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Europa? Ich war nicht wählen!
Was haben die Nichtwähler gespürt, das sie fern hielt? Fünfzig Jahre lang hat mich der Europa-Gedanke beflügelt. Wieso ist mein Schritt plötzlich erlahmt?
Schande auf mein Haupt: Ich habe an jenem Sonntag nicht gewählt – für
Europa. Und das kam so: Ich war schon auf dem Weg, saß im Auto und
wollte losfahren, da dachte ich, warum nimmst du nicht das Fahrrad? Als
ich das Fahrrad aufgepumpt hatte, dachte ich, eigentlich lieber zu Fuß…
und so ging ich los. Aber irgendwas stimmte nicht mit mir. Beim Gehen
dachte ich daran, wie ich im Sommer vor 50 Jahren zum Europäer geworden
bin. Mein Vater hatte seinen ersten Käfer bekommen und fuhr mit uns,
seinen drei Söhnen, nach Frankreich, gleich anfangs vorbei an den
Schlachtfeldern, wo er 1917 Sanitäter war, dann zum Isenheimer Altar,
in viele Kathedralen, Schlösser und Bistros, wo wir zum ersten Mal
Pommes frites aßen.
Zwei Jahre später kam ich auf einem kleinen Bahnhof in der Bretagne an.
Ein Mann in schwarzer Kutte holte mich, den von 24 Stunden Zugfahrt
erschöpften Austauschschüler, ab. Bald wurde mir klar, dass ich erstens
bei den Jesuiten gelandet war, dass zweitens diese Provinz zu Recht
ihren Namen Finisterre trug: Es war das Ende der Welt, und (da
pünktlich zu meiner Ankunft Alain Resnais’ Film „Nacht und Nebel“
startete) dass drittens der Zweite Weltkrieg hier noch nicht so
vergessen war wie zu Hause im Rhein-Main-Dreieck, wo das
Wirtschaftswunder blühte. Es kam mir vor, als käme ich aus Amerika in
ein Europa, wo alle Häuser noch aus dem 19. Jahrhundert stammten, die
Autos aus den vierziger Jahren und die Menschen aus einer mir fremden
Kultur mit strengen Tischsitten, einer komplizierten Sprache und großen
Kolonialproblemen.
Tatsächlich war ich ja ein kleiner Amerikaner, aufgewachsen in einem
Ort voll junger GIs. Jeden Nachmittag gingen wir ins Amerika-Haus, um
in Zeitschriften zu stöbern, Musik zu hören, Bücher auszuleihen und vor
allem Filme im Original zu sehen. Vom sechsten bis zum 16. Lebensjahr
war mir alles Amerikanische vertraut und auf jeden Fall sympathischer
als das Deutsche. Nur geografisch waren die Staaten halt doch weit weg,
Frankreich dagegen lag vor der Tür. Und auch von dort kamen Filme, die
uns auf eine ganz andere Art begeisterten. Es war „Filmkunst“ von
Cocteau und dunkle Krimis mit Jean Gabin, verruchten Frauen und
schwarzen Citroëns.
Europa warb für Schüleraustausch und ich meldete mich. Mein Vater,
inzwischen glühender Europäer, um seine Verdun-Erfahrung aus dem Ersten
und die deutschen Gräuel aus dem Zweiten Weltkrieg zu überwinden, sah
mich schon mit einer krisenfesten Anstellung in Brüssel oder Straßburg.
Ich selbst hatte damals schon andere Pläne, war aber überrascht, wie
ernst die Priester meine Filmbegeisterung nahmen. Was mich mit den
jungen Franzosen verband, war unsere Liebe zum amerikanischen Kino
(auch heute noch der größte gemeinsame Nenner der Europäer). Die
Jesuiten lehrten mich Literatur und Philosophie, an der Sorbonne kam
Économie politique dazu, die Straße lehrte mich den Algerienkrieg, den
die FLN in die Metropole getragen hatte.
Aus dem kurzen Sprachaufenthalt von drei Monaten wurden zehn Jahre. Die
Nächte in der Cinémathèque, die Lehrjahre bei den Regisseuren Melville
und Malle vervollständigten meine Assimilation. Natürlich trug ich
einen existenzialistischen Rollkragenpullover, trank schwarzen Kaffee,
rauchte Gauloises und mein Schnurrbart datiert auch von damals. Doch je
mehr ich mich assimilierte, je mehr sprachen meine Freunde mich als
Deutschen an. Mir wurde klar, dass ich nie und nimmer Franzose sein
würde, immer das bleiben würde, was ich so ungern war.
