Kolumne

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Brief an den Cicero Salon

06.02.2008

Brief an den Cicero-Salon aus dem Herzen Afrikas

Glücklich wer eine Reise macht in Ferne Länder. Noch glücklicher, wer mit Bundespräsident Köhler reisen darf, ins Herzen Afrikas, nach Ruanda und Uganda. Doch Deutschland reist mit. In einem Flüchtlingslager im Norden Ugandas sitzt der Präsident mit ein paar ehemaligen Kindersoldaten/innen unter einem Baum. Sie erzählen Unvorstellbares, vielmehr auch uns Bekanntes aus Simplizius Simplizissimus, von Verschleppten, Verhackstückten, Vergewaltigten. Die Emotion überträgt sich. Er läßt es zu. Der Mund ist trocken, die Augen sind naß. Die Zwölfjährige hat einen Wunsch frei: Sie möchte zur Schule gehen. Schulen gibt es keine, vor allem keine Lehrer. Eine Oma, die am Boden sitzt, wohl keine fünfzig Jahre alt, sagt, sie sei nun schon neun Jahre in dem Lager. Wenn der Frieden bald sicher sei, wolle sie gerne zurück zu ihrem Gehöft, vielmehr zu dem Mangobaum, der wohl das Einzige sei, was davon übriggeblieben sein dürfte. Sie habe aber viele Enkel und ein paar Waisen, um die sie sich kümmere. Ob sie denn für den Umzug wohl eine Wolldecke bekäme. Der Präsident ist erschüttert, er sagt dem Mädchen wie der Oma, daß sie nicht allein seien, daß das deutsche Volk, „the people of Germany", mit ihnen sei. Er wird sehen, was er tun kann, verspricht er. Er selbst sei zwar ein Präsident, aber ein Budget für Schulen oder Lehrer habe er nicht, auch keine Kasse für Wolldecken ... ist er selbst gar ein Simplizius Simplizissimus, ein Candide im Busch? Das fragen mich mitreisende Journalisten. Ich denke: Lieber das als ein Zyniker. Er trägt keinen emotionalen Panzer, seine Worte drücken Gefühle aus, er macht sich verwundbar und angreifbar. Die Journalisten möchten herausbekommen, ob er zu einem zweiten Mandat antrete? Was ein deutscher Präsident im Busch zu tun habe, in unsicherem Gebiet irgendwo an der Grenze zum Südsudan? Ob er ein deutscher Jimmy Carter sei? Warum nicht?! Vielleicht ist er ein Glücksfall für uns. In Afrika wird mit Emotion mehr erreicht als mit Investition. Nachhaltig? fragt der Journalist, der in ihm einen „Missionar" sieht und nicht weiß, ob er es als Auszeichnung oder Kritik meint. 
Vor der Landung in Kampala - das ist die Hauptstadt von Uganda - teilte uns der Luftwaffenoffizier aus dem Cockpit mit, - wir fliegen übrigens mit der deutschen AIR FORCE NUMBER ONE, ein bescheidenes Erbstück aus Honeckers Nachlaß - daß die Temperatur 29 Grad betrage - die Feuchtigkeit erwähnt er nicht - und daß es in Ruanda, unserem nächsten Ziel, gerade ein heftiges Erdbeben gegeben habe.
Es waren aber nicht diese Schockwellen, die die Gastgeber des hohen Staatsbesuchs so erschütterten, sondern die Nachwehen der Wahl im Nachbarland Kenia. In Uganda ist nämlich vor ein paar Jahren das Mehrparteiensystem eingeführt worden. Bis dahin hatte eine Partei genügt. Wer eine andere Regierung wollte, zog sowieso die Kalashnikoff der Urne vor. Nun aber war man seit sechs Jahren dabei, Parteien aufzubauen. Hilfe aus dem hohen Norden gab es reichlich: die Adenauer-Stiftung hatte Erfahrung mit dem Erbe des christlichen Abendlandes als Parteimantel zu bieten, die Friedrich-Ebert-Stiftung, ebenso emsig, sah die Zukunft der Sozialdemokratie im Busch, beide waren sich mit anderen einig, daß Parteien mit Programmen und festem Apparat für eine Demokratie unerläßlich seien. Denn sonst könne erneut das Ungeheuerliche geschehen, was sich ein Abgeordneter hier kürzlich geleistet hatte: er weigerte sich, Direktiven der Parteizentrale zu folgen, mit dem Hinweis, er sei nur seinen Wählern gegenüber verantwortlich. Klingt ironisch, ist aber ernst gemeint: natürlich werden Institutionen wie Parteien gebraucht. Nur ob sie tatsächlich ideologische Programme brauchen, die auch bei uns mehr auf dem 19. Jahrhundert als auf der heutigen Welt basieren? Was sollen diese Begriffe in Afrika? Links, rechts und Mitte teilte man mal in Paris das Halbrund des Parlaments auf, dem würde in Afrika eher ein ethnischer Fleckerlteppich entsprechen ... Der Schock, der hier die Politik erschüttert, kam aus dem Nachbarland Kenia. Dort hatte man ein Mehrparteiensystem etabliert, sehr aufgeklärte Wähler hatten tage- und stundenlang die Wahllokale belagert, um ihre Stimme abzugeben, aber dann haben die Politiker sie im Stich gelassen. Und nun Bürgerkrieg als Ergebnis freier Wahlen? Nun fragen sich die Ugander (und andere), ob es eine gute Idee ist, mehrere Parteien zu haben. (Auch wir fragen uns ja, wie viele genug sind.) Denn wo es mehrere Kandidaten gibt, verliert einer - und greift zur Kalashnikoff. Auch die Massaker der Hutu an den Tutsis sind auf eine Zeit des Mehrparteiensystems gefolgt. Der Präsident wagt laut zu denken, daß Afrika vielleicht eine eigene Spielart der Demokratie brauche, keine Imitation der unseren. Parlamente haben hier ohnehin wenig Rechte. Statt abzustimmen, sollten sie reden. Palaver ist wichtig. Sind die „Murmurationes" der Jesuiten, dieses Gemurmel, um einen neuen Oberen zu finden, nicht auch Palaver. Ist es nicht besser, solange zu reden, bis man sich auf einen Kandidaten geeinigt hat - durch lautes Murmeln. Der Kenia-Schock löst solche Überlegungen aus. 
In Ruanda ist heute 1958, das heißt, es ist dreizehn Jahre nach dem Genozid, so wie es dreizehn Jahre nach 1945 war, als ich Abitur gemacht habe. Die Achtzehnjährigen - sie sind 50% der Bevölkerung - stellen dieselbe Frage, die wir einmal gestellt haben, und die zu 68 geführt hat: „Wie war das möglich?"
Die Hälfte der 800.000 Täter hat sich „Versöhnungsgerichten" gestellt. Deutschland leistet Hilfe mit dem Begriff Vergangenheitsbewältigung, auch mit dem Beispiel der Ost-West-Integration, so denn beides vorbildlich sei ...
Es ist der erste Besuch eines deutschen Staatspräsidenten in dem Land, das einmal eine deutsche Kolonie war, und dessen erster Gouverneur danach ein jüdischer Arzt war. Ist es etwa ein Fehler, sich auch für dieses Land einzusetzen? Simplizius? Jimmy Carter? Sparkasse? Gehen diese Unterstellungen nicht an etwas vorbei, womit wir sonst nicht in der Politik gesegnet sind: einem sehr sympathischen Menschen, besser: einem Menschen.

Allen Salon-Gästen einen Gruß aus
KIGALI, RUANDA 6.2.2008
VOLKER SCHLÖNDORFF