Kolumne

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Berliner Lektion

09.11.2008 Von: Volker Schlöndorff

Wozu braucht der Mensch eine Identität? 
Das ist keine Frage, die ich mir stelle, folglich werde ich sie auch heute nicht beantworten. Es ist eher ein Ausruf, es ist jedenfalls Unmut, der sich in diesem flapsigen, natürlich nicht ernst gemeinten Titel äußert.

Unmut über das Verlangen, ja, das Einfordern einer Identität, als ob man ohne eine solche ein Niemand wäre, ein Kleidungsstück ohne label etwa. Unmut aber auch über die angebliche Bedrohung der Identität. Die Beschwörung der kulturellen Identität und schließlich das Klagen über den Verlust derselben ist mir zuwider. Im Gegensatz zur Jungfräulichkeit, die man in der Tat verlieren kann, scheint mir Identität eher etwas, das man allmählich gewinnt.

Anhand meiner Autobiographie will ich mir heute die eigene Geschichte vornehmen, unter dem Vorwand, meine oft verlorene und noch öfter wiedergefundene Identität zu suchen, - in Wirklichkeit, um Sie ein Stündchen zu unterhalten.

Im Ernst: nicht nur für Philosophen gilt das ERKENNE DICH SELBST, sondern auch für Künstler. Nur drücken wir es selten in Worten aus, und wenn wir es doch tun, ist es oft "peinlich". Das Risiko nehme ich jetzt auf mich:

Ich weiß nicht, ob ich jemand war, als ich geboren wurde, kann aber mit Sicherheit und mit Raymond Queneaus ZAZIE sagen, la vie m'a fait ce que je suis, das Leben hat mich zu dem gemacht, was ich bin. 
(Es geht jetzt also ums WERDEN , nicht ums SEIN.) Um zu WERDEN, was ich BIN, mußte ich viel Wandern, im buchstäblichen Sinn,
 - Wanderlust is my middle name - 
und viele Wandlungen durchlaufen.
Musikalisch ausgedrückt, hat mein Leben mit einem starken Auftakt begonnen und dann aus einem nimmer enden wollenden Verklingen dieser ersten Noten bestanden.


 ERSTENS: Als ich noch ein NIEMAND war


Eine junge Frau beugt sich über einen kleinen Knaben, sie strahlt eine nachdenkliche Freude aus. Er himmelt die Mutter ebenso innig an. Der Schnappschuß zeigt die beiden auf einer Holzbank am Waldrand. Es ist wohl der berühmt schöne Sommer 1939. Sechs Jahre später sieht der Junge aus eben dem Wald hinter der Bank die Amerikaner kommen - eine meiner ersten Erinnerungen überhaupt. Die junge Frau, meine Mutter, war da schon seit einem Jahr tot, ihr Bild ist daher für immer jung geblieben. 
Ich war ihr erstes Kind, bald gefolgt von Detlef - unsere Namen sagen viel über die Zeit -, wogegen unser großer Bruder, geboren 1932 in einer erster Ehe, gut christlich wie sein Vater und dessen Väter zuvor, Georg hieß. 
Keine Erinnerung an die Bombennächte im Luftschutzkeller, obwohl es viele gewesen sein müssen. Wir wohnten in Biebrich, einem industriellen Vorort von Wiesbaden. Hier lagen die Kalle Chemie-Werke, die Dyckerhof Zementwerke und auch kriegswichtig: die Henkell Kellerei.
Das dreistöckige Backsteinhaus, das mein Vater als Wohnung für seine Familie und für seine Hals-Nasen-Ohren-Praxis erworben hatte, lag in unmittelbarer Nähe der Staub und Chemiegestank verbreitenden Schornsteine, die dafür sorgten, daß es reichlich Beschwerden der Atemwege, sprich Patienten, gab.

Eines Nachts muß ein Einschlag den Dachstock, die Fenster und die Türen weggefegt haben. Wir waren ausgebombt und zogen aufs Land. Das war im Frühjahr 1944 und eigentlich nicht so schlimm, denn ein paar Wochen zuvor war etwas so Entsetzliches geschehen, daß der Umzug eine Wohltat war. 
Während unser Vater im Parterre Sprechstunde hielt, kochte unsere Mutter in der Küche auf offener Gasflamme Bohnerwachs, mein einjähriger Bruder Detlef und ich spielten im Treppenhaus. Plötzlich war großes Geschrei. Dichter Qualm kam aus der Küche. Ein Funke hatte das flüssige Wachs mit einer Stichflamme explodieren lassen. Lichterloh brennend stand Mutti in der Küche. Ich weiß, es klingt wie ein Bild aus dem Struwwelpeter, denn so habe ich es mir vorgestellt. Gesehen habe ich es nicht. Jemand hatte uns ins Kinderzimmer gesperrt. Ich erinnere nur, wie ich mit meinen kleinen Fäusten an die verschlossene Tür trommelte, hinter der sich so Schreckliches ereignete - und noch Jahrzehnte später habe ich den verzweifelten Oskar ebenso vergeblich an die Toilettentür schlagen lassen, hinter der seine arme Mama, Agnes Matzerath, an Fischvergiftung verschied. Ich weiß nicht, ob auch ihre letzten Worte waren: "Jetzt ist alles, alles aus"?

An den Umzug von Biebrich am Rhein nach Schlangenbad im Taunus erinnere ich mich deshalb besonders gut, weil er von einer starken Emotion begleitet war. Unendliche Trauer, wie bei einer schmerzhaften Trennung, erfaßte mich erst an diesem Tag. War es der eigentliche Abschied von Mutti, von der Kindheit oder die erste von vielen weiteren Entwurzelungen? 
Aus den Ruinen der zerbombten Stadt ging es über die Äppelallee an Dotzheim vorbei Richtung Martinsthal. An der Straße blühten die Kirschbäume, die Weinberge zogen sich rechter Hand nach Frauenberg hinauf, links talwärts nach Nieder-Walluf, vor uns auf dem Berg war die fünfzackige Silhouette der Kirche Rauenthal zu sehen.

Diese Details haben sich mir überdeutlich eingeprägt, doch das Idyllische war kein Trost, eher vermehrte sich mit jedem Kilometer das Gefühl eines Verlusts. Zwischen den Möbeln auf einem Pferdefuhrwerk sitzend, nahm ich nicht viel mehr wahr als das unerklärliche Gefühl, daß die Landschaft nicht zu meiner Stimmung paßte - und bei jedem der zahlreichen Umzüge in meinem Leben, oft sogar beim Kofferpacken in Hotelzimmern, sehe ich plötzlich diese staubige Straße, die Weinberge und die blühenden Kirschbäume vor mir.

Ein Jahr lang zog sich der Krieg noch hin, nachts dröhnten die Bombergeschwader über uns. Die Scheiben unserer noch unverkitteten Fenster klirrten zwischen den dünnen Zimmermannsstiften. Zwei- oder dreimal ging eine Bombe im Wald, ganz in der Nähe, nieder. Einmal schoß die Krupp Acht-Acht auf dem Bärstadter Feld einen Bomber ab, der mit aufheulenden Motoren ins Adelheidthal stürzte. 
Meist hörten wir nur aus der Ferne das Beben der Einschläge.
Bombenteppiche, hieß es, wurden abgeworfen. An lauen Sommerabenden durften wir mit auf die Kuppe des Schäferkopfes, von wo man am Horizont Mainz so lichterloh brennen sah, daß man - wie es hieß - dabei hätte Zeitung lesen können. Ob wir dabei an Menschen dachten, die wie unsere Mutter dort verbrannten, weiß ich nicht.


Zuletzt tauchten desertierende Soldaten auf, die ihre Waffen in von Regenwasser gefüllte Bombentrichter warfen. Andere hoben in der Kurve vor unserer Hütte einen Graben für ein letztes MG-Nest aus, und unser Vater überzeugte sie mit ein paar Flaschen Riesling zu einem mürrischen Abzug. Es sei doch alles aus, rief er ihnen nach. Es war also nicht nur für Mutti alles aus, es war für alle alles aus. 
 Das war der Grundton. 
Irgendwie müssen wir gespürt haben, daß die Erwachsenen am Abdanken waren, und daß bald die Stunde der Kinder schlagen würde. Es war die Geschichte mit einem großen "G", die sich meiner Identität annahm. Ich sollte weder ein KRIEGS- noch ein WAISEKIND sein und wurde

ZWEITENS: ein HESSEBUB mit amerikanischem Einschlag.

Ein paar Wochen nach meinem sechsten Geburtstag wurden eilig weiße Bettlaken aus den Fenstern gehängt. Als es endlich hieß „sie kommen!", versteckten wir uns im Wald.
Nicht über die breite Landstraße aus dem Rheingau, sondern über den holprigen Feldweg, der über den Berg in das Bauerndorf Bärstadt führte, zogen die Amerikaner bei uns ein. Auf Jeeps, schweren Lastern und Panzern saßen sie und hielten Ausschau nach den gefürchteten Werwölfen. 
Was uns Kinder beeindruckte, waren die Fahrer der Lastwagen. Sie waren schwarz, sahen aber ganz anders aus als der kleine Mohr auf der Sarotti Packung. Groß, übergewichtig und mit Furcht erregenden weißen Zähnen kamen sie uns wie Supermänner vor. Schnell machten wir uns einen Reim auf ihren Sonderstatus. Nur Männer so groß und stark wie sie konnten diese Ungetüme steuern. Jahrzehnte später erfuhr ich von Arthur Miller, daß die US Army erst im Koreakrieg integrated wurde. Im Zweiten Weltkrieg kämpften weiß und schwarz noch streng getrennt voneinander, die Schwarzen wurden vor allem in den transport bataillons eingesetzt - als Fahrer eben.
 Es dauerte nicht lang, bis jeder von uns unter den blutjungen GIs aus Iowa, den Dakotas und Nebraska seinen Ami hatte. Diese Kerle, die unsere Eltern besiegt hatten, waren dadurch unsere natürlichen Verbündeten. Gerade weil sie sich so gar nicht als Sieger aufführten, weil sie so gar nichts gemein hatten mit den verbitterten, abgerissenen Gestalten, die in den Tagen und Nächten zuvor, noch auf den Endsieg hoffend, an uns vorbeigezogen waren, gefielen uns die GIs. Der chewing gum, die Hershey bars und die butterfinger taten den Rest.

Die Erwachsenen dagegen lebten in großer Furcht vor den Besatzern. Die Welt der Jugendlichen und die der Erwachsenen sollte in den nächsten Jahren immer weiter auseinander driften, in Deutschland im Allgemeinen, bei uns in Schlangenbad im Besonderen. Mit Staunen entdeckten wir die neue Welt. Wir interessierten uns für ihre Waffen und Fahrzeuge, sie sich für unsere Fahrräder und Schwestern. Die ersten Worte, die wir zu ignorieren lernten, waren off limits und no fraternisation. 
 Ich war sechs und trug Lederhosen. Noch ein ganzes Jahr lang gingen wir nicht zur Schule. Eines Tages im Hochsommer ging die Nachricht von der ersten Atombombe von Mund zu Mund. Wir saßen auf einer Mauer und ließen uns erklären, daß diese Wunderwaffe, die mit einem Schlag eine ganze Stadt ausgelöscht hatte, „nicht größer als ein Apfel sei." 
 Ein paar Tage später fuhr ein Jeep wild hupend durch die Obergasse, und wir Kinder liefen schreiend nebenher. „Der Krieg ist aus, der Krieg ist aus", skandierten wir im Rhythmus von „Der Wolf ist tot, der Wolf ist tot". Wir liefen einfach zum Feind über, der sich um kein „Betreten verboten" kümmerte, auf Rasen und Blumenbeeten herumkurvte, ein Bein cool aus dem Jeep baumelnd. 
 Die Zivilisation der Amerikaner hatte uns einfach mehr zu bieten, als 'das deutsche Erbe' der Eltern und Lehrer. Im Boys-Club wurden wir desinfiziert, dann gab es Ping Pong, die erste Apfelsine, riesige Baseballhandschuhe und später das erste Rennen mit selbstgebauten Seifenkisten. 
 Ohne mein Zutun, ohne es zu bemerken, war ich, zu einem amerikanisierten Hessebub geworden. Doch auch diese neue Zwiebelhülle sollte bald von einer anderen überlagert werden, einer fast virtuellen, denn aus der real existierenden Bildungswelt des humanistischen Gymnasiums flüchtete ich in eine literarische.

DRITTE IDENTITÄT: Ein Leser

Um uns herum veränderte sich das ganze Land: Grundgesetz, Währungsreform, die DM, Gewerbefreiheit. Der Wiederaufbau begann, unterstützt von den riesigen Lastern des Marshallplans, die uns von allen Plakatwänden entgegenrollten. Die Ruinen wurden abgerissen, schnell aus Hohlblocksteinen hingeklotzte Sozialbauwohnungen füllten die Lücken. Die Schornsteine der Dyckerhoff Zement-Werke spieen wieder dicke Staubwolken aus. Auch die Henkell Kellereien produzierten wieder Sekt, mit dem die Bürger des Wirtschaftswunders die Brände ihres Gewissens löschten. Die meisten empfanden sich inzwischen nicht mehr als Täter, sondern als Opfer der Nazizeit.

Rowohlts-Rotations-Romane wurden meine Zuflucht. Kaum mit dem Schulbus zurück in unsere Hütte gekommen, fletzte ich mich in den Ohrensessel, der zusammen mit einem kompletten Biedermeier-Wohnzimmer rechtzeitig vor den Bomben gerettet worden war. Dieses anachronistische Möbelstück wurde mein Fluchtvehikel aus der Enge unseres Tales. Karl May habe ich übersprungen, fing gleich an bei Hans Dominiks Zukunftsromanen, den Sagen des klassischen Altertums und dem Kampf der Tertia. Die Jahre flogen dahin, und ich saß immer noch in dem Sessel, nun bei Balzac und Dostojewski angekommen. 
 Mir ging es nicht um Abenteuer; Bücher interessierten mich, je mehr ich mich in ihnen wieder fand. Ich brauchte Autoren, die mich bestärkten in dem, was ich nur ahnte, noch nicht selbst zu denken wagte. Ich suchte Andere, die mein Lebensgefühl teilten, um mich aus der Einsamkeit zu befreien. 
 Selbst Erlebtes erschien mir nicht immer wichtig, Leseerlebnisse dagegen waren regelrechte Offenbarungen: erst wenn ich meine Gefühle in der Literatur wieder fand, begann ich sie ernst zu nehmen. Umgekehrt erlebte oft ich beim Lesen um Jahre im voraus, was mir erst später zustieß. Es hat mich immer interessiert, zu erfahren: wie machen es die anderen? Bald entwickelte ich ein Gespür für den magischen Moment, wo ein Buch sein Geheimnis preis gibt, wo bestimmte Sätze plötzlich so vibrieren, daß man spürt, wegen diesem Satz, wegen dieser Situation hat der Autor das ganze Buch geschrieben... 
 Das Amerikahaus bot Hemingway und den schwer lesbaren Faulkner, die neuesten Zeitschriften und vor allem Jazz - auf Platten und live. IN EINEM ANDEREN LAND und WEM DIE STUNDE SCHLÄGT waren meine Lieblingsromane, zeigten sie doch, daß man Soldat auch anders sein konnte, als wir es von unseren Landsern kannten. Wenn man auf der richtigen Seite kämpft, muß man eben nicht zynisch oder heldenhaft-todessüchtig sein. Die nüchterne Art, mit der Gary Cooper das im Film darstellte, übertraf noch die Prosa Hemingways, vor allem, wenn Ingrid Bergman in seinen Schlafsack kletterte.

Und damit war ich - schon damals über die Literatur - beim Kino angelangt. Nach der Schule schlich ich mich ins Roxy, Rio, Apollo oder Walhalla. Deutsche Filme mied ich, ging in Krimis und Western. Die galten als Schmutz und Schund, weshalb sie mir um so wertvoller waren. Außerdem kamen sie aus dem gelobten Land, aus Amerika. 
 FENSTER ZUM HOF mit James Stewart und der betörenden Grace Kelly war ein erstes Erlebnis, bei dem Angst und Erotik eine verwirrende Verbindung eingingen. DIE BARFÜSSIGE GRÄFIN war schon leichter zu deuten, spielte Humphrey Bogart doch einen Filmregisseur, der taktvoll auf strengem Abstand zu seinem Star Ava Gardner bestand - womit er womöglich mein späteres Verhalten in diesem Punkte prägte. Aber auch weniger bedeutende Filme wie BLACKBOARD JUNGLE oder französische Krimis mit Gabin beeindruckten mich. Auf die Namen der Regisseure habe ich damals noch nicht geachtet. Erst als ich Cocteaus ORPHEE und LE SANG D'UN POETE sah, wurde mir Mal klar, daß es so etwas wie Filmsprache gab, und zwar sehr verschiedeneje nach Autoren und Ländern.
 In diese Länder wollte ich reisen, das Gymnasium verlassen und zum Film. --- Der Vater war stärker.  
Da entdeckte ich hinter dem Amerika-Haus einen Pestalozzi-Verein, der dreimonatige Sprachaufenthalte in Frankreich vermittelte. Dagegen konnte der Vater wohl nichts einwenden, und als er die bescheidenen Gebühren sah, stimmte er tatsächlich zu. Frankreich war zwar nicht Amerika, aber näher. Etwas trieb mich, fortzugehen, und die nächste Identität sollte die erste selbstbestimmte sein.

VIERTENS: FRANZOSE 
 
Welcher Wille war in mir am Werk? Ich weiß es nicht. So wenig ich ahnen konnte, wie mein Leben durch diese Reise verändert würde, so wenig will ich sie dem Zufall zuschreiben. 
Eines frühen Morgens trat ich mit einem großen Koffer voll Wäsche die achtzehnstündige Bahnfahrt an. Je weiter der Zug in Frankreich eindrang, je lebhafter wurden die Unterhaltungen im Abteil, und ich schnappte erste Worte auf, vor allem ein sehr spezielles „keske", das sich mir später entschlüsselte als "qu`est-ce que c'est?": was-ist-das-was-da-ist? Eine sehr banale Floskel und ein philosophisches Problem in einem.

Auf dem schon wieder dunklen Bahnsteig in Vannes, in der Bretagne, erwartete mich ein Priester in schwarzer Kutte und mit einem flachen römischen Hut. Es war ein Jesuiteninternat, das ich mir nichts ahnend ausgesucht hatte. Am nächsten Morgen erwachte ich in einem Schlafsaal mit 110 Betten, ohne die geringste Erinnerung, wie ich vom Bahnhof dorthin gekommen war. Niemand nahm von mir Notiz. Es war der erste Schultag nach den Osterferien, Schüler kamen und gingen, ein Neuer fiel da nicht auf. 
Ich folgte der Routine der Anderen, Waschen mit bloßem Oberkörper an den blechernen Trögen, die sich mit tröpfelnden Wasserhähnen durch die ganze Länge des Raumes zogen. Besuch der Toilette an dem einen Ende, Treppe runter am anderen Ende des endlosen Schlafsaals, durch Korridore in einen Speisesaal, wo Baguette und Marmelade auf dem Tisch warteten, dazu eine sehr schwarze, aber fast koffeinlose heiße Brühe. Ohrenbetäubendes Gebrüll der Schüler, Getöse der Blechkannen aus der Kantine, kurz darauf absolute Stille in dem uns zugewiesenen Studienraum.
 Zwölf oder vierzehn Jungens, die ältesten so alt wie ich, saßen da, jeder an einem einfachen Schreibtisch, vor ihren Heften. Wir beäugten uns wortlos. Ein hell-wacher Brillenträger, die Haare kurz geschoren, namens Jacques Chuto, stellte sich als Chef d'Equipe vor, und fragte mich, ob ich der Alemanne sei. 
 Er brachte mich zu 'Picasso', wie er einen Pater Arnaud de Solages nannte. Der Flur, an dem die Zimmer der Priester lagen, war blank gebohnert. Wir mussten unsere Schuhe ausziehen und auf viereckigen Filzlappen weiterrutschen. Auch die schwarzen Männer in ihren wehenden Soutanen, die uns entgegen kamen, glitten auf solchen Filzlappen vorbei wie todernste Schlittschuhfahrer. 
 Lachend empfing mich 'Picasso' - tatsächlich ähnelte er dem Maler, weniger im Aussehen als im Temperament. Ansonsten wirkte er vollkommen durchgeistigt, vor allem inmitten seiner engen, mit Büchern bis unter die Decke voll gestellten Zelle, in der es außer einem Tisch und zwei Stühlen keine anderen Möbel gab. Picasso sprach gebrochen deutsch. Er hatte gleich nach dem Krieg in verschiedenen Flüchtlingsorganisationen im Rheinland gearbeitet. Daß er sich auch in der Résistance ausgezeichnet hatte, verschwieg er. Da er verantwortlich für die Equipe-de-Théâtre sei, hätte er mich dieser zugeteilt. Deren Mitglieder hätte ich ja schon in dem Studienraum gesehen.
 So kam es, daß ausgerechnet ich, der ich kein Wort Französisch sprach, nachmittags unter der Regie von Picasso Theaterprobe hatte. Ich lernte die drei Sätze einer kleinen Nebenrolle, die ich - in schönster Ionesco-Manier - auch im Alltag einsetzte, so oft ich konnte. Picasso, unser Regisseur, war unglaublich leidenschaftlich, ernst und kein bißchen amateurhaft. Mal brüllte er Anweisungen aus einem alten Lehnstuhl im Zuschauerraum, mal sprang er über Bänke und Stühle auf die Bühne - wie eh und je Regisseure es tun (und wie ich es vor einiger Zeit in diesem Theater getan habe), um uns eine schmachtende Liebende vorzuspielen, völlig vergessend, wie komisch das in der Soutane wirkte.
- Ihr habt ja keine Ahnung von der Liebe. Wie die einen verzehrt, auffrißt, zum Wahnsinn treibt, fuhr er uns mit einem Schwall übelster Beschimpfungen an und fügte hinzu:
- Immerhin werdet ihr sie eines Tages erfahren...

Neben dem Theater leitete er auch den Filmclub, wo ich zum ersten Mal einen Stummfilm sah, die JEANNE D`ARC von Dreyer. Picasso erläuterte uns unter Tränen, wie mächtig Glaube sein könne, wenn er uns die Kraft gibt, im Feuer zu sterben, ohne Gott und die Menschen zu verfluchen.
 Nicht in den Filmclub, sondern in ein Kino in der Stadt ging eines Tages das ganze Internat, um den Film eines ehemaligen Schülers, des aus Vannes gebürtigen Alain Resnais zu sehen, nämlich den KZ-Film NACHT UND NEBEL. Natürlich hatte ich von den Lagern gehört, an eine konkrete Beschreibung, an Bilder oder Zahlen über den Holocaust kann ich mich aus dem Geschichtsunterricht in Wiesbaden nicht erinnern. Dieses Thema war im Adenauer-Deutschland tabu, an den Schulen, wie in der Gesellschaft. 
Deshalb war ich dem Schrecken der Bilder, die ich nun sah, weder geistig noch sonst wie gewachsen. Die damalige Wirkung von NACHT UND NEBEL ist heute unvorstellbar. Inzwischen werden diese Bilder ja tatsächlich inflationär, würdelos und wahllos zu Illustrationszwecken benutzt, sogar in Spielfilmen. Als Bildschnipsel werden die schrecklichsten highlights dieser Aufnahmen heute meist nur noch als Signale wahrgenommen, als eine Art Zeichen für Holocaust. Als aber damals das Licht im Saal anging, und ich der einzige Deutsche unter ein paar Hundert kleinen Franzosen war, die sich alle zu mir umdrehten, fiel es mir nicht leicht, aufzustehen. Ich sehe noch meine Schulfreunde, wie sie mir stumm oder mit Worten die immer selbe Frage stellten, die wir uns heute ein halbes Jahrhundert später, 
- UND BESONDERS HEUTE AM 9.NOVEMBER - 
immer noch stellen: 
- Wie war das möglich?
 
 War ich bis dahin in der Schule einfach einer von vielen, so wurden ab jetzt viele Gespräche mit der Floskel „Du als Deutscher" eingeleitet. Hatte ich bis dahin ein kleiner Franzose werden wollen, warfen meine Freunde mich zurück auf meine Deutsche Identität. Völlig zu Recht, wie ich fand. Ganz selten, eigentlich nie, waren ihre Fragen feindselig, meist einfach neugierig. Immerhin war es gerade mal ein Jahrzehnt nach Kriegsende, an den Stränden standen noch die für tausend Jahre gebauten Bunker, viele der Eltern hatten wohl kollaboriert, andere waren deportiert worden oder hatten Widerstand geleistet. 
Ich war gezwungen, eine eigene Haltung zu finden, mich in den Diskussionen gut und ohne Zerknirschung zu schlagen. Innerlich bin ich nie damit fertig geworden, und fast alle meine Filme, vom Erstling TÖRLESS bis zum NEUNTEN TAG, suchen immer noch die Antwort auf die Frage, die dieser Kinobesuch auslöste.


 Zum ersten Mal beteiligte ich mich also "als Deutscher" an politischen Diskussion, empfänglich für die Argumente der einen wie der anderen Seite. Der Kalte Krieg war auf einmal kein deutsches Problem mehr, und die Kolonialkriege kein französisches mehr. Meine Mitschüler aus Indochina, Afrika und dem Maghreb, verhalfen mir ausgerechnet hier, in Finisterre, am Ende der Welt, meinen Horizont zu erweitern.
 Das Interesse für Politik nahm dem für den Film nichts weg, im Gegenteil. Die Patres ermutigten mich: Statt Medizin, Jura oder sonst etwas studieren, sollte ich doch meine Wünsche ernst nehmen und zum Film gehen. Das hätte mir in Wiesbaden niemand gesagt. Kein Wunder, daß ich nach Ablauf der drei Monate nicht mehr nach Hause zurück wollte. Nun war es mein Vater, der als Sanitäter vor Verdun gedient hatte, der den Verdacht äußerte: "Du wirst uns von den Welschen entfremdet". Daß diese Welschen Katholiken waren, machte es ihm, dem Protestanten, nicht leichter. In einem zähen Kampf, per Briefe zuerst, dann während der Sommerferien von Angesicht zu Angesicht, gelang es mir durchzusetzen, daß ich in Frankreich bleiben durfte. Es war die entscheidende Schlacht meines Lebens: ich habe dort Abitur gemacht, studiert, Film und Einiges mehr gelernt. Nicht vorzustellen, wer oder was ich geworden wäre, ohne diese Kleinigkeit, die ja eigentlich nur ein Schulwechsel war.


 FÜNFTE WANDLUNG: Student in Paris
 
Frei, selbstbestimmt und unabhängig dank eines Stipendiums, stürzte ich mich auf das Studium und in die Politik, beides damals in Paris untrennbar miteinander verbunden. Das letzte Jahr vor dem Abitur war ein Fachjahr, das heißt, wir hatten eigentlich nur ein Fach, und ich hatte Philosophie gewählt. Es war nichts Philosophisches an diesem Studium, es ging hauptsächlich um das Lernen der verschiedenen Denkschulen, von den Vorsokratikern bis zu Sartre. Die Athletik des Geistes machte Spaß. Der Kopf funktionierte überraschend gut, auch mit schweren Gewichten konnte ich leicht jonglieren. Die Lehrer forderten mich wie gute Trainer. Ich wurde ins Rennen geschickt beim Wettbewerb aller französischen Schulen, dem Concours général, und gewann tatsächlich den Prix de Philosophie.

Am nächsten Tag war mein Bild briefmarkengroß in dem populären Millionenblatt Françe-Soir abgedruckt. Untertitel: 'Vor zwei Jahren sprach er noch kein Wort Französisch'. Im Interview erklärte ich selbstbewußt, ich wolle nicht studieren, sondern Filmregisseur werden. Und genau dazu verhalf mir dieser Preis der Philosophie. Louis Malles Drehbuchautor las die frechen Worte und schickte mich zu dem Regisseur mit einem Billet, worauf geschrieben stand: 'Mein lieber Louis, der Umgang mit einem Philosophen könnte dir nicht schaden.'
 Ich weiß, es klingt wie ein Märchen, aber ich wurde über die Jahre ein gesuchter Regieassistent bei eben dem Louis Malle, bei Alain Resnais und bei Melville. Ich wurde ein Profi und obendrein ein französischer, denn assimilierter als ich damals war, geht nicht --- dachte ich. Die Freunde belehrten mich eines Besseren: wir brauchen keine weiteren französischen Regisseure, von dir erwarten wir deutsche Filme. Schon wieder war es nix mit dem Identitätswechsel, jedenfalls nicht, was die Nationalität betraf, dafür erwarb ich mir ein anderes Etikett, das allerdings rein biologisch ein Vorübergehendes bleiben mußte:


 SECHSTENS: JUNGFILMER

Wieder einmal war es ein Buch, das mir den Wechsel von einem Land ins andere erleichterte. DER MANN OHNE EIGENSCHAFTEN begleitete mich durch diesen Herbst und Winter. Die gerade erschienene französische Übersetzung hatte ich in Paris entdeckt. Ein Jahr lang habe ich überhaupt nichts anderes gelesen als Musil. So wie er, wollte ich Gefühle zwar haben, mich aber nicht von ihnen überwältigen lassen. Lieber wollte ich den Wissenschaften, den Naturwissenschaften vertrauen und nach ihren Gesetzen mein Leben einrichten...
Wir sind hier Milliarden von Lebewesen, da ist es egal, was das eine oder andere dieser Lebewesen tut, alle diese Kräfte spielen letztendlich zusammen, um das Leben auf dem Globus zu erhalten. 
 „Man kann tun, was man will, sagte sich der Mann ohne Eigenschaften achselzuckend, es kommt in diesem Gefilz von Kräften nicht im Geringsten darauf an!" Ich bewunderte die elegante und undogmatische Art, mit der Musil ausdrückte, daß es keine absoluten Konsequenzen unserer Handlungen gibt. Auch ich habe unendlich viele Möglichkeiten, viele mögliche Eigenschaften, sodaß ich nie sagen kann: „ich bin ein für allemal dieser oder jener". Jedenfalls will sich sein Held Ulrich nicht auf eine Identität festlegen, denn das würde zwar Klarheit schaffen nach außen, ihn aber einengen auf eben diese oder jene Eigenschaft. 
 Na also, dachte ich, das ist es doch: Der Mensch braucht keine Identität, ein freier Mensch ist der, der sich auf keine Eigenschaft festlegen läßt. Das war Anfang der sechziger Jahre, und ich hatte bis dahin nur französische Vorbilder. Auf einmal entdeckte ich nun in der eigenen Sprache einen, der mir näher war als Camus und Sartre, der seine Philosophie ironisch und ohne großes Aufheben vortrug. Für Jahre zog ich mir eine schwere Musil-Vergiftung zu und kam für meinen Einstand als deutscher Regisseur auf das Naheliegenste, nämlich DIE VERWIRRUNGEN DES ZÖGLINGS TÖRLESS zu verfilmen.

Törless erlaubte mir, meine Internatserfahrungen einzubringen. Vor allem wollte ich anknüpfen an den deutschen Film der zwanziger und dreißiger Jahre, den ich in der Cinémathèque entdeckt hatte. Nicht bewußt war ich mir, daß die beobachtende, über alles erhabene, noch völlig unfertige Haltung des jungen Törless sehr meiner eigenen entsprach. 
 "Törless fühlte, dass alles, was er tat, nur ein Spiel war, nur etwas, das ihm half, über diese Larvenzeit im Internat hinwegzukommen. Ohne Bezug auf sein eigentliches Wesen, das erst dahinter, in noch unbestimmter zeitlicher Entfernung kommen werde".
 
Das war jahrelang mein Lebensgefühl gewesen. Musil half mir, mich zu verstehen. Törless ist zunächst nur Zeuge. Fassungslos beobachtet er, wie Basini sich demütigen lässt, wie sadistisch die anderen sich an ihm befriedigen. Als Törless schließlich empört einschreiten will, ist es zu spät. Durch das bloße Zuschauen ist er zum Komplizen geworden. Es wird ihm gedroht, ihn als Mittäter in die Sache hinein zu ziehen. Da er sich wegen seines voyeurhaften Vergnügens schuldig fühlt, gibt er klein bei.
All das erinnert an die Nazizeit, an die Praktiken der Machtergreifung, an die Reden Himmlers und an das Verhalten des aufgeklärten Bürgertums, das die primitiven Nazis nur überlegen beobachtete - bis es zu spät war. Insofern gibt diese Erzählung tatsächlich Auskunft auf die alte Frage: Wie war das möglich?

In Deutschland war einiges passiert, seit ich sieben Jahre zuvor nach Frankreich aufgebrochen war, und mit fliegenden Fahnen lief ich von den Welschen zu den Teutschen über, die am 28. Februar 1962 in Oberhausen „Papas Kino ist tot!" erklärt hatten. 
 „Wir erklären unseren Anspruch, den neuen deutschen Spielfilm zu schaffen... Der alte Film ist tot, wir glauben an den neuen..."
 Und ich war auf einmal kein Beobachter, kein Student und kein Assistent mehr. Gestern war ich noch der eine Mensch gewesen, nun würde ich ein anderer. "Da war nun etwas zum ersten Mal wie ein Stein in die unbestimmte Einsamkeit seiner Träumereien gefallen; es war da; da ließ sich nichts machen, es war Wirklichkeit" - hieß es bei Musil.


 'Der junge deutsche Film' war geboren. Woher der Ausdruck kam, weiß ich nicht, aber er war zutreffend. Innerhalb von ein paar Monaten starteten 1965 drei Filme: ES von Ulrich Schamoni, der alle Besucherrekorde schlug, Alexander Kluges ABSCHIED VON GESTERN im Herbst in Venedig und im Mai in Cannes DER JUNGE TÖRLESS.
 Das eigentliche Ereignis bei der Vorführung im Großen Saal habe ich allerdings verpaßt. Mein Freund, Meister und Co-Produzent Louis Malle hatte mich, kaum gingen die Saallichter aus, in die Blue-Bar entführt. Er war der Ansicht, das Publikum solle den Film ohne den Regisseur sehen. Eine Frage des Anstands; außerdem wirke es eleganter. Darauf tranken wir einen. 
 Louis und ich waren leicht angeheitert, als wir uns, kurz vor Ende des Films, im Dunkeln auf unsere Plätze zurück schlichen. Aufgeregtes Geflüster: wo ich denn gewesen sei?! Es hatte einen Skandal gegeben! Der deutsche Kulturattaché hatte den Saal unter lautem Protest verlassen: Das sei kein deutscher Film! Die Quälereien der Zöglinge ertrug er schwer, und als dann auch noch eine weiße Maus an die Mauer geklatscht wurde, war es zuviel für ihn. Er schrieb später zu seiner Rechtfertigung an das Auswärtige Amt: "Man kann sich nicht alles bieten lassen. Diese Szenenfolge hätte das ausländische Publikum zu einer Abwertung seines Urteils über den deutschen Menschen bringen können."
 Aus dem gleichen wohlmeinenden Grund hat Inter Nationes, zuständig für unsere kulturelle Repräsentanz im Ausland, den Film damals nicht für die Goethe-Institute erworben. Er galt den Diplomaten als Nestbeschmutzung. Der Internationalen Filmkritik war er einen Preis wert, und ich war da angekommen, wohin ich zehn Jahre zuvor aus dem Taunus aufgebrochen war: beim Film.

Wieder in Cannes, einige Jahre später, fiel mir dann die Palme für DIE BLECHTROMMEL zu. Dazwischen lagen die politischen Jahre, von 68 bis zum Deutschen Herbst, an denen wir uns so filmisch beteiligten, wie ich es zur Zeit des Algerienkrieges in Paris gelernt hatte, - und die mir eine weitere Identität einbrachte:


 SIEBTENS: SYMPATHISANT

Ein Aufschrei ging durch die Medien, und vor allem die Springerpresse setzte nach, als Heinrich Böll FREIES GELEIT FÜR ULRIKE MEINHOF forderte. Matthias Walden schrieb, Böll selbst sei „der geistige Vater der Gewalt". Wer diesen friedliebenden Mann, diesen Pazifisten der ersten Stunde kannte, seine Romane und Erzählungen über die Soldaten im Zweiten Weltkrieg, über die Heimkehrer, Versehrten und Verlierer der Nazizeit gelesen hatte, seinen milden Spott für die Reichen und Mächtigen kannte, den rheinischen Katholiken, dem die Kirche zu satt und zu selbstgefällig war - der konnte sich vorstellen, wie ihn der Vorwurf der Gewalt treffen mußte.
Er strengte einen Prozeß an, um seinen guten Ruf wiederherzustellen. Er verlor durch alle Instanzen, er verlor auch viel Geld, aber in seinen Augen war vor allem seine Ehre verloren. Er wehrte sich, indem er ein Pamphlet schrieb, dessen Fahnen er mir schickte: DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM - und er kannte mich gut genug, um zu wissen, daß ich der richtige Adressat war.
Der Start des Films mit Angela Winkler in der Hauptrolle geriet zur Volksabstimmung. Die Zuschauer stimmten für Heinrich Böll, gegen die Springerpresse, gegen die Aufrüstung des Polizeiapparates, gegen die Hysterie und die Sondergesetze aller Art. 
Auf den DEUTSCHEN HERBST will ich nicht weiter eingehen, das Thema gehört zwar zu meiner Biographie, ist aber genug strapaziert worden.
Ein anderer Film sollte mir für den Rest des Lebens anhaften wie ein Markenzeichen: DIE BLECHTROMMEL.


 ACHTENS: OSCARPREISTRÄGER 
 (Zu ihrer Beruhigung: bei der Zwölften Identität mache ich Schluß; ich habe ohnehin schon einige übersprungen, insbesondere daß ich unter dem Einfluß Margarethe von Trottas zeitweilig FEMINIST war.)

Abzusehen war der Erfolg der BLECHTROMMEL anfangs nicht, aber auch das Scheitern könnte interessant werden, weshalb Günter Grass mich aufforderte, Tagebuch zu führen.

23. April 1977
Heute zum ersten Mal DIE BLECHTROMMEL gelesen, nicht an einem Tag natürlich. Ich versuche mir Film vorzustellen, eine Freskenmalerei, Weltgeschichte von unten erlebt: riesige, spektakuläre Bilder, zusammengehalten von dem winzigen Oskar.
Sept 78
Günter Grass besucht uns am Drehort in Danzig. Wir sprechen über Oskar Matzerath bzw. über David Bennent. Ich war ein sehr ernstes Kind, kein enfant terrible. Manchmal habe ich den Eindruck, daß ich beim Drehen versäumte Kindheit nachhole, eigene Kindheit bewußt nacherlebe. Dabei hilft mir David, der für mich mehr als ein Schauspieler ist: er ist ein Medium. Er hat selbst Probleme, die ähnlich sind wie die des Oskar Matzerath, deshalb wirkt er so authentisch. Er spielt nicht den Oskar, sondern er ist selbst ein Oskar. Das rettet uns vor einer normalen Adaptation, der Film wird auch ein Dokument über das besondere Kind, das David ist.

Als der Film in die Kinos kam, besorgte ich meinem Vater Karten für das Walhalla in Wiesbaden. Er, der schon das Projekt TÖRLESS, in dem er eine Schweinerei nach § 175 vermutete, hatte verhindern wollen, faßte sein Urteil diesmal noch knapper: "zum Inhalt des Films gibt es nur ein Wort, Doppelpunkt: scheußlich! Aber dafür bist ja nicht du, sondern Günter Grass verantwortlich." Insofern hat ihn denn dann die Goldene Palme und der Oscar auch nicht weiter geschmerzt, Hauptsache ich hatte Erfolg. Lieber wäre es ihm allerdings gewesen, ich hätte eines seiner Lieblingsbücher verfilmt, DER LIEBE AUGUSTIN oder MOSELFAHRT AUS LIEBESKUMMER. 
 Im übrigen erinnere ich mich daran, daß mein wunderbarer Produzent mir in Cannes zuflüsterte:
- Mein Ärmster, von jetzt an wirst Du schrecklich leiden.

Was aber nicht eintrat... Im Gegenteil bin ich dankbar für das Markenzeichen aus Hollywood, das es mir erspart hat, bei den von jetzt an unvermeidlichen Telefonate mit Amerika, meinen Namen mühsam buchstabieren zu müssen.

 

NEUNTENS: Handlungsreisender

Kurz vor meiner Abreise nach New York, wo ich, im Sommer 1984, mit Jeremy Irons die englische Fassung von SWANN aufnehmen sollte, erhielt ich eine Nachricht von Dustin Hoffman, der mich treffen wollte. Ich wußte, daß er am TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN von Arthur Miller arbeitete, besorgte mir das Stück und las es auf dem Flug. 
 Willy Loman fährt mit seinen Musterkoffern durch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Er ist überzeugt, dass er bald reich sein wird, daß auch seine Söhne Biff und Happy es weit bringen werden. Er verdrängt, daß er überschuldet ist, daß seine Söhne in der Schule durchgefallen sind, und daß der Wettbewerb mörderisch ist. Seine Frau Linda unterstützt die Lebenslüge auch noch, als er von seiner Firma gefeuert wird. Nur Biff versucht in einer leidenschaftlichen Auseinandersetzung seinen Vater zu der Einsicht zu zwingen, daß er ein Niemand ist, niemals ein Jemand, ein somebody, sein wird. Unter Tränen fleht er ihn an, seinen falschen Traum zu begraben. Vergeblich.
 Die Lektüre rührte auch mich zu Tränen, was ich mir nicht erklären konnte. War ich etwa auch ein Willy Loman, der durch die Welt reist, seine Ware anpreist, selten etwas verkauft, sich aber große Illusionen macht? Ich sah einen langen dunklen Korridor mit speckigen Wachstapeten, durch den ein kleiner Mann aus der Tiefe auftritt, eine Silhouette, zwei Koffer voller Drehbücher schleppend, nichts Gutes verheißend...
 Viel und nichts hat sich geändert an der amerikanischen Wirklichkeit seit der HANDLUNGSREISENDE zum ersten Mal seine Musterkoffer auf die Bühne schleppte. Entlassen würde er heute wohl früher als mit dreiundsechzig, Biff wäre auch mit zweiunddreißig noch arbeitslos, ein Haus abzuzahlen dauert länger als fünfundzwanzig Jahre - und doch gibt es den amerikanischen Traum noch.... 
 Das Streben nach Erfolg betrachtete auch Arthur Miller als den einzig wahren Motor gesellschaftlicher Entwicklung. Er konnte sich nicht sarkastisch genug über den realen Sozialis¬mus der UdSSR etwa, die er aus eigener Anschauung ganz gut kannte, auslassen.
 
We never had a bad day, faßte Dustin am Ende unsere Arbeit zusammen, und so habe auch ich es empfunden. War ich in Frankreich auch nach zehn Jahren Schule, Studium und Arbeit noch ein Fremder, in New York gehörte ich vom ersten Tag an dazu. Es ist eben ein Einwandererland. Ich liebte das Leben in der Stadt, die frühen Fahrten, oft noch vor Morgengrauen, über die Queensborough Bridge ins Atelier, die ratternden Züge der Hochbahn, die jeden Moment aus den Gleisen zu springen drohten, die verlassenen Hafenanlagen in der nun aufgehenden Sonne, die erschöpften Fahrten spät abends zurück nach Manhattan. Oder später den Gang in den Schneideraum, wobei ich mich selbst beim Pfeifen im Fahrstuhl überraschte. Scorsese arbeitete im Raum nebenan und wunderte sich über diesen gutgelaunten Deutschen.
 Meinem Kameramann Michael Ballhaus ging es ebenso. Wir teilten uns ein kleines Haus in der Bleecker Street. Eines Tages waren Werner Herzog und Wim Wenders in der Stadt. Ich lud zum Essen ein und kochte Ossobuco. 
Wieso waren wir alle hier statt in Deutschland, fragte ich. Werners Vortrag war verzweifelt. In München schliefen ihm die Füße ein. Nachdem er sich jetzt, nach über 20 Jahren, von seiner Frau Martje, die er bei der Überfahrt zum Studium in USA kennen gelernt hatte, getrennt habe, und nachdem seine Mutter gestorben sei, komme ihm München fremd vor. Er frage sich, warum er da noch ein Büro habe. Er erkenne sich nicht mehr in dem, der einmal Filme wie FATA MORGANA gemacht habe. Das müsse ein anderer gewesen sein. Er fühlte sich als Opfer einer falschen Identität.
 Seinen Gletscherfilm am Himalaja habe er aufgeschoben, als er merkte, daß alle schon wieder neue Höhenrekorde von ihm erwarteten, daß man ihm unterstellte, nur Gefahr und unüberwindliche Schwierigkeiten zu suchen. Er fragte Wim, wie lange es bei ihm nach der Scheidung von Lisa Kreutzer gedauert habe, bis er wieder einigermaßen normal habe leben können? 
- Zwei Jahre, sagte Wim. 
- Habe ich also noch ein Jahr vor mir, schloß Werner daraus und fügte hinzu: Ich bin ein Komet ohne feste Umlaufbahn, wie Planeten sie haben. Ich schwirre in Millionen Stücken auf einer unsteten Ellipse durch den Raum. 
 Keiner der beiden hatte damals irgendwo einen festen Wohnsitz. Ihre Bücher und Sachen standen in Kisten im Flur der Produktionsbüros. Wim wohnte gerade bei Solveigh in Paris und suchte Geld für einen 6 Millionen Dollar Film, eine Liebesgeschichte, eine Reise rund um die Welt. Viel deutscher Ernst lastete auf unserem Gespräch, ansonsten hätten wir in der Tat Handlungsreisende sein können. Typisch für unsere Generation diese Wanderlust, dieser Wanderzwang, dachte ich, und typisch Deutsch. 
 Da begegnete ich ein paar Tage später Louis Malle, einem weiteren Exilanten, der bei seiner neuen Frau Candice Bergen am Central Park Süd lebte. Ich genoß den grandiosen Blick auf die Stadt und erzählte, wie wohl ich mich in New York fühlte... Die Arbeit in Amerika sei gut für mich. Ich versuche gar nicht, mich zu assimilieren, wie damals in Frankreich. Das brauche man in Amerika so wenig, wie eine Identität. Es genüge die Möglichkeiten zu nutzen, die sich einem Profi bieten. Just do it, nichts habe mir so geholfen, wie dieser einfache Satz. Endlich die Zweifel überwinden. Deshalb wolle ich hier abreiten...
 Louis Malle lächelte. Er wußte schon, daß auch das ein Traum war. Er habe einen anderen Grund: Candice lebe hier und bekomme ein Kind. Das sei ihm jetzt das Wichtigste. Also müsse er auch hier arbeiten.

Die nächste Arbeitsgelegenheit kam, und - just do it - ich drehte einen Film im tiefsten Süden, in Louisiana. 
 Manchmal setzte ich mich in der Pause in einen alten Autoreifen, der an einer Kette von einem Baum hing. Die Komparsenkinder sammelten Pecan-Nüsse ein, schlugen sie auf und gaben sie dem komischen Glatzkopf, der da vor sich hinschaukelte. Es war wie eine Zeitreise. So wie sie mich jetzt, hatte ich als Kind schwarze Soldaten, die ihre Väter sein konnten, bei uns im Wald beobachtet. Eines der Mädchen hieß Mahogany, wie Mahagonny, weil sie so pechschwarz war wie Ebenholz, ein Junge Mark. Ich wußte nicht, daß sie bald meine Kinder sein würden, 
mich jedenfalls bald

ZEHNTENS: DADDY

nennen würden. Bei Drehschluß sagte ich zu der Aufnahmeleiterin, ich würde gerne was für die kids tun. Wenn sie später mal auf die High School oder ins College gingen, würde ich gerne ... 
- Oh je, vergiß es, sagte Bernadette. So weit schaffen die es nie. Hast du gesehen, wo sie wohnen? Aus diesen trailer homes kommt keiner raus. Sie haben sicher nicht mal lesen und schreiben gelernt auf ihrer Public School.
 Beim Rückflug ließ mir die Sache keine Ruhe. Aus New York rief ich an und fragte:
- Könnte ich die Kids auf eine Privatschule schicken? Gibt es so was?
So was gab es sogar im nächsten Ort. Da gingen alle weißen Kids hin. Sankt Philomena hieß sie. Zwei Wochen später war ich zurück im Bayou, und besichtigte die Schule. Sie hätten zwar keine schwarzen Schüler, würden aber gerne welche aufnehmen. Es sei eigentlich sogar Vorschrift...

Mit meinem Vorschlag, mich ab sofort um die zehnjährigen Mark und Mahogany zu kümmern, hatten ihre alleinstehenden Mütter kein Problem. Am besten, ich nähme sie gleich mit nach Deutschland. Wäre das nicht wonderful? Ich erklärte, daß ich zur Zeit in New York lebte und viel unterwegs sei. Eigentlich ohne Familie. Also Leben und Schule müßten schon hier bleiben, Ferien und Reisen mit mir. Bis zur Volljährigkeit würde ich für alles aufkommen.

Um es kurz zu machen: Mark ist gerade aus dem Knast, county jail, entlassen worden. Er ist nicht nur volljährig, sondern dreißig Jahre alt, ich habe drei Enkel durch ihn, von verschiedenen Müttern. Vor vier Wochen war ich bei seiner Hochzeit in Napoleonville und habe ihm ein neues Dach für sein Mobile Home spendiert, das Alte hatte Hurricane Ike weggeblasen. Er arbeitet als Handlanger bei Off-Shore-Ölbohrungen, am Wochenende verdient er noch was durch Abhäuten von Alligatoren, skinning alligators, für Jagdtouristen. Mahogany hat ein Kind und ist Krankenpflegerin. Unser gemeinsamer Weg war mühsam und schön. Er geht weiter. 
 One man makes a difference? - ich bin mir dessen nicht mehr so sicher. Aber wenn wir dort zusammensitzen, einen Sack voll crayfish vor uns, sie auspellen, ein Bier dazu trinken, und ab und zu einer vorbeikommt und mir die Hand schüttelt, weiß ich, wir gehören zusammen, sind family. Wir lieben uns, was ja nicht heißt, daß man sich auch helfen kann.
 
 Das heißt, die Kids haben mir sehr geholfen, nur konnte ich selbst mir am wenigsten helfen: Eine neue Liebe war groß genug, das alte Leben mit Margarethe von Trotta zu beenden, nicht aber auf dem Scherbenhaufen ein Neues zu beginnen. 
Ich verfiel in eine regelrechte Depression. Als ich eines Tages die Neunte Avenue runter ging, traf es mich wie ein Schlag: 
 - HOMO FABER, das bist Du! Mit all der Hybris, dein Leben im Griff zu haben, deine Gefühle zu kontrollieren, nur deinem Verstand zu folgen! Wohin hat Dich das gebracht auf der Höhe des Lebens? Du schiebst ein Dutzend Projekte vor dir her, an die keiner mehr glaubt, gehst zweimal die Woche zum Shrink und bemitleidest dich. Du lebst in einem unwirtlichen Gehäuse, Ecke 55. Straße und 9. Avenue, in einem Viertel, das bis vor kurzem noch Hell's Kitchen hieß, gegenüber einem Supermarkt, wo Kriegsveteranen leere Dosen, die sie aus dem Abfall suchen, gegen ein paar Cent eintauschen, um sich den nächsten Six-Pack Bier zu kaufen... und redest dir ein, eine Erfolgsstory zu sein.

Ich rief beim Suhrkamp-Verlag an. Es hieß, Max Frisch mache das mit den Rechten selbst, ich solle mich an ihn wenden.
- Ja, die Rechte an HOMO FABER werden zum Jahresende wieder frei, sagte er mir am Telefon. Am besten Sie kommen im Januar nach Zürich, dann können wir darüber reden.


 ELFTENS: HOMO FABER

- Hoffen wir, daß es ein Buch wird mit gutem Ausgang. Wir wollen ja nicht das Elend der Welt vermehren. 
Mit dieser Absicht, sagte Max Frisch, habe er vor dreißig Jahren mit dem Schreiben des HOMO FABER begonnen - nicht ahnend, was für eine tragische Entwicklung die Geschichte nehmen würde. Die habe sich erst beim Schreiben offenbart.
Natürlich ging es bei unseren Gesprächen um mehr als die Adaptation von Literatur. Er blickte auf sein Leben zurück, er kannte auch in groben Zügen meine Geschichten. Frisch sagte: 
- Der Zusammenbruch rettet ihn davor, das falsche Leben immer weiterzuleben. 
Als Leitmotiv ertönt immer wieder der last call for passenger Faber, das heißt, Jedermann ruft: "Auch du bist sterblich!" Immer wieder zufallende Türen. Gewisse Dinge gehen endgültig nicht mehr. Die Zeit ist ausgelaufen. Die Illusion der Dauerhaftigkeit ist Fabers Irrtum. Mit Sabeth schleicht sich der Traum ein, er könne noch einmal neu anfangen, ein anderes Leben.

Einen Irrtum, den ich gut kannte...
 
Aber auch seine Geschichte nahm einen tragischen Verlauf: Bei einer Routineuntersuchung war Leberkrebs festgestellt worden.

Gleich nach Ende der Dreharbeiten im Juni besuchte ich ihn in Zürich. Er wirkte noch kräftig und richtete Salami und Käse zu einem Imbiss her. Er konnte sich noch selbst versorgen. Jeden Morgen ging er in die Stadt zur Massage. 
 
 Von seiner Krankheit sprach er äußerst unwirsch.
Ob er irgendwas aufschreibt, fragte ich ihn. Beobachtungen an sich selbst? Er winkte ärgerlich ab: 
- Kein Bedürfnis zu schreiben, obwohl: Es ist nie wirklich beschrieben worden, was man empfindet, wie sich die Welt verändert, aber ich will es auch nicht tun. Vielleicht gehört auch das zum Sterben.

Faber habe es da besser, er werde vom Tod überrascht.
- Ich stelle mir vor, daß Faber irgendwo an einer Straßenbahnhaltestelle wartet, ein Schwächeanfall überkommt ihn. Er lehnt sich an eine Mauer, sackt zusammen, bleibt liegen. Das ist alles. So ähnlich ist es mir vor kurzem gegangen. Das Ende, ganz undramatisch, als Zwischenfall auf einer belebten Straße.
 Er wusste, dass die Tage gezählt sind. Drei Wochen später ist er gestorben.
- "In meinen Träumen sehe ich geometrische Formen, Landschaften, fremde Menschen. Niemand, den ich kenne. Ich sehe mich umringt von anonymen Menschenmassen, wie auf dem Oktoberfest, wo ich nie gewesen bin, oder beim Verlassen eines Fußballstadions. Alle drängen in die gleiche Richtung, es ist die falsche. Ich denke, einer muss doch was sagen und ergreife das Wort: Wir müssen zurück an den Ursprung der Zeit! So wie man als Bub an einem schulfreien Nachmittag an einem Bach entlang klettert, um die Quelle zu finden. Aber die Zeit hat nie angefangen, hört nie auf, wie der Tod. 
 ZWÖLFTENS Ein Brandenburger

Wieder war es die Geschichte, die Historia, die in mein Leben eingriff. Gerade als ich dabei war, mich in USA auf Dauer einzurichten, fiel die Mauer. Jetzt müßte man in Berlin sein, war mein erster Gedanke, und ich folgte ihm. 
 Ich möchte nur kurz an den Traum erinnern, den wir damals hatten, wir glaubten an die Renaissance des deutschen Films, weil durch die Wiedervereinigung und das Aufeinanderprallen zweier gesellschaftlicher Systeme Stoffe auf uns zukommen mußten, die weit über Deutschland hinaus interessierten.
Nicht vorgesehen war, daß ich statt diese Filme zu machen, acht Jahre Studio Leiter sein würde. Was diese Arbeit als Manager betraf, die Modernisierung des Studios und die Erschließung des 47 Hektar großen Geländes, hätte unser Betrieb ebenso gut Backpulver oder Kugellager herstellen können, filmspezifisch war sie nicht. Als alles vorbei war, fühlte ich mich so befreit wie seit dem Abitur nicht mehr. Körperhaltung, Gesichtsausdruck, Schlaf, Essen und sogar die Verdauung änderten sich schlagartig. Ein Joch war von meiner Schulter genommen..
 Immerhin war ich seßhaft geworden, ja ich hatte inzwischen sogar eine neue Familie, Frau und Tochter, war nicht nur "daddy", sondern auch stolzer Vater. 
 In den fast sieben Jahren im Studio hatte ich zwar Dutzende anderer Filme produziert, aber nur einen selbst gemacht. Wild entschlossen, die verlorene Zeit nachzuholen, stürzte ich mich auf die Arbeit, vier oder fünf Filme sind schnell hintereinander entstanden - sogenannte 'kleine Filme', die vielleicht die großen sind.

NACHWORT

Am Ende dieser Wandlungen, bei denen Freunde und Frauen mich oft gewarnt hatten, "ich käme mir abhanden" - bin ich also immer noch da, möchte kaum eine der verschiedenen Inkarnationen missen. 
 Zugegeben: nicht jede der wechselnden Identitäten hat zu mir gepaßt. Die Frage ist: ist da etwas, was immer da geblieben ist? Gibt es unter all den Zwiebelhäuten des Peer Gynt und des Günter Grass nicht doch einen Kern? 
 Nein, es ist kein Kern im Innersten, aber irgendwo zwischen allem, ist da etwas. 
Es ist nicht im Kopf, ist kein cogito, ergo sum;
es ist auch nicht mein Charakter, cholerisch, ausdauernd, melancholisch, 
es ist weder im Herz noch im Bauch, es ist überall und nirgends, 
- das spüre ich aus Innerer Anschauung -

es ist etwas, das ein 'Ich' sein will, etwas, das will, daß ich ein 'Jemand' werde, 
das mich als Kind schon angetrieben hat
und heute noch antreibt. 
Wie soll man das nennen, wenn nicht ganz altmodisch 'Seele'.
So wenig ich weiß, ob ich eine Identität habe oder brauche, so sicher bin ich mir meiner Seele. 
Sie muß ja nicht unsterblich sein,
aber seitdem ich atme ist sie da. Und solange. 
Sie ist wohl der Atem, die Anima. Und sie hat keine Identität.