Kulturell war Europa damals eine Einheit, von der man heute nur noch
träumen kann. Zunächst lag das an der Dringlichkeit, mit der alle die
vergangenen, noch so präsenten Kriege überwinden wollten. Dazu gehörte
das Lernen der Sprache der anderen, wie mein Beispiel zeigt. Dazu
gehörte der Austausch der Ideen in der Literatur, deren Autoren Sartre,
Malraux, Böll, Grass, Frisch, und Malaparte, so Pavese, weiter
Gombrowicz, in allen Ländern übersetzt und gelesen wurden, als seien
sie heimische. Ob Theater von Brecht, Giraudoux, Anouilh, ob Bergmans
„Siebtes Siegel“, ob Buñuels „Diskreter Charme“, ob Fellinis „Dolce
Vita“, ob Viscontis „Leopard“, ob Antonionis „Avventura“, ob „Außer
Atem“ oder „Die Liebenden“ aus Paris, ob „Die Liebe einer Blondine“ aus
Prag – es war ein und dasselbe Publikum in allen Ländern, die Kultur
hatte einen gemeinsamen Markt, einen europäischen.
Wie kommt es, fragte ich mich beim Weg zur Wahl, dass wir heute zwar
das gleiche Geld haben, die Bücher aber von Land zu Land immer weniger
übersetzt werden? Wie kommt es, dass kaum ein Schüler mehr bereit ist,
eine andere Sprache als die englische zu lernen? Wie kommt es, dass die
Auslandsbesuche sich auf Ferienorte beschränken? Wie kommt es, dass die
Filme im jeweiligen Nachbarland kein Publikum mehr finden? Im Schnitt
hatten die europäischen Filmländer bis in die siebziger Jahre bei den
Nachbarn jeweils etwa 20 Prozent Marktanteil, heute ist es noch ein
Prozent. Bei der Literatur dürfte es ähnlich aussehen, von den
Programmanteilen beim Fernsehen ganz zu schweigen. Hängt das
dialektisch irgendwie zusammen, dass die Kulturen sich einschließen,
wenn die Waren- und Geldmärkte sich öffnen?
Und was sagt das Europaparlament dazu? Inzwischen war ich nämlich vor
dem Wahllokal angekommen. Um mich zu motivieren, zählte ich mir noch
auf, in wie vielen europäischen Ländern ich gearbeitet hatte in den
letzten Jahren – es waren acht. In wie vielen Ländern ich regelmäßig
Steuererklärungen abgebe – drei. Wie viele Wohnsitze ich da habe –
dito. Wie viele Sprachen ich spreche – fünf (sorry). Also, Europa, here
I come. An die Urne!
Und da passierte es. Meine Beine trafen eine Entscheidung und traten
unverrichteter Bürgerpflicht den Heimweg an. Ich versuche mich zu
verstehen. Auf dem Weg hatte eine blonde Dame mit gnadenlosem Lächeln
mir zugerufen, ich sei selbst der beste Politiker. Joschka Fischer
hatte gegen jeden Anstand mit dem Finger auf mich gezeigt, was
eigentlich nur Uncle Sam mit seinem komischen Hut darf. Viele
Überschriften hatten mich daran erinnert, dass heute schon im Parlament
in Straßburg, in dem mein Vater mich so gerne gesehen hätte, mehr
entschieden wird als im Bundestag. Irgendwie muss ich alle diese
Aufforderungen als Nötigung empfunden haben. Ich wollte keines dieser
Gesichter als meinen Stellvertreter, ich wollte überhaupt kein
zusätzliches Parlament, keine Behörden und vor allem nicht noch mehr
Berufspolitiker. Meine Beine setzten dieses Unwohlsein in eine
Entscheidung um.
Das ist ja das Schlimme, soll Sam Goldwyn mal gesagt haben, du kannst
die Leute nicht zwingen, nicht nicht-hin-zu-gehen – an die Kinokasse.
Das Publikum hat eine Nase für das, was es sehen will, und vor allem
für das, was es nicht sehen will. Seine Entscheidung ist unfehlbar.
Jeder Einzelne ein Idiot, alle zusammen ein Genie, so definierte Billy
Wilder das Publikum. Insofern gehöre ich zur Hälfte der Deutschen und
den zwei Dritteln der Europäer, die jeder Einzelne ein Idiot sind,
zusammen das Genie, das sich dieser Wahl verweigert hat. Sicher
erklären die Politiker sich das Fehlen des Publikums bei der Wahl wie
wir Filmleute uns einen Flop erklären: Die Leute sind nicht
hingegangen, weil zu schönes Wetter war, weil’s geregnet hat, weil das
Plakat nicht gut war, weil es zu kurz vor Weihnachten war und sie
lieber Geschenke kauften, weil es zu kurz nach Weihnachten war und das
Geld weg, weil Fußball oder Grand Prix, weil die Presse nicht genug für
den Film geworben hatte usw. Wieso sollen aber die Nichtwähler ein
Genie sein? Was haben sie gespürt, das sie fern hielt? Ein
Informationsdefizit? Ich fürchte eher, sie wussten zu genau, um was es
da geht. Ist es vielleicht wie mit der Russischen Revolution, der wir
1917 alle mit der gleichen Begeisterung zugejubelt hätten, mit der wir
sie 1989 zu Grabe getragen haben? 1917 sah es nach einer guten Idee
aus, 70 Jahre später hatte die Utopie sich verbraucht. Was blieb, waren
Apparate und Bürokratien. Könnte es sein, dass die Nichtwähler Angst
hatten, es könnte uns mit der EU auch so gehen?
Vielleicht hat Europa ja seine großen Ziele schon erreicht: Ein Krieg
zwischen Deutschland und seinen Nachbarn ist nicht mehr vorstellbar.
Nach fast einem Jahrtausend solcher Kriege ist das mehr als die
Erfüllung einer Utopie. Jedenfalls mehr als alles, was ich mir als
Junge bei der Ankunft auf dem Bahnhof in der Bretagne erträumte. Zum
Zweiten hat die EU es geschafft, die Folgen des Kalten Krieges zu
verkraften. Als die Mauer fiel und die Staaten in der Mitte und im
Osten des Kontinents nach einem anderen Dach suchten als dem
sowjetischen, hat die EU sie aufgenommen. Dem westlichen Rumpf-Europa
fehlte jede historische Legitimität. Erst die EU der „26 und mehr“ ist
die Erfüllung dessen, was sich seit Charlemagne das christliche
Abendland nennt. Drittens haben wir keine Grenzer mehr, einen
gemeinsamen Markt und den dazu gehörenden Euro. Das ist alles großartig
und ging ohne gemeinsames Parlament.
Gleichzeitig mit diesen Errungenschaften entstand aber auch die
Erkenntnis, von keinem ausgesprochen und doch von der genialen
Intuition der Wähler erfasst, nämlich dass kein Land je auf seine
Souveränität verzichten wird. Will es seine Eigenart und seine Sprache
behalten, will es einen Einfluss auf das Tagesgeschehen in seinem Lande
behalten, will es bürgernahe Politik machen, dann darf es seinen Willen
nicht an ein diffuses, aus „26 und mehr“ Ländern beschicktes Parlament
abtreten.
Diese Überzeugung haben alle die ausgedrückt, die nicht zur Wahl
gegangen sind. Weil sie gemerkt haben, dass eine Grundvoraussetzung
für eine gemeinsame europäische Regierung nie erfüllt werden wird,
nämlich die Abschaffung der nationalen Regierungen. Dass also
zusätzlich zu allen real existierenden Apparaten und Behörden noch eine
Megabehörde im Entstehen begriffen ist, sozusagen als immense
Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Politiker und Beamte, mit all den
französisch-zentralistischen Reglementierungen, den deutschen DIN- und
TÜV-Vorschriften, sowie allen bürokratischen Wucherungen und
Nomenklaturen, von denen die neuen Staaten im Osten sich gerade befreit
haben.
Ich jedenfalls kann meine geradezu körperliche Unfähigkeit, das
Wahllokal zu betreten, ich kann diese Weisheit meiner Füße nur
verstehen als Weigerung, einen solchen Unsinn weiter mitzumachen. Jetzt
umdenken, damit es unserem Europa nicht eines Tages so geht wie der
Russischen Revolution. Genügt nicht ein Pakt unter Freien, eine Art
Rütli-Schwur der Regierenden, um mit einer Stimme zu sprechen. Ein
Commonwealth auf die britische Art, ohne Gesetze und Verfassung, auf
Jurisprudenz und Erfahrung gestützt? Ein Europa, das Regeln und
Institutionen abschafft, statt immer byzantinischere Richtlinien in
qualvollen Kompromissen zu etablieren?
Ein Kontinent, wo Wirtschaft und Kultur supranational sind, Politik und
Verwaltung aber regional und national, wäre das nicht eine Vision, für
die sich auch das Publikum, sprich die Wähler, wieder begeistern
könnte? Das Fundament ist heute grundsolide, sozusagen in Beton
gegossen. Muss da nun unbedingt ein so bombastisches Gebäude drauf wie
die französische Nationalversammlung mit ihren Säulen und Kolonnaden,
wie alle Staatsgebäude seit der bürgerlichen Revolution, die sich bis
hin zum letzten Amtsgericht ihre obrigkeitliche Würde von griechischen
Tempeln und katholischen Kirchen liehen? Genügt es heute nicht auf dem
bereits geschaffenen Fundament ein virtuelles Haus zu errichten, in dem
sich ein Netzwerk entfaltet, das die Ämter elektronisch verbindet? Für
ein zeitgemäßeres europäisches Gebäude dieser Art wüsste ich auch meine
störrischen Füße beim Gang zur Wahl auszutricksen. Durch Briefwahl oder
noch besser durch Wahl per E-Mail.