? Wie kommt es, dass kaum ein Schüler mehr bereit ist, eine andere Sprache als die englische zu lernen? Wie kommt es, dass die Auslandsbesuche sich auf Ferienorte beschränken? Wie kommt es, dass die Filme im jeweiligen Nachbarland kein Publikum mehr finden? Im Schnitt hatten die europäischen Filmländer bis in die siebziger Jahre bei den Nachbarn jeweils etwa 20 Prozent Marktanteil, heute ist es noch ein Prozent. Bei der Literatur dürfte es ähnlich aussehen, von den Programmanteilen beim Fernsehen ganz zu schweigen. Hängt das dialektisch irgendwie zusammen, dass die Kulturen sich einschließen, wenn die Waren- und Geldmärkte sich öffnen?

Und was sagt das Europaparlament dazu? Inzwischen war ich nämlich vor dem Wahllokal angekommen. Um mich zu motivieren, zählte ich mir noch auf, in wie vielen europäischen Ländern ich gearbeitet hatte in den letzten Jahren – es waren acht. In wie vielen Ländern ich regelmäßig Steuererklärungen abgebe – drei. Wie viele Wohnsitze ich da habe – dito. Wie viele Sprachen ich spreche – fünf (sorry). Also, Europa, here I come. An die Urne!

Und da passierte es. Meine Beine trafen eine Entscheidung und traten unverrichteter Bürgerpflicht den Heimweg an. Ich versuche mich zu verstehen. Auf dem Weg hatte eine blonde Dame mit gnadenlosem Lächeln mir zugerufen, ich sei selbst der beste Politiker. Joschka Fischer hatte gegen jeden Anstand mit dem Finger auf mich gezeigt, was eigentlich nur Uncle Sam mit seinem komischen Hut darf. Viele Überschriften hatten mich daran erinnert, dass heute schon im Parlament in Straßburg, in dem mein Vater mich so gerne gesehen hätte, mehr entschieden wird als im Bundestag. Irgendwie muss ich alle diese Aufforderungen als Nötigung empfunden haben. Ich wollte keines dieser Gesichter als meinen Stellvertreter, ich wollte überhaupt kein zusätzliches Parlament, keine Behörden und vor allem nicht noch mehr Berufspolitiker. Meine Beine setzten dieses Unwohlsein in eine Entscheidung um.

Das ist ja das Schlimme, soll Sam Goldwyn mal gesagt haben, du kannst die Leute nicht zwingen, nicht nicht-hin-zu-gehen – an die Kinokasse. Das Publi­kum hat eine Nase für das, was es sehen will, und vor allem für das, was es nicht sehen will. Seine Entscheidung ist un­fehl­bar. Jeder Einzelne ein Idiot, alle zusammen ein Genie, so definierte Billy Wilder das Publikum. Insofern gehöre ich zur Hälfte der Deutschen und den zwei Dritteln der Europäer, die jeder Einzelne ein Idiot sind, zusammen das Genie, das sich dieser Wahl verweigert hat. Sicher erklären die Politiker sich das Fehlen des Publikums bei der Wahl wie wir Filmleute uns einen Flop erklären: Die Leute sind nicht hingegangen, weil zu schönes Wetter war, weil’s geregnet hat, weil das Plakat nicht gut war, weil es zu kurz vor Weihnachten war und sie lieber Geschenke kauften, weil es zu kurz nach Weihnachten war und das Geld weg, weil Fußball oder Grand Prix, weil die Presse nicht genug für den Film geworben hatte usw. Wieso sollen aber die Nichtwähler ein Genie sein? Was haben sie gespürt, das sie fern hielt? Ein Informationsdefizit? Ich fürchte eher, sie wussten zu genau, um was es da geht. Ist es vielleicht wie mit der Russischen Revolution, der wir 1917 alle mit der gleichen Begeisterung zugejubelt hätten, mit der wir sie 1989 zu Grabe getragen haben? 1917 sah es nach einer guten Idee aus, 70 Jahre später hatte die Utopie sich verbraucht. Was blieb, waren Apparate und Bürokratien. Könnte es sein, dass die Nichtwähler Angst hatten, es könnte uns mit der EU auch so gehen?

Vielleicht hat Europa ja seine großen Ziele schon erreicht: Ein Krieg zwischen Deutschland und seinen Nachbarn ist nicht mehr vorstellbar. Nach fast einem Jahrtausend solcher Kriege ist das mehr als die Erfüllung einer Utopie. Jedenfalls mehr als alles, was ich mir als Junge bei der Ankunft auf dem Bahnhof in der Bretagne erträumte. Zum Zweiten hat die EU es geschafft, die Folgen des Kalten Krieges zu verkraften. Als die Mauer fiel und die Staaten in der Mitte und im Osten des Kontinents nach einem anderen Dach suchten als dem sowjetischen, hat die EU sie aufgenommen. Dem westlichen Rumpf-Europa fehlte jede historische Legitimität. Erst die EU der „26 und mehr“ ist die Erfüllung dessen, was sich seit Charlemagne das christliche Abendland nennt. Drittens haben wir keine Grenzer mehr, einen gemeinsamen Markt und den dazu gehörenden Euro. Das ist alles großartig und ging ohne gemeinsames Parlament. 

Gleichzeitig mit diesen Errungenschaften entstand aber auch die Erkenntnis, von keinem ausgesprochen und doch von der genialen Intuition der Wähler erfasst, nämlich dass kein Land je auf seine Souveränität verzichten wird. Will es seine Eigenart und seine Sprache behalten, will es einen Einfluss auf das Tagesgeschehen in seinem Lande behalten, will es bürgernahe Politik machen, dann darf es seinen Willen nicht an ein diffuses, aus „26 und mehr“ Ländern beschicktes Parlament abtreten.

Diese Überzeugung haben alle die aus­gedrückt, die nicht zur Wahl gegan­gen sind. Weil sie gemerkt haben, dass eine Grundvoraussetzung für eine ge­mein­same europäische Regierung nie er­füllt werden wird, nämlich die Abschaffung der nationalen Regierungen. Dass also zusätzlich zu allen real existierenden Apparaten und Behörden noch eine Megabehörde im Entstehen begriffen ist, sozusagen als immense Arbeitsbe­schaf­fungsmaßnahme für Politiker und Beamte, mit all den französisch-zentra­listischen Reglementierungen, den deutschen DIN- und TÜV-Vorschriften, sowie allen bürokratischen Wucherungen und Nomenklaturen, von denen die neuen Staaten im Osten sich gerade befreit haben.

Ich jedenfalls kann meine geradezu körperliche Unfähigkeit, das Wahllokal zu betreten, ich kann diese Weisheit meiner Füße nur verstehen als Weigerung, einen solchen Unsinn weiter mitzumachen. Jetzt umdenken, damit es unserem Europa nicht eines Tages so geht wie der Russischen Revolution. Genügt nicht ein Pakt unter Freien, eine Art Rütli-Schwur der Regierenden, um mit einer Stimme zu sprechen. Ein Commonwealth auf die britische Art, ohne Gesetze und Verfassung, auf Jurisprudenz und Erfahrung gestützt? Ein Europa, das Regeln und Institutionen abschafft, statt immer byzantinischere Richtlinien in qualvollen Kompromissen zu etablieren?

Ein Kontinent, wo Wirtschaft und Kultur supranational sind, Politik und Verwaltung aber regional und national, wäre das nicht eine Vision, für die sich auch das Publikum, sprich die Wähler, wieder begeistern könnte? Das Fundament ist heute grundsolide, sozusagen in Beton gegossen. Muss da nun unbedingt ein so bombastisches Gebäude drauf wie die französische Nationalversammlung mit ihren Säulen und Kolonnaden, wie alle Staatsgebäude seit der bürgerlichen Revolution, die sich bis hin zum letzten Amtsgericht ihre obrigkeitliche Würde von griechischen Tempeln und katholischen Kirchen liehen? Genügt es heute nicht auf dem bereits geschaffenen Fundament ein virtuelles Haus zu errichten, in dem sich ein Netzwerk entfaltet, das die Ämter elektronisch verbindet? Für ein zeitgemäßeres europäisches Gebäude dieser Art wüsste ich auch meine störrischen Füße beim Gang zur Wahl auszutricksen. Durch Briefwahl oder noch besser durch Wahl per E-Mail